Letzte Aktualisierung am 23. März 2026
Dieser Artikel von Jens Walpert erschien ursprünglich im ersten Halbjahr 2001 im Seereisenmagazin und wurde von mir als Gastbeitrag veröffentlicht. Heute betreibt er das auf Kreuzfahrten spezialisierte Reisebüro Sonnendeck Seereisen – Walpert & Fiebig GbR, sowie das Forum Kreuzfahrtentreff. Interviews sind im merkst.de-Podcast Episode 9 und Episode 127 zu hören.
Foto: Jens Walpert mit Frau Jessica in dunklem Anzug bekleidet an Deck der MS Astoria
Schon als Kind begannen mich das Meer, die Schiffe, der Wind und die Wellen zu faszinieren. Bereits zu dieser Zeit zog ich den Urlaub am Meer den Berggipfeln- und Tälern der Alpen vor. Bald nahm auch mein Interesse an Schiffen und Schiffsreisen konkretere Formen an. Mein Traum war es, einmal eine Reise auf einem richtigen „Traumschiff“ zu unternehmen. Als ich dann vor ca. sieben Jahren zum ersten Mal die Planken eines Kreuzfahrtschiffes betrat, ging also für mich ein Traum in Erfüllung. Mit fast ausschließlich von verschiedenen Medien geprägten Vorstellungen solch einer Urlaubsform trat ich meine erste Kreuzfahrt an und bin seitdem der Überzeugung, dass es für mich keine angenehmere Art des Reisens gibt.
Warum blind Kreuzfahren?
Seit dieser ersten Reise, sie führte mich unter anderem in die Ostseemetropolen Stockholm, St. Petersburg, Helsinki und Visby auf Gotland, stellen mir jedoch viele Menschen – sowohl Mitpassagiere als auch Nichtkreuzfahrer die Frage, warum ich denn Kreuzfahrten unternehme, wo ich doch durch meine Blindheit keinerlei visuelle Eindrücke wahrnehmen könne, und bei so einer Reise gäbe es ja schließlich viel zu sehen.
Dieser Argumentation kann ich teilweise zustimmen, wenn auch nur insoweit, dass es ja tatsächlich viele Dinge zu sehen und visuelle Eindrücke wahrzunehmen gibt. Dass ich allerdings dadurch zwangsläufig von der gesamten Kreuzfahrt keine oder nur wenige Eindrücke und Erfahrungen sammeln könne, musste ich bereits in zahlreichen Diskussionen vehement bestreiten. Wobei ich jedoch durchaus nachvollziehen kann, dass sehende Menschen diese Meinung vertreten, da sie es sich verständlicherweise nicht oder nur bedingt vorstellen können, wie es möglich ist, ausschließlich mit Hilfe der verbleibenden Sinnesorgane Eindrücke zu gewinnen und zu verwerten.
Das Verständnis, dass es für mich keine angenehmere Form des Urlaubs gibt, war allerdings bei Mitpassagieren wesentlich größer als bei vielen Nichtkreuzfahrern, die diese Art des Reisens ohnehin als für sie ungeeignet betrachten. Das bedeutet, dass ich die meisten Nichtkreuzfahrer zusätzlich von den Vorzügen einer Kreuzfahrt überzeugen musste, um ihnen dann zu beschreiben, wie es möglich ist, als „blinder Passagier“ solch eine Reise in vollem Umfang zu erleben und zu genießen.
Zunächst muss erwähnt werden, dass ich persönlich keinen Unterschied bezüglich der Flut an visuellen Eindrücken erkennen kann, die es sowohl auf Kreuzfahrten als auch bei allen anderen Reiseformen für sehende Menschen zu bewältigen gilt, oder anders ausgedrückt: Ich bin der Meinung, dass fast alle Reiseformen für blinde Menschen gleichermaßen geeignet bzw. ungeeignet sind.
An Bord
Das ich mich auf meinen bisherigen Reisen vom ersten bis zum letzten Tag jedes Mal rundum wohl gefühlt habe, liegt vor allem daran, dass alle Besatzungsmitglieder, die sich um mein Wohl kümmerten, von Beginn an absolut perfekt und zuvorkommend mit meiner Behinderung umzugehen verstanden. Schon am ersten Abend meiner ersten Kreuzfahrt erhielt ich gleich einen eindrucksvollen Beweis für den professionellen Service, der mich fortan auf allen zukünftigen Reisen begleiten sollte. Als uns zu Beginn des Abendessens unser Steward die Menükarten brachte, erklärten wir, dass die meisten Personen an unserem Tisch blind seien. Daraufhin kam auch der Obersteward an unseren Tisch und bot spontan an, dafür zu sorgen, dass uns fortan bei jeder Mahlzeit die Menükarte vorgelesen werden würde. Wie sich zeigte, hatte es deshalb eine Besprechung des gesamten Restaurantpersonals gegeben. Dieser „Vorleseservice“ funktionierte reibungslos, sowohl bei offenen als auch während geschlossener Tischsitzungen.
Dies soll nur ein Beispiel für die rundum unkomplizierte und professionelle Umgangsweise der Crewmitglieder mit unserer Behinderung sein. Auch das Servicepersonal vom Ausflugsbüro trug zu einem großen Teil dazu bei, dass jeder Landausflug für mich zu einem interessanten und eindrucksvollen Erlebnis wurde. Selbst auf den ersten Blick ungeeignete Ausflüge, wie beispielsweise eine Gletschertour mit Schneemobilen auf Island waren kein Problem. Da die Schneemobile von jedem Ausflugsteilnehmer selbst gefahren wurden, stellte mir das Ausflugsbüro einen „Begleiter“ zur Seite, der mit mir zusammen Mittels Schneemobil über die Gletscher jagte, ein unvergessliches Erlebnis. Auch um mir die Teilnahme an zahlreichen Bordveranstaltungen zu ermöglichen, wurde von den Crewmitgliedern sehr viel unternommen. Ob es nun darum ging, beim Bingo für mich die Karte vorzulesen, oder mir die Teilnahme am Tontaubenschießen zu ermöglichen, man fand für alles eine Lösung.
Dazu muss gesagt werden, dass ich selbst nie darauf bestanden habe, an Ausflügen oder Bordveranstaltungen teilzunehmen, die für mich, zumindest ohne Mehraufwand der Crew, ungeeignet schienen. Ganz im Gegenteil, denn als ich beispielsweise beim Bordreisebüro meine Islandausflüge buchen wollte, wobei ich die Gletschertour für mich schon als undurchführbar außer Acht gelassen hatte, fragte man mich spontan, ob auch Interesse an dem Gletscherausflug bestehe, was ich eindeutig bejahte. Dann wurde mir sofort gesagt, ich bekäme einen „persönlichen Ausflugsbegleiter“, der für mich das Schneemobil fahren würde. Ich buchte den Ausflug und hatte, wie bereits erwähnt, ein unvergesslich schönes Erlebnis. Diese von mir aufgeführten Beispiele geben lediglich einen kleinen Überblick darüber, wie das Servicepersonal es immer wieder verstand, mir Erlebnisse und Eindrücke zu ermöglichen, die ohne ihren engagierten und unkomplizierten Umgang mit meiner Behinderung nicht denkbar gewesen wären.
Faszination Kreuzfahrt
Jedoch auch die Schiffsreise als Solche übt auf mich eine ganz besondere Faszination aus. Viele Kreuzfahrtpassagiere kennen es – das befreiende, belebende und erfrischende Gefühl, auf einem der oberen Außendecks am Bug zu stehen, sich den frischen, salzig schmeckenden Wind ins Gesicht wehen zu lassen, die sanften Bewegungen des Schiffskörpers zu spüren, oder an einem sonnigen Tag auf See im Liegestuhl dem Rauschen des Meeres zu lauschen, sich von der Sonne wärmen zu lassen, und einfach die Schiffsreise selbst in vollen Zügen zu genießen.
Auch die Tage mit Regen, Wind und hohem Seegang waren äußerst interessant für mich, da ich an solchen Tagen beispielsweise des Abends im Bett liegend vor dem Einschlafen sehr gern die Bewegungen des Schiffes, seine Reaktion auf anrollende Wellen und die Art sowie Intensität des Seegangs beobachtete. So war es mir nach einigen Reisen möglich, die Stärke des Seegangs sowie die Relation der Fahrtrichtung des Schiffes zur Bewegung der Wellen einschätzen zu können.
All diese zuletzt beschriebenen Eindrücke haben eine Gemeinsamkeit. Sie konnten von mir selbst wahrgenommen werden, ohne auf die Beschreibungen oder Erläuterungen sehender Menschen angewiesen zu sein. Jedoch sind auch dies lediglich Beispiele für die Vielfalt an Eindrücken und Wahrnehmungen, die ich durch meine verbleibenden Sinnesorgane ähnlich intensiv aufnehmen und erleben konnte, wie es einer sehenden Person möglich ist.
Fazit
Zusammengefasst bedeutet dies für mich, dass ich die meisten Eindrücke, Wahrnehmungen und Stimmungen ebenso erleben konnte, wie all meine Mitpassagiere. Zwar gab und gibt es Situationen, in denen ich auf die Hilfe sehender Menschen, sei es zur Beschreibung und Erklärung, oder zur Überwindung praktischer Hindernisse, angewiesen bin, jedoch hinterließ jede meiner bisherigen Reisen einen unvergeßlichen und angenehmen Eindruck. Was außerdem nach jeder Reise blieb, war die Sehnsucht nach der nächsten Kreuzfahrt, welche ich in diesem Sommer antreten werde. Sie wird mich rund um Britanien führen, und es wird meine neunte Reise sein, aber mit absoluter Gewißheit nicht die Letzte.

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