Test: Envision Glasses mit Ally, wirklich besser als die OrCam?

Letzte Aktualisierung am 8. November 2025

Längst überfällig und dennoch zur richtigen Zeit erscheint nun ein ausführlicher Langzeittest über die Envision Glasses. Im zweiten Teil folgt ein Test von Ally und ein Blick auf die Ally Solos Glasses mit einem völlig anderen Konzept. Mehr noch plant Envision Technologies B.V. offenbar, Envision AI durch Ally zu ersetzen, Hinweise innerhalb der App deuten zumindest darauf hin. Aus Transparenzgründen sei angemerkt, ich habe für meine Demo Edition nichts bezahlt und für die Envision Glasses im Gegenzug eine Audioanleitung für einen Händler erstellt und zum Teil den Support übernommen. Daher kann ich nun meine Langzeiterfahrung von eineinhalb Jahren in diesem Artikel mit einbringen.

Hier geht es zur Homepage von Envision und hier zu ARX Vision.

Die Anfänge

Im Jahr 2020 wurde mit Envision AI die App des gleichnamigen Herstellers und Gründers Karthik Mahadevan aus den Niederlanden veröffentlicht, zwei Jahre später folgte die Envision Glasses auf Basis der Google Glass Enterprise Edition 2 (kurz: Glass EE2). Sie ist eine eigenständig nutzbare Brille mit smarten Funktionen, die auch ohne Internetzugang in Teilen Texte vorlesen kann. So machte die Envision Glasses im Gegensatz zur 2018 erschienenen OrCam vieles besser, mehr Leistung und Features bei einem etwas größeren Formfaktor, hier der Podcast Episode 172 mit Ben Hofer über die Anfänge. Im Jahr 2024 startete die Betaphase für Ally, diese KI ist bereits einige Monate in den Envision Glasses integriert und die Ally Solos Glasses folgen aktuell.

Solos AirGO V Krypton 1

Prinzipiell kann man Envision AI als Allrounder bezeichnen, angefangen von der Text- über die Produkt- und Geldscheinerkennung, bis hin zum Beschreiben von Farben, Bildern und Szenerien. Während die App zu Anfang wahlweise als Einmalkauf oder monatliches Abo bezahlt wurde, hat man das einige Jahre später geändert und vertraut seitdem auf Spendengelder. Konkurrenten gibt es mit Seeing AI aus dem Hause Microsoft und Lookout von Google, die prinzipiell ähnlich, teilweise auch besser funktionieren und im Fall von Seeing AI ohne persönliches Benutzerkonto oder ein Abo auskommen. Mit dem ARX AI Headset oder den META Glasses lässt sich Seeing AI abseits von der Smartphone-Kamera einsetzen und so konkurrieren diese mit den Envision Glasses. Beide haben auch ihre Vor- und Nachteile, so bietet Seeing AI eine kombinierte Schnelllesefunktion mit ausführlichem Lesen auf Knopfdruck, während Lookout die beiden Funktionen unterteilt und dafür eine Hilfe bei der Dokumentausrichtung bietet. Beides findet sich auch in der Envision Glasses und wird später noch genauer beschrieben.

Envision AI App Meldung zu Texterkennung in Ally

Mit Ally verlagert Envision Technologies B.V. die genannten Dienste in eine generative KI, so dass man per Sprachbefehl die Texterkennung starten oder zumindest am Smartphone auf vorhandene Kalender- und Kontaktdaten zugreifen kann. In Envision AI nervt seitdem ein ständiger und nicht deaktivierbarer Hinweis, man solle doch alles mit Ally machen, das sei viel besser. Dazu benötigt man allerdings ein zweites Konto und kann immerhin seine Envision Glasses über einem QR-Code in der Ally App verknüpfen und die generative KI dann personalisiert verwenden. Ally kann derzeit manches nicht, beispielsweise gescannte Dokumente als Datei ausgeben oder in einem Leser anzeigen und ist daher nicht mit den Texterkennungsfunktionen von Envision AI und Glasses vergleichbar. Näheres zu Ally und den Funktionen gibt es im zweiten Teil.

Die Envision Glasses im Überblick

Die Google Glass EE2 erinnert weniger an eine Brille. Sie beherbergt die Elektronik im rechten Bügel, als linker Bügel dient der abnehmbare Titanstab mit Knickgelenk und Nasensteg. Das asymmetrische Gestell hat wenig mit einer Brille gemeinsam und Envision verkauft optionale Brillengestelle, in die Korrektur- oder Sonnenschutzgläser eingefasst werden können. Den rechten Bügel ersetzt man durch die Envision Glasses und befestigt diese über den Bajonettverschluss. Besonders ästhetisch ist das aufgrund der abweichenden Farbgebung nicht wirklich, zumal die Envision Glasses deutlich dicker sind. Es gibt sie in drei Editionen, Basic beschränkt sich auf Textlesefunktionen, Home enthält zusätzliche Anwendungen mit einem begrenzten Updatezeitraum und die Pro Edition soll laut Envision alle künftigen Features kostenlos enthalten und ein Zusatzrahmen von Smith Optics ist inklusive. Meine Demo Edition gleicht der Pro, allerdings ohne zusätzliches Gestell. Wirklich neue Features gab es seit eineinhalb Jahren nur mit Ally und ich gehe davon aus, dass man in die Envision Glasses nicht mehr viel Energie hineinstecken wird.

Envision Glasses Innenseite

Im Innern der Google Glass EE2 werkelt ein Snapdragon XR1-Prozessor, dem 3 GB LPDDR4 RAM und 32 GB eMMC Flash-Speicher zur Seite stehen. Links vorne am Bügel befindet sich ein transparentes LCoS monocular-Farbdisplay mit einer Auflösung von 640×360 Pixel, das je nach optischen Anforderungen leicht zur Seite schwenkbar ist. Als Envision Glasses werden Piktogramme der Einstellungen angezeigt, teilweise auch das Erfassungsbild der Kamera. Diese kann Videos mit 1080p bei 30 FPS aufzeichnen und benötigt mit ihrem Fixfokus einen Mindestabstand von 0,6 Meter, so dass man die besten Ergebnisse erst ab Armlänge erzielt. Die feste Brennweite mit einer Blende von f/2,4 scheint für eine gute Lichtempfindlichkeit zu sorgen, die man allerdings in der Praxis durch die Kompression bei KI-Anwendungen nicht bemerkt und Bilder wirken teils zu dunkel. Im Gegensatz dazu wird der Sensor bei gleißendem Sonnenlicht schnell überstrahlt und die Kunststofflinse erweist sich als kleiner Nachteil.

Envision Glasses Display

Das Bild ist zwar unscharf und überstrahlt, vermittelt aber einen Eindruck von der Helligkeit des Displays. Es ist wie ein transparenter Glasbaustein seitlich an der Envision Glasses montiert und man sieht entsprechend hindurch, so dass es auch bei Tageslicht ablesbar bleibt. Rechts daneben befindet sich das Knickgelenk mit der frontseitigen Kamera und darauf der Bajonettverschluss, der die Taste für die Sprachaktivierung umgibt, die genau genommen Teil des Titanbügels ist. Das anthrazitfarbene Gehäuse hat eine Aussparung für das Ohr etwa auf mittlerer Höhe, der Lautsprecher ist auf der Innenseite dahinter eingebaut. Die Sprachverständlichkeit ist gut, jedoch etwas höhenlastig und für Musik nicht geeignet. Hinten auf der Innenseite ist der senkrecht montierte und gut fühlbare Einschalter verbaut, die USB-C-Buchse findet sich an der Hinterseite. Klappt man die Brille zusammen, geht sie in den Ruhezustand und wacht beim Aufklappen wieder auf. Auf der Außenseite zwischen Ohr und Knickgelenk befindet sich das MultiTouchpadfür die Hauptsteuerung, zur Sprachaufnahme werden drei Beam-Forming-Mikrofone verwendet. Der Akku mit seinen 820 mAh sorgt für eine lange Laufzeit und kann mit PD 1.5 schnell geladen werden, im Optimalfall ist er in 50 Minuten wieder voll. Laut dem Datenblatt ist ein Wi-Fi 5 Modul mit AC-Standard verbaut,Über Bluetooth 5.0 können auch drahtlose Headsets oder -Lautsprecher genutzt werden. Aufgefaltet misst die Brille 182x55x29 mm und ist mit 46 Gramm recht leicht (51 Gramm mit Titanrahmen) und nach IP53 spritzwasser- und staubgeschützt. Ein Kameralicht soll ebenfalls integriert sein, davon macht Envision bislang kein Gebrauch. Genau wie bei den Ally Solos Glasses gab es ein Einführungsangebot für rund 1.600 Euro.

Envision Glasses Titanrahmen

Google hat die für $1000 netto verkaufte Glass EE2 auf der I/O offiziell vorgestellt und im Mai 2019 veröffentlicht, von daher hat sie jetzt im Jahr 2025 sechseinhalb Jahre auf dem Buckel und wurde inzwischen offiziell abgekündigt. Die originale Firmware läuft nicht mit TalkBack und basiert auf Android 8.1 Oreo, somit wäre sie im Urzustand ohnehin nichts für blinde Anwender und fokussiert sich primär auf industrielle und Alltagsaufgaben. Es gibt jedoch Projekte mit anderen Firmwares, so dass auch TalkBack und andere Android-Apps lauffähig sein könnten. Was damals als technisch recht beachtlich erschien, wurde unlängst durch Einsteiger-Smartphones überholt und das gilt auch für die Kamera, die jedoch dem erforderlichen Zweck genügt. Während aktuelle Smart Glasses prinzipiell Bluetooth-Headset mit Kamera sind und noch weniger mit Smartphones in der Bildqualität mithalten können, ist die eigenständige Arbeitsweise der Envision Glasses vor Allem im heimischen Netzwerk ein Vorteil. So kann man ohne Smartphone im Einzugsbereich des WLAN alle Funktionen nutzen, die weitgehend sogar offline verfügbar sind. Von Nachteil ist die schnelle Selbstentladung im abgeschalteten Zustand, hier hält die Envision Glasses bei Lagerung gerade mal eine Woche durch.

ARX AI Headset

Alternativlos ist die Envision Glasses nicht, denn neben der OrCam wäre das ARX AI Headset durchaus eine Alternative, das mit seinem Sony IMX179 Bildsensor mit 4K-Auflösung bei einem Erfassungsbereich von 74 Grad vertikal und 63 Grad horizontal bei einem Mindestabstand von 5 cm flexibler ist. Der kontinuierliche Autofokus mit der integrierten KI-Bildaufbereitung sorgt in Verbindung mit Seeing AI von Microsoft für erstaunlich detailreiche Ergebnisse, sogar bei größerer Entfernung, aber nicht bei wenig Licht. Das Konzept ist allerdings ganz anders, so wird es mit einem USB-C-Kabel mit Android-Smartphones verbunden (ein Adapter für iPhone 15 und neuer ist optional erhältlich) und erlaubt eine 400fache Datenrate gegenüber Bluetooth. Konstruktionsbedingt setzt es auf Knochenleitkopfhörer und wird hinter dem Kopf wie ein Headset getragen, so dass das Gesicht freibleibt. Das Kameramodul ist vertikal schwenkbar, so dass man am Tisch sitzend eine Zeitung ohne Verrenkungen lesen und zugleich eine Brille tragen kann. Das Sichtfeld ist ausreichend um bei einem Meter Abstand ein Supermarktregal in der kompletten Höhe zu erfassen. Die ARX AI App kann alternativ verwendet werden, ist allerdings in Version 1.4 nicht wirklich überzeugend, liest aber Texte mit eingebetteter Bildbeschreibung sehr gut vor. Auf einen Akku kann sie verzichten, mit modernen Android-Smartphones mit 5000 mAh und mehr ist ein stundenlanges Lesevergnügen garantiert. Bei der Kabelstrecke muss man allerdings aufpassen, dass man das Smartphone nicht vom Tisch reißt.

Die Envision Glasses ausgepackt

Zum Lieferumfang gehört ein schickes, speziell gestaltetes Hardcase mit Zubehörfach im Deckel, das mit einem Reißverschluss versehen ist. Die Box ist schwarz und in der Produktfarbe lila weich ausgekleidet, ein USB-A- auf USB-C-Ladekabel und ein Putztuch befinden sich im Karton mit Magnetverschluss und ebenfalls lilaner Farbtupfer. Das Putztuch ist übrigens auch entsprechend mit Logo und Punkten bedruckt. In Deutschland verkaufen Händler nur die Pro-Version mit Zusatzrahmen für rund 4.700 Euro, Envision verspricht eine kostenlose Nutzung von Ally Pro bis Ende 2027.

Envision Glasses mit Smith-Optics-Rahmen

Vielleicht vom BlindShell abgeguckt wurde die mit Blindenschrift versehene Klappkarte, welche lediglich den Link zu den Envision Glasses enthält und für vollblinde Nutzer ansonsten wenig hilfreich ist. Es fällt schon auf, dass sich neue Hilfsmittelfirmen stark am typischen Produktverpackungsdesign orientieren und man vielleicht besser diese Kosten zu Gunsten einer besseren Produktgestaltung investieren sollte. Solche Artikel liegen zumindest in Deutschland eher selten in einem Schaufenster und fallen aufgrund ihrer Verpackung auf. Natürlich isst das Auge mit und ich meine absolut nicht, dass man sich keine Mühe geben kann. Aber man sollte dabei die Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren und sich selbst hinterfragen, ob man die Käuferschicht wirklich gut versteht.

Envision Glasses Produktverpackung

Ist die Brille frisch ausgepackt, empfiehlt sie in dutzenden Sprachen mit der Google TTS, man möge sich zu envisionglasses.com begeben. Dort findet man eine kurze Einführung und App-Verweise in die jeweiligen Stores, die Aktivierung über die Webseite ist nicht möglich. Wer selbst kein Smartphone besitzt oder nicht sicher bedienen kann, ist auf Hilfe angewiesen und kann nach der Einrichtung fast alles an der Envision Glasses nutzen. Anstelle eines Smartphones kann auch ein BlindShell Classic 3 verwendet werden, hier installiert man zunächst falls noch nicht geschehen die Envision AI App und erstellt ein Konto. Je nachdem mit Apple, Google oder E-Mail, allerdings lässt sich die Auswahl später in den Kontoeinstellungen nicht mehr ändern. Wer beispielsweise Apple wählt, wird dann mit dieser Mailadresse ungefragt in einen Newsletter eingetragen, der offenbar auch mit den Shop-Mitteilungen kollidiert. So erhielt ich seit der Austragung über meine Bestellung der Ally Solos Glasses keine Statusinformationen, während andere damit regelrecht zugeschüttet wurden.

Envision Glasses Tasche mit Zubehör

Ich hätte es besser gefunden, wenn die Envision Glasses out oft he box die Grundfunktionen offline bieten würde, das wäre besonders für technisch nicht versierte Nutzer ein Vorteil. Nach der Einrichtung erfolgt ein Tutorial an der Envision Glasses und fortan braucht man das Smartphone höchstens noch zum Einstellen von Verbindungen, Menüreihenfolge ändern, Dokumente abspeichern, QR-Codes anzeigen oder zum Gesichter trainieren. Die Envision Glasses wird über das Touchpad und die Taste für die Spracherkennung gesteuert.

Envision Glasses rechte Seite

Die Bedienung ist recht intuitiv und nahezu selbsterklärend. Streichen mit einem Finger nach vorne und hinten geht durchs Menü, einmal doppelt tippen aktiviert die jeweilige Anwendung, die man mit zwei Fingern nach unten streichen wieder verlässt. Ein Doppeltipp mit zwei Fingern öffnet ein Kontextmenü. Hier lassen sich Einstellungen ändern oder Apps in ein erweitertes Menü verschieben, um sie quasi aus dem Weg zu räumen. Will man die Apps an der Envision Glasses sortieren, verschiebt man sie alle in das erweiterte Menü und holt sie in der Reihenfolge wieder hervor, wie man sie haben möchte.

Die Envision Glasses in der Praxis

Wenn man beachtet, dass man bei der Texterkennung die Vorlagen etwas vor dem rechten Auge auf halber Armlänge platziert, kann man sehr gute Ergebnisse erzielen. Schaltet man die Online-Erkennung aus, liegt die Envision Glasses mit der OrCam relativ gleich auf. Nervig ist das ständige Wechseln der Apps, sofern man die Spracherkennung nicht verwendet. Mit Seeing AI am ARX AI Headset kann ich vom schnellen Lesen auf Knopfdruck ein Dokument scannen, dazu muss man im Gegensatz bei den Envision Glasses immer aus der App gehen, weiterstreichen und die nächste App aktivieren, das finde ich ergonomisch etwas umständlich. Eigentlich hat die OrCam die bessere Autofokuskamera, dafür keine kontinuierliche Lesefunktion und schwächelt außerdem aufgrund der geringen Rechenleistung bei der Texterkennung. Um möglichst schnelle Ergebnisse abzuliefern, wurde diese zu Gunsten der leistungsschwachen Hardware etwas gedrosselt. Dagegen kann die Envision Glasses die Schwächen der Kamera durch ihre leistungsstarke Hardware in Verbindung mit der Online-OCR ausgleichen und die Erkennungsqualität ist dadurch besser. Ein wesentlicher Unterschied zur OrCam ist die verwendete Sprachausgabe. Während OrCam zu Beginn auf die Ivona TTS und aktuell auf Nuance setzt, hat Envision nichts investiert und nutzt lediglich die integrierte Google TTS in mehreren sich ähnelnden Stimmvarianten. Als Sprachausgabe für Smartphones geht das in Ordnung, aber hier geht es um ein von Krankenkassen durchaus finanziertes Vorlesesystem, da sollten auch bei der Sprachausgabe gewisse Mindestanforderungen gelten.

Envision AI App ohne Gesichter

Leider schlängeln sich durch die Software und Übersetzungen einige Bugs. In der eigenständig nutzbaren Envision AI App wird einem die eher durchschnittliche Übersetzung auffallen, die glücklicherweise bei den Envision Glasses deutlich besser gestaltet wurde. Setzt man die Envision Glasses auf die Werkseinstellungen zurück, bleiben alle Verbindungsdaten erhalten, einzelne Netzwerke und Bluetooth-Verbindungen lassen sich auch nicht löschen, obwohl dies teils als möglich erscheint. Das kann nicht nur beim Wiederverkauf zum Sicherheitsproblem werden, sondern nervt auch, weil sie sich als neu konfiguriert ständig mit alten Bekannten verbinden will. Das könnte man allerdings auch als Vorteil empfinden, denn eine neue Verbindung ohne Smartphone-App lässt sich nicht herstellen und bei bekannten Netzwerken muss man auch kein Kennwort mehr eingeben. Darüber hinaus benötigt man es für die Ersteinrichtung ohnehin. Bei Hotspot-Verbindungen empfiehlt es sich aufgrund der wählerischen Verbindungsfreudigkeit, alle Kompatibilitätsfunktionen zu aktivieren und die Verschlüsselung nicht auf WPA3 einzustellen. Trotz dass die Glass EE2 5 GHz versteht, gelangen mir nur Netzwerkverbindungen mit 2,4 GHz. Weiterhin kann man In den Einstellungen zwar das Display ausschalten und man sieht, wie es langsam aus- und einblendet, eine Helligkeitsregelung wäre daher besser. Manche mögen vielleicht gerne das Bild in der Voransicht betrachten, zudem überstrahlt bei maximaler Helligkeit aufgrund des geringen Kontrastverhältnisses das Schwarz in ein deutlich sichtbares Grau. Das Gesichtstraining funktioniert derzeit ebenfalls nicht mehr.

Envision Glasses Etui

Die Probleme ziehen sich weiter bis ins Envision Benutzerkonto. Gelöschte Konten werden nicht dauerhaft entfernt und bleiben erhalten, aber ihre Einstellungen werden wenigstens entfernt. Mehrfaches Nachfragen beim Support führte zur Schuldzuweisung an den Dienstleister, der für die Accounterstellung verantwortlich sei. Die App wird übrigens bei Firebase von Google gehostet, damit sollte effizienter Datenschutz eigentlich umzusetzen sein, das schreibt sich Envision schließlich auf die Fahne. Immerhin kann durch die Offline-Nutzung verhindert werden, dass gescannte Texte deren Server erreichen.

Die Envision Glasses Apps

Während die OrCam MyEye einige durch Gesten und Sprachbefehle aktivierbare Funktionen bietet, ist das bei den Envision Glasses anders organisiert. Drei Lesemodi, zwei Objekterkenner, zwei KI-Funktionen und darüber hinaus eine Farb-, Licht, Gesichts-, Geldschein- und QR-Erkennung stehen als Apps bereit und werden durch die Begleiterfunktion ergänzt. Als Weiteres ist Aira Explorer integriert, ein Dienstleister, der ähnlich wie Be My Eyes mit Personen verbindet, allerdings nicht für Deutschland lokalisiert. Schauen wir uns die Apps etwas genauer an, wobei ich die Standardreihenfolge nicht berücksichtige.

Envision Glasses Oberseite mit Taste

Für die Texterkennung stehen die Modi schnelles Lesen, ausführliches Lesen und mehrere Seiten scannen zur Verfügung, die sich faktisch selbsterklären und die Grundlagen der Envision AI App anbieten. Schnell lesen bedeutet, dass jeder in der Kamera gefundene Text unmittelbar auch bei Veränderungen vorgelesen wird. Das funktioniert gut, aber etwas träger als mit Seeing AI. Mit dem ausführlichen Lesen können Dokumente gescannt werden und mehrseitiges Scannen ist eher zum Speichern von Flyern, Büchern oder Magazinen gedacht, die man später am Smartphone weiterlesen möchte. Hier erfolgt kein Vorlesen, sondern die Dokumente werden nur gescannt und gespeichert, lassen sich an der Brille aber auch nicht abrufen. Mit dem ausführlichen Lesen wird der Lesemodus zum Navigieren geöffnet, der sich beispielsweise auch bei der Szenenerkennung zum Wiederholen der Ansagen nutzen lässt. Für die Dokumentlesemodi sind zwei Ausrichtungshilfen aktivierbar, die entweder über einen schneller pulsierenden Ton über möglichst viel Text im Bild informiert, so dass man beim Tippen auf das Touchfeld die Erkennung starten kann. Der andere Modus informiert über die gesichteten Ränder und startet die Erkennung automatisch. Darüber hinaus gibt es zwei Arten der Objekterkennung. Ein Modus nennt alle im Sichtfeld auftauchende und interpretierbare Objekte mit Ausrichtung im Uhrzeigersinn, während die andere App die Vorauswahl eines Objekts ermöglicht. Sucht man nur nach einem Stuhl, werden auch nur Stühle angesagt oder Wasserflaschen, Schuhe, Toiletten, Waschbecken und einiges mehr. Leider aber nicht mit Entfernungsangaben, sondern nur bezogen auf die Blickrichtung der Kamera. Die Aktualisierung erfolgt automatisch, sobald man den Kopf dreht.

Envision AI App Hauptseite

Die Szenenerkennung liefert eine Interpretation des gesamten Bildes, über die Spracherkennungstaste lassen sich Rückfragen zur Szene stellen. Das Ganze basiert auf ChatGPT und ist eine integrierte und somit kostenfrei nutzbare Funktion. Rückfragen können mit Internetzugriff auch weitreichender sein, wenn man beispielsweise ein historisches Gebäude fotografiert. Der akustische Vorzähler verschiebt unnötig den Erfassungszeitraum, auch hat die Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit der Szenenerkennung inzwischen abgenommen. Nicht selten gibt es einen Fehler und man muss erneut starten, zulasten einer vielleicht unwiederbringlichen Situation. Als weitere Features gibt es eine QR-Code-Erkennung, welche die zugehörigen Informationen in der Envision AI App anzeigt, die erwähnte Personenerkennung, sowie eine Farb- und Lichterkennung. Letztere bietet auch zwei Modi, ein pulsierender Ton bei hellerem Licht oder einen sich in der Tonhöhe verändernden Signalton. Die Abbildung und Auflösung empfinde ich als sehr gering, damit ist Envision aber nicht alleine und alle können nicht mit einem ColorStar oder FaMe Farberkennungsgerät mithalten.

Envision AI App Willkommensseite

Die Anruffunktion von Begleitern macht aus den Envision Glasses ein Video-Headset, so dass der Angerufene durch die Kamera schauen und unterstützen kann, während man mit ihm über Lautsprecher und Mikrofon kommuniziert. Das ist grundsätzlich eine gute und nicht wirklich neue Idee, andererseits und wesentlich besser wäre der Einsatz von Google Meet gewesen, das von den Google Glass EE2 von Hause aus unterstützt wird. Dann hätte man die Möglichkeit, jeden aus dem Adressbuch anzurufen. So aber muss man sein Umfeld nötigen, die Begleiter-App zu installieren. Damit ist Envision nicht alleine, auch Matapo macht Ähnliches mit der Tandem-Funktion im BlindShell Classic 3, der man allerdings zu Gute halten kann, dass Anrufer wenigstens das BlindShell aus der Ferne bedienen können. Die Begleiter-App von Envision ist eine lieblos programmierte und optisch langweilige App ohne Dunkelmodus. Nicht nur, dass man hinzugefügte Visionäre, so nennt Envision die Glasses-Nutzer, nicht wieder entfernen kann, selbst das Benutzerkonto lässt sich nicht löschen. Dieses müssen die Allys, wie die Begleiter früher hießen, erstellen und die App wartet im Hintergrund auf Anrufe. Weil man die Begleiter zumindest mit TalkBack nicht aus dem Speicher bekommt, könnten beispielsweise Trainer oder Lehrkräfte redseelige Schüler nur dann entfernen, wenn sie sich ein neues Konto anlegen und alle Kontakte neu einpflegen. Es hat übrigens den Anschein, dass die Begleiter-App inzwischen aus den Stores entfernt worden ist, aber in der Kürze konnte ich das jetzt nicht genauer nachprüfen.

Ally App Startseite mit Auswahlsymbolen

Ally als neuester App-Zuwachs ist abseits vom Smartphone sehr eingeschränkt, ein Zugriff auf Kalender und Kontakte ist nicht möglich und führt sogar zum Absturz. Auch wirkt die App wie mit der heißen Nadel gestrickt, nicht immer werden Bilder beschrieben, obwohl sie im Display angezeigt werden oder Gespräche brechen einfach ab und Ally reagiert gar nicht mehr oder startet einfach neu. Was hier derzeit geboten wird rechtfertigt leider kein Abonnement zu diesen Konditionen, durch die schwankende Qualität halten Gespräche eh kaum länger als 10 Minuten durch. Viele Funktionen der App lassen sich an der Envision Glasses nicht nutzen, außer das Umschalten der Allys und Aktivieren der Dialogfunktion ist von den Envision Glasses möglich. Die App ist auch noch nicht fertig übersetzt und will man mit Ally auf Zuruf sprechen, wird sie schon beim kleinsten Geräusch, Musik im Laden oder anderen Störungen unterbrochen und reagiert auf alles. Daher hat Envision werkseitig den Walkie-Talkie-Modus aktiviert, so nutzt man einfach die Sprechtaste wie bei einem Funkgerät. Immerhin fehlt der Einzähler von der Bilderkennung, aber diese dauert insgesamt länger und die Qualität ist deutlich schlechter. Alles in Allem ist Ally derzeit kein Zugewinn für die Envision Glasses.

Fazit

Wenn man sich zwischen der OrCam und den Envision Glasses entscheiden muss, fällt die Wahl trotz fehlendem Autofokus eigentlich leicht. Die Handhabung und Ergonomie der Envision Glasses ist gut, die Apps liefern mehr als brauchbare Ergebnisse und die Akkulaufzeit ist der OrCam weit überlegen. Von Nachteil ist die Lagerzeit von einer Woche bis zum leeren Akku, die normale Google TTS, die derzeit absolut unausgereifte Ally und dass die Inbetriebnahme ohne Smartphone nicht möglich ist. Wenn sie jedoch eingerichtet wurde, ist der Griff zur App nur noch äußerst selten nötig und Dank integriertem Wi-Fi bleibt man unabhängig vom Smartphone. Wer allerdings kein Internet hat oder benutzen will, bekommt in der Leistungsklasse nicht viel mehr als von der OrCam geboten, die prinzipiell ohne App und vollständig offline funktioniert. Trotzdem bewegt sich wenig und vieles läuft nicht rund, das sollte in dieser Preisklasse nicht sein. So kann man von der OrCam sicher denken was man will, programmieren können die Entwickler jedenfalls besser. Was mich aber richtig nervt ist diese unfassbar überschwängliche Lobhudelei, Envision, die beste App und Ally die weltweit beste KI für Blinde und Sehbehinderte, eine aus meiner Sicht recht einfältige Marketingstrategie. Gerade bei Hilfsmitteln findet man selbst schnell heraus, ob ein Produkt was taugt oder eben nicht, siehe meinen Test zur OrCam und das ging am Ende richtig schief. Dass auch Envision diese Masche besonders mit Ally auf die Füße fallen könnte, lest Ihr im zweiten Teil.

Sei der Erste, der das kommentiert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert