OrCam MyEye 2.0, mehr Schein als Sein?

Letzte Aktualisierung am 29. September 2021

Jetzt ist es einige Monate her, dass ich die OrCam MyEye 2.0 gekauft habe und sie konnte sich im Alltag versuchen, zu bewähren. Oder sie musste es, schaffte es allerdings nicht. Meine Befürchtung, dass die emotionalen Schwurbeleien des Herstellers irgendwann wie eine Seifenblase platzen, wurde leider erfüllt. Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen vollblinden Personen, denen ich die OrCam MyEye 2.0 anlegte. Um eines vorweg zu klären, das Gerät ist nicht defekt. Eine zuvor kurz getestete OrCam MyRead 2.0 konnte ebenfalls nicht überzeugen. Ein richtiger Kracher ist auch der Umstand, dass die Produktseite des Herstellers nicht einmal barrierefrei aufgebaut ist, die Menünavigation klappt zumindest derzeit nicht mit NVDA und Firefox.

Was ist die OrCam?

Der Hersteller bewirbt es als Wearable, das trifft es im Kern. Die OrCam ist ein wie ein Lippenstift kleines Gerät, das seitlich am Brillengestell fixiert wird. Vorne ist eine Kamera mit zwei LEDs positioniert, nach Hinten flüstert ein Lautsprecher blinden und sehgeschädigten Menschen den erkannten Text ins Ohr. Das Ganze hat auch seinen Preis, 3.500 Euro kostet das Einstandsmodell MyRead, das lediglich Texte vorlesen kann. Für 1.000 Euro mehr bekommt man die MyEye mit Zusatzfunktionen, die allerdings den Preis nicht rechtfertigen. Aktuell wird die OrCam regelrecht aggressiv vermarktet, weil auch die Marge so hoch ist, dass sich das für viele Hilfsmittelhändler lohnt. Da inzwischen fast jeder die OrCam anbietet, wird man auf Messen und Ausstellungen kaum Kritik zu diesem Hilfsmittel hören. Die OrCam 2.0 ist bereits die überarbeitete Version in kompaktem Gehäuse, die erste Version hatte noch ein externes Steuergerät, das mit einem stärkeren Akku ausgestattet war.

In dieser Podcast-Episode habe ich einen Tag mit der OrCam dokumentiert. Dabei handelt es sich nicht um ein exemplarisches Beispiel, sondern diese Erfahrungen wiederholten sich von Tag zu Tag. Ein wirklich winziges Gerät, das technisch absolut beeindruckt, mit einer ebenso beeindruckend schnellen Texterkennung. Das war es aber auch schon, denn die Schnelligkeit hat ihren Tribut, massive Erkennungsfehler selbst bei gedruckten Büchern auf weißem Papier sind üblich. Einzig bei gleißendem Tageslicht schaffte es die OrCam, mit wenig Fehlern auszukommen, aber wann ist das schon der Fall? Freiheit heißt ja schließlich nicht, mit einem Baustrahler durchs Haus zu tigern. Die zwei kleinen LEDs in der OrCam sind selbst zu schwach, Texte aus einem Abstand von 20 cm nennenswert zu beleuchten. Mein Alltag findet im Büro statt und derzeit bin ich darauf angewiesen, die Alltagspost zu lesen. Das kann sie auch, wenn es darum geht zu ermitteln, was auf dem Papier geschrieben steht. Geht es um relevante Daten, Zahlen, Fakten, mögen drei Durchgänge zu jeweils unterschiedlichen Zahlen führen. Kein Wunder, dass man in der Anleitung ausdrücklich vor dem Lesen von Medikamentenbeipackzetteln warnt. Aber mal ehrlich, hat sich das je ein Hersteller bei einem Texterkennungssystem um 3.500 Euro getraut? Da heiße ich auch schon mal Herk und die Meldung: „Es wurden zwei Zeilen unlesbaren Textes übersprungen“ ertönt häufiger, als dass der Akku leer ist. Wohl bemerkt bei direkter Draufsicht vor einemk Fenster mit Tageslichteinfall.

Die OrCam unterwegs

Weitere Tests machte ich im Alltag, wie im Mathematicum Gießen. Die Beschriftung der Exponate ist so groß, dass ich mit dem Auge die Zeilenabstände gut erkennen und Buchstaben fast noch lesen könnte. Weißer Text auf grünem Hintergrund bei guter Ausleuchtung machten ihr keine Probleme. Selbst das automatische Umschalten auf Englisch und Französisch ist für sie kein Problem. Im Gegenteil, dies erfolgt auch unvermittelt, was allerdings abschaltbar ist. Ein Stück Freiheit kann ich ihr daher in Ansätzen bescheinigen, auch wenn man dabei bedenken sollte, dass maximal drei Sätze zu lesen waren und das ebenfalls selten ohne Fehler gelang.

Dass das Erkennen von Straßennahmen aufgrund der Beschaffenheit blanker Unsinn ist, sollte sich inzwischen herum gesprochen haben. Quasi Schnappschüsse in der Straße führten zu gelesenen Werbetafeln, deren Position allerdings nicht angesagt wird. Gar nicht funktionierte das Lesen gedruckter Klingelschilder, hier sorgten vermutlich Polarisationseffekte für Probleme. Auch Kfz-Kennzeichen konnten aus verschiedenen Entfernungen nicht erkannt werden, die OrCam quittierte dies mit dem typischen Bimmeln. Vermutlich wird die Kamera bei gleißendem Sonnenlicht überfahren oder eine nicht entspiegelte Optik sorgt für Schwierigkeiten, das ist bei Kameras dieser Größe nicht ungewöhnlich. Hingegen funktionierte das Erfassen eines Fahrkartenautomaten, auch wenn die OrCam natürlich alles vorliest, somit auch die nicht relevanten Textinhalte. Dazu ist der Fingerzeig nötig, der das Erfassen auf den Bereich über dem Finger beschränkt. Auch das klappt nicht immer gut, eigentlich eher weniger. Besonders Im Supermarkt beispielsweise kann das Scannen einer Verpackung vor einem Regal aufgrund der unzähligen Beschriftungen zur Tortur werden.

Apropos Essen, natürlich habe ich auch nicht versäumt, sie an Speisekarten auszuprobieren. In einer hiesigen Lokalität an einem großen Tisch mit heller LED-Beleuchtung waren ebenfalls drei Versuche nötig, eine auf A4 gedruckte Speisekarte so zu erfassen, dass man mit dem Inhalt auch etwas anfangen kann. Durch die Ungenauigkeit sollte man sich tunlichst auf Preise und Positionsnummern nicht verlassen, im Grunde wird aber in Etwa deutlich, welche Zutaten zu welchem Gericht gehören. Das reicht vielleicht noch aus, aber mich strengen die Barrieren von Hilfstechnologien an, welche diese doch eigentlich abbauen sollen. Berücksichtigt man auch hier wieder den Preisbereich der OrCam, ist das Ergebnis einfach nicht zufriedenstellend und fernab der versprochenen Unabhängigkeit.

Die OrCam im Berufsalltag

Hauptgrund für die Anschaffung der OrCam war das Lösen eines Problems, nämlich kurz eingeblendete Fehlermeldungen an Bildschirmen zu erfassen. Das hatte ich mit dem KNFB Reader für iOS zuvor bewerkstelligt, der allerdings beim Verschluss der Kamera etwas zu träge ist und man auf diese Weise ein Wenig Händchen braucht. In der Tat ist die OrCam hier extrem schnell, aber ebenso schlecht, sogar noch schlechter. Ein Bildschirm im Textmodus mit dicken Lettern, weiß auf schwarz, hell leuchtend, überfordert sie. Da kann man zehnmal probieren, vielleicht hat man Glück. Ganz nervig ist es, wenn man zufällig auf die seitliche Taste kommt oder vergisst, den Finger aus dem Sichtfeld zu nehmen. Dann bricht das Vorlesen unvermittelt ab und der Text ist gelöscht. Zugegeben ein tolerierbares Phänomen, denn sie ist ja nicht für die dauerhafte Speicherung konzipiert. Begeistert hat mich, dass die OrCam bei einem Golf Cabriolet aus dem Stand heraus das automotive Display ablesen konnte. Aber auch das klappte bei drei Versuchen nur einmal.

Die Euro-Erkennung überzeugte hingegen, auch wenn ein Fünfer gelegentlich als 50er erkannt wurde. Dafür patzte die Gesichtserkennung, eines der sinnfreisten Features, die ich je in einem Hilfsmittel gesehen habe. Dabei wäre es praktisch, die Assistentin in einem größeren Bereich wieder zu erkennen. So scannt man Gesichter ein und macht ein perspektivisches Foto in einer Zeit von 30 Sekunden, hinterlegt einen Namen und speichert diesen ab. Bei einem oder zwei Gesichtern funktioniert das, aber wann ist diese Funktion sinnvoll? Richtig, bei einer großen Menschenmenge. Genau hier versagt die OrCam MyEye 2.0 auf ganzer Linie. Nicht nur, dass die Männer als Frauen erkannt werden, sie erkennt auch Personen als richtig, die gar nicht gespeichert sind. Klar, die künstliche Intelligenz, ein Fantasiewort der Informationstechnik. Genauer gesagt ein fehlerhafter Algorithmus, der nicht über den Status einer netten, verzichtbaren Beigabe hinauskommt. Denn nicht vergessen, für Objekt-, Farb-, Euro- und Gesichtserkennung plus Uhrzeitansage zahlt man 1.000 Euro drauf, zumal auch die Farberkennung mitunter interessante Ergebnisse zu Tage fördert, die nicht deckungsgleich mit der eigenen Wahrnehmung sind.

Fazit

In der Praxis stelle ich fest, dass ich trotz OrCam mehr und mehr dann doch zum KNFB Reader greife. Wenn ich Post sortieren und mehrere Dokumente erkennen muss, nutze ich die OrCam. Aber wann braucht man eine Texterkennung? Spontan und im Alltag meist nur kurz. Der Kontrast zur Ergonomie ist die Einsatzfähigkeit, vor Allem bei leerem Akku. Dann heißt es zunächst aufladen, als Weiteres muss man die Brille suchen, weil ich kein Brillenträger bin. Das Hochfahren dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie überhaupt startklar ist. In der Zeit habe ich den KNFB Reader auf Fingerzeig gestartet und 10 Seiten mal eben eingelesen und das mit gleichwertiger, meist besserer Qualität. Anfangs habe ich immer erst zur OrCam gegriffen und das toleriert. Wenn ich aber ein paar Zettel aus dem Briefkasten nehme, liegt das iPhone da, wo ich es brauche und ist umgehend startklar. Kurios ist, dass selbst ein iPhone Xs Max mit 512 GB Speicher für rund 1.650 Euro plus KNFB Reader für rund 120 Euro etwa die Hälfte kostet, als die OrCam MyRead 2.0.

Wenn ich auch die letzten Jahre stets die Kritik an der Hilfsmittelbranche vehement verteidigt habe, gelingt mir das bei der OrCam nicht wirklich. Satte 1.000 Euro und mehr springen als Marge für die tüchtigen Händler heraus, die sich euphorisch bemühen, die Nachteile hinter den tollen Vorteilen zu verstecken. Klar, sie ist ein tolles Gadget, geile und unnötig aufwendige Verpackung, stoffummanteltes Kabel mit magnetischem Microo-USB-Stecker und selbst die Laufzeit von 60 Minuten bei einer einstündigen Ladezeit kann ich absolut tolerieren. Sie allerdings als Medizinprodukt anzupreisen, gehört dringend hinterfragt. Als ich im Jahr 2004 beim LSG Mainz als Sachverständiger versucht habe, mit einem Texterkennungssystem erfolglos eine Lohnabrechnung einzuscannen, hat eine große Krankenkasse am selben Tag alle Verträge mit diesem Unternehmen gekündigt. Und jetzt soll ein Lifestyle-Produkt mit gleichwertiger Qualität auf Kosten der Allgemeinheit ein Medizinprodukt sein? Natürlich, weil der Bedarf geweckt ist und wie das iPhone ist auch die OrCam ein Produkt, das jeder haben will. Allerdings ohne Zugewinn der versprochenen Freiheit, denn die Ernüchterung kommt garantiert. Etwas, bei dem ich nicht mitspiele. Ich bleibe authentisch und verkaufe kein Produkt, das nicht wenigstens minimal das erfüllt, was versprochen wird. Selbst davon ist die OrCam aktuell entfernt. Vielleicht sorgen Firmware-Updates für eine Verbesserung, das scheint aber ob der begrenzten Rechenleistung kaum realisierbar. Allerdings würde ein Modus für eine schnelle oder genaue Texterkennung vielleicht einiges wett machen können. Denn nicht vergessen, es geht um ein Textvorlesegerät für 3.500 Euro, das die Qualität des KNFB Readers für unter 100 Euro nicht überbieten kann.

Ich rate dringend zur Skepsis und vor Allem dazu, die OrCam unter heimischen Bedingungen im Alltag zu testen. In jedem Fall sollte man das Thema Rückgabe mit dem Händler im Vorfeld verhandeln und sich auch schriftlich bestätigen lassen. Man ist bei OrCam ja geschickt und verkauft natürlich dazu eine Schulung, denn der persönliche Kontakt hebelt das Widerrufsrecht aus und so bleibt die Rücknahme des Händlers ein freiwilliges Entgegenkommen. Hat der Kostenträger das Produkt bezahlt, ist wenigstens der finanzielle Schaden für einen selbst gering. Trotzdem aber sollte es am Ende des Tages darum gehen, dass ein Hilfsmittel das tut, wofür es konzipiert ist: Im Alltag zweckmäßig, effizient und das auch im Sinne des Wirtschaftlichkeitsprinzips zu sein. Letzteres ist eigentlich das Problem, auch wenn das Marketing des Herstellers so gut ist, dass man immer neue Zielgruppen findet, die möglicherweise ein halbgares Vorlesegerät benötigen. Die technischen Defizite lassen sich auf absehbarer Zeit mit Kleincomputern nicht lösen, man könnte eher das Smartphone als Rechner nutzen und bietet eine drahtlose Kamera. Die könnte man dann aber wohl nicht für mehr als 500 Euro verkaufen, dann aber würde man wirklich den Menschen helfen und der Vorwurf der offensichtlichen Gewinnmaximierung stünde nicht im Raum.

28 Comments

  1. Selda said:

    So, genau so habe ich das auch wahrgenommen. Danke, dass mal tacheles geredet wird.

    25. November 2018
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  2. Lydia Zoubek said:

    Ergänzend dazu finde ich, dass man als lichtempfindlicher Teilzeitbrillenträger verloren hat. Wer wegen wechselnder Lichtverhältnisse eine Brille ständig auf- und absetzen muss, ist ständig damit beschäftigt die Orcam vor dem Herunterfallen zu schützen. Lebensqualität sieht für mich anders aus. Auch wenn dieses Gerät im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen steht, möchte ich es nicht haben. Denn es leistet weniger als so manche kostenlose App auf meinem Smartphone.

    26. November 2018
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  3. André Rabe said:

    Ich hatte von Anfang an, als ich die Orcam kennenlernte immer eine Mischung von Überraschung darüber was sie so erkennen kann, hatte aber dabei immer auch etwas grummeln im Bauch. Natürlich spielte der Preis eine nicht unwesentliche Rolle beim komischen Gefühl. Dein Bericht bestätigt meine skeptischen und zurückhaltende Haltung gegenüber der Orcam.

    26. November 2018
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  4. Selamet Aydogdu said:

    Ich habe zwar keine Orcam, konnte sie aber kurz mal testen. Ich finde diesen Artikel ausgezeichnet, da hier nicht versucht wird ein Hilfsmittel zu verkaufen, sondern wirklich sachlich dargelegt wird, wo das Hilfsmittel eben an seine Grenzen stösst. Es gibt also durchaus bessere Smartphone Apps, z.B. nebst dem KNFB Reader ich auch Envision AI für Android verwende. Dank der Smartphone App konnte ich sogar das Display einer Kaffeemaschine auslesen und selbständig konfigurieren.

    26. November 2018
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  5. JueTri said:

    So, du hast anderen blinden Menschen die Orcam „angelegt“. Konnten sie sie nicht ohne Hilfe anlegen? Seltsame Helfersprache!

    27. November 2018
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    • Stephan said:

      Mach Dir nichts draus, es gibt ja immerhin nicht minder seltsame Kommentare… – Wenn jemand vollblind ist, wird man ihm das Gerät in die Hand geben und erklären müssen. Oder meinst Du, es würde Sinn machen, ihnen stumm die OrCam vor die Augen zu halten?

      27. November 2018
      Reply
  6. Ich habe schon einige Berichte über die OrCam gelesen. Alle waren von Begeisterung und Lobeshymnem geprägt. Wer auf Hilsmittel angewiesen ist und auf etwas Erfahrung von Anpreisung und Realität zurückgreifen kann, hätte sich schon denken können, dass da was nicht stimmen kann. Dieser Beitrag ist sehr sachlich und das fehlt in der Hilfsmittel Bewertung leider zu oft.
    Danke für diesen Beitrag
    Andreas

    29. November 2018
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  7. Andreas said:

    Die OrCam ist halsabschneiderisch teuer für das, was sie leistet.
    Für 4.500 €, und das sind immerhin drei bis vier Spitzen-IPhones, dürfte man neben einer optimal funktionierenden OCR-Software ein internetbasiertes System mit z.B. einer Online-Fußgängernavigation erwarten. Blinde und Sehbehinderte sind natürlich froh über alles, was weiterhilft, aber die OrCam ist Schrottsoftware. Als ob es nicht schon Handys und Google Glass geben würde …

    25. März 2019
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  8. Stefan Reininghaus said:

    Hallo Zusammen,

    zunächst muss ich zugeben, dass ich selber keine OrCam mein eigen nenne, dafür jedoch meine Frau. Trotzdem möchte ich mich rundum den bisherigen Ausführungen gerne anschließen.

    Ich war seinerzeit, als meine Frau mit der OrCam versorgt wurde schon ein wenig gespannt, was dieses kleine – ach so hochgelobt angepriesene – Wunderwerk so alles leisten können sollte.

    Eigentlich bin ich nicht einmal wirklich enttäuscht, denn die OrCam macht genau das was ich von ihr erwartet habe. Und das ist nicht viel.

    Ich hatte mir wirklich etwas davon versprochen, dass die OrCam nun kabellos an einer Brille befestigt werden kann, und man so als Nutzer, im Gegensatz zu jeglicher iPhone-Lösung, eine Hand mehr frei hat. Leider ist es fast immer noch unpraktischer als beim iPhone. Zum einen braucht man fast immer zwei Hände um sowohl das zu lesende Schriftstück festzuhalten und richtig ins Licht zu halten, als auch die entsprechenden Handgesten vor der Linse der OrCam machen zu können. Da kann ich bloß sagen schade. Hier wäre eigentlich mal die Frage, was ist eigentlich, wenn man bzw. Frau ihre Fingernägel in einem hautähnlichen Farbton lackiert hat? Soweit ich weiß, nutzt die OrCam genau den Kontrast zwischen Fingernägeln und Haut.

    Ich bin auch nicht sicher, wie es anderen Nutzern ergangen ist, aber ich empfinde die Befestigungsmagneten trotz des geringen Gewichts der OrCam zu schwach. Und mir ist bereits mehr als einmal mulmig geworden, als dieses teure Gerät der Schwerkraft folgend in Richtung des Bodens sauste.

    Wie viele Hilfsmittel kann ich die OrCam lediglich als nette Technikstudie betrachten. Ernsthaft gesprochen, frage ich mich schon lange, ob bei der Entwicklung solcher Hilfsmittel auch mal potentielle Nutzer befragt werden, oder ob solche Entwicklungen eher „zufällig“ auch für uns nutzbar sind!?

    Solange man mit schlechten Hilfsmitteln gutes Geld verdienen kann, wird sich am dem konkreten Bedarf wohl auch weiterhin nicht orientiert werden.

    Mit freundlichehen Grüßen

    Stefan

    26. März 2019
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  9. Dagmar said:

    Ich arbeite an einer Schule für blinde und sehbehinderte Menschen und habe noch nie jemanden damit gesehen. Das scheint mir eher ein Hilfsmittel für Analphabeten zu sein, die nicht erkannt werden wollen. Dafür ist es allerdings reichlich teuer.

    10. Mai 2019
    Reply
  10. Ringo D said:

    Hallo zusammen

    Ich habe die orcam jetzt von der Krankenkasse bewilligt bekommen und bin schon ein bisschen demotiviert, nachdem ich die einzelnen Artikel hier gelesen- so zu sagen hätte ich sie nicht angefordert, hätte ich den Artikel vorher gelesen!

    Doch kein KNFB Reader ist auch recht teuer und hat nur 3,5 Sterne und mein Ausflug zu Android Samsung es 9+ war auch mehr oder weniger ein Reinfall!

    Wenn die Medizin wirklich so weit wäre, wie sie immer gepriesen wird dann sollen sie uns doch neue Augen machen das wäre doch mal toll oder?

    Ich werde die orcam einfach ausprobieren müssen und kann dann ja mal meine Meinung hier wiedergeben ?

    15. Mai 2019
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Hallo, App-Bewertungen sind selten ein realistisches Abbild der tatsächlichen Qualität. Manche bewerten nach der Ergonomie, andere nach der persönlichen Effizienz und so hat jeder seine eigenen Vorstellungen. Da muss man nüchtern die Produkte gegenüber stellen und da liegt die OrCam bei einer Preisdifferenz von über 3.400 Euro auf derselben Linie des KNFB Reader, der rund 100 Euro kostet. Ob Android ein Reinfall ist oder nicht, sieht auch jeder anders. Wir haben in der Community genauso Anwender, die vom iPhone zu Android und umgekehrt gewechselt sind. Ich würde keine 900 Euro mehr für ein Smartphone ausgeben wollen, wenn mir die Technologie in meinem Alltag keine Vorteile bringt. Dass Krankenkassen die OrCam finanzieren, ist aus meiner Sicht falsch und passiert, weil die OrCam als Medizinprodukt zugelassen wurde. An dieser Stelle muss man sich fragen, wie das überhaupt bei der unterdurchschnittlichen Erkennungsleistung überhaupt passieren konnte.

      15. Mai 2019
      Reply
  11. Manuela Lendrich said:

    Hallo Zusammen, ich habe die Orcam myreader 2017 gekauft und kann den Bericht nur bestätigen. Ich bin vollblind. Ich möchte die Orcam gerne abgeben.

    5. Mai 2020
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  12. Fred Vieth said:

    Hallo,
    Meine Ehefrau hat AMD und ist fast blind. Ich wollte helfen, bin aber jetzt über den Bericht der orcam sehr froh. Hab ich doch meiner Ehefrau wiedermal eine große Enttäuschung erspart und und meinen Brieftascheninhalt vor Totalschaden. ? Danke

    9. August 2020
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Ich bin meine OrCam MyEye 2.0 inzwischen los und umgestiegen auf die App Envision Eye. Gibt es für iOS und Android, kostet einen Bruchteil und ist um Längen besser und auf dem iPhone SE 2020 deutlich schneller. Das Instant-Lesen funktioniert auch, was sich sogar für Displays eignet. Hier kränkelt die OrCam an der Ergonomie, klein und leistungsstark in einem Gerät geht halt nicht.

      9. August 2020
      Reply
  13. Fred Vieth said:

    Hallöchen noch mal. Werden solche Geräte nicht von den einzelnen Krankenkassen vor der Bezuschussung getestet? Es gibt Fälle die wirklich hilfreich wären, von diversen Krankenkassen aber abgelehnt werden.

    9. August 2020
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Zunächst müssen die Hersteller die Anforderungen des Medizinproduktekatalogs erfüllen, das dürfte im Fall der OrCam die Produktgruppe 07 sein. Dabei geht es aber nicht darum, ob ein Gerät besonders gut oder praktisch ist, sondern so Dinge, wie die Hautfreundlichkeit oder Zugänglichkeit der Dokumentation, das wird anhand eines Katalogs überprüft. Bei vergleichbaren Textvorlesesystemen oder Bildschirmlesegeräten hat man Richtlinien, beispielsweise Diagonale des Bildschirms und das Vorhandensein eines Kreuztischs, was bei Produkten abseits des Mainstreams natürlich schwierig ist. Zur OrCam gibt es abseits der Apps keinen Vergleich, weshalb die Hersteller quasi nur die Randbedingungen erfüllen müssen. Es ist somit kein besonderes Highlight, wenn ein Hersteller bewirbt, dass sein Produkt eine Hilfsmittelpositionsnummer hat. Genau genommen bedeutet das nur, dass gewisse Anforderungen erfüllt werden. Es gibt schließlich auch Produkte mit entsprechender Zulassung, welche von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt werden, weil sie einfach nichts taugen. Da ist aber auch jede gesetzliche Krankenkasse freier in der Entscheidung, die OrCam hat das wohl noch nicht getroffen. Mir fällt nur auf, dass es erstaunlich ruhig um das Produkt geworden ist, vielleicht wurden viele Besitzer*innen inzwischen etwas entzaubert.

      9. August 2020
      Reply
  14. Walter Hoffmann said:

    Den Erfahrungsbericht kann ich nach eigener Anschauung nur als objektiv bezeichnen. Inzwischen ist ja seit einiger Zeit mit der Envision Glasses 2 Konkurrenz auf dem Markt, die nach meinem ersten Eindruck sowohl hinsichtlich ihrer Funktionalität und vielseitiger Anwendungen als auch hinsichtlich der Preisgestaltung durchaus punkten kann. In diesem Modell ist die Kamera direkt im Gestell integriert, und außerdem ist die Brille bei Bluetooth-Verbindung mit dem iPhone internetfähig!

    14. Dezember 2020
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Ja Walter, wir haben just den Podcast zur Envision Glasses veröffentlicht: https://merkst.de/#google_vignette
      Wenn man beide direkt miteinander vergleicht, muss man allerdings auch ergänzen, dass die OrCam MyEye autark und unabhängig vom Internet funktioniert. Die Envision Glasses benötigt dagegen für fast alle Funktionen einen aktiven Internet-Zugang und funktioniert mit der Offline-Texterkennung eher eingeschränkt.

      14. Dezember 2020
      Reply
  15. Stefan said:

    Hallo Stephan, liebe Leser,
    eher durch Zufall bin ich über diesen toll verfassten Artikel gestoßen. Vielen Dank an Stephan dafür. Während des Lesens erinnerte ich mich daran, dass meine Tante vor Jahren auf einer Familienfeier vollends begeistert ihr neues „Hilfsmittelchen“ anpries. An mein Unverständnis darüber, wie man von einem Gerät, welches so groß ist wie ein Walkman Anfang der Neunziger – und das ist nur die Prozessoreinheit – derart begeistert sein, als würde man zum ersten mal ein Gerät welches ein Telefon, ein Walkman und einen Internetkommunikator in einem einzigen Gehäuse vereint, kann ich mich noch sehr lebhaft erinnern. Es handelte sich hier ganz offenbar um das Vorgängermodell. Jedoch hat selbst dieses Produkt mangelhafter Ingenieurskunst bei seiner Benutzerin geradezu den Anschein erweckt, ein verloren geglaubtes Stück Lebensqualität wiedergefundenen zu haben. Mein Gesundheitszustand erlaubt es mir derzeit noch sehen und hören zu können. Selbiges könnte mir aber beim lesen Deines Artikels vergehen. Mir fehlt sowohl die Fach- als auch die Branchenkenntnis um mir ein fundiertes Urteil zu erlauben jedoch drängt sich mir hier der Eindruck der Scharlatanerie auf. Oder ist es doch der Einäugige, der unter den Blinden zum König erklärt wird? Der Fehler liegt wohl viel mehr am System. Wenn OrCam gebrauchte und nicht mehr gewünschte Systeme zu moderaten Preisen aufkaufen würde, hätte man die Gelddruckmaschine unseres Gesundheitssystems entdeckt. Die Manager von OrCam machen sicher aus ihrer Sicht sehr vieles richtig – inwieweit es moralisch vertretbar ist muss jeder für sich selbst entscheiden.

    8. Januar 2021
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Hallo Stefan und herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar zu dem Thema. Ich muss allerdings ein Bisschen die OrCam in soweit in Schutz nehmen, als dass ich nicht von Scharlatanerie schreiben würde. Sicher kostete die Entwicklung richtig Geld und da ist man natürlich auf Käufer angewiesen, Klappern gehört zum Handwerk. Mir würden auf die Schnelle bestimmt zehn Unternehmen einfallen, die noch fadenscheiniger werben. Beispiel Primark, wer glaubt, man bekäme für fünf Euro ein nachhaltiges Bio-Oberteil, wird nicht weiter als die Papiertüte denken können.

      Ich würde, sofern man es Problem nennen könnte, das etwas weitreichender fassen. Es gibt einen Hersteller, der will nur ein Produkt verkaufen. Anfangs in reichen Ländern, dann hat man festgestellt, in Deutschland gibt es einen Markt der Krankenkassen. Es fanden sich schnell Vertriebspartner, teils wirtschaftlich bedrohte Unternehmen, die sich über solch ein Produkt natürlich sehr gefreut haben. Ich weiß aus gut unterrichteten Kreisen, dass Mitarbeiter*innen sogar angehalten wurden, unter allen Umständen die OrCam mitzuführen und anzubieten, egal ob der Kunde sie braucht oder nicht, das sagt eigentlich alles. Das Problem beginnt für mich ab dem Punkt, an dem man sich Werbebotschaften zu Eigen macht und seine Kompetenz dahin gehend „verkauft“, dass man auf Messen Straßenschilder auf zwei Meter Höhe in geputztem Zustand aufhängt und den Leuten regelrecht vorgaukelt, sie könnten sich mit der OrCam draußen orientieren. Das sehe ich schon als ziemlich arglistig an, weil mindestens sehende Assistenzkräfte mit gültiger Fahrerlaubnis eigentlich wissen sollten, wie der Schilderwald in Deutschland gepflegt wird. Mit anderen Worten, man versucht, diese gespielten Emotionen zu verkaufen und nimmt billigend in Kauf, dass Kunden wirkliche Hoffnung in Hilfsmittel stecken. Das habe ich aber nicht nur bei der OrCam erlebt, Späterblindete sind auf Messen nicht selten „leichte Beute“.

      Ich habe vor über 20 Jahren selbst begonnen, Hilfsmittel zu verkaufen und vorher auch schon Beratungen durchgeführt, bin so gesehen ein alter Hase in diesem Bereich. Für mich kam aber nie in Frage, Produkte oder Unternehmen zu unterstützen, von denen ich nicht überzeugt bin. Auch endet für mich die Betreuung nicht mit dem Verkaufen, denn Fragen kommen hinterher. Ich habe es früher schon nicht gut gefunden, wenn Unternehmen quasi den Verkauf über den Menschen gestellt haben. Fernseher kann man so verkaufen, generell Unterhaltungselektronik oder Haushaltsprodukte, der Kunde merkt eh erst während der Benutzung, ob das Produkt wirklich gefällt oder eben nicht. Bei Hilfsmitteln geht es aber um etwas mehr und hier sind mögliche Risiken und Nebenwirkungen wichtig zu vermitteln. So habe ich mich beispielsweise nie als Verkäufer gesehen, sondern als „Überbringer“, nenne ich das mal so, von Lebensqualität. Ich wollte mich am nächsten Tag noch im Spiegel angucken können und mir war immer wichtig, dass der Kunde bzw. Betroffene auch lange Freude an seinen Produkten hat. Eine OrCam wäre nie in mein Sortiment gekommen, auch wenn die Margen sehr attraktiv sind. Natürlich kann ich genauso verstehen, dass ein Unternehmen mit vielen Mitarbeiter*innen Verantwortung in anderen Bereichen übernehmen muss, da lässt sich so idealistisch sicher nicht arbeiten. Trotzdem fände ich es ehrlicher, auch die Nachteile ebenso anzupreisen, dass man potentiell unzufriedene Kunden im Vorfeld vermeiden kann. Ich weiß nicht, wie der Gebrauchtmarkt aussieht, meine OrCam habe ich jedenfalls inzwischen verkauft. Es ist übrigens auch noch ein Unterschied, ob man Hilfsmittel selbst kaufen muss, wie in meinem Fall, oder bezahlt bekommt. In letzterem Fall wird man sicher eher über manches hinweg sehen können.

      8. Januar 2021
      Reply
  16. Hr. Seidel said:

    Ich habe kein Handicap und habe über Umwege diesen Artikel gelesen – sehr eindrucksvoll geschrieben! Ich bedauere es sehr, das die Herstellungsfirma so agiert und ein sehr günstiges Hardware-Produkt so teuer verkauft, was ebenso die mittelmäßige Software betrifft.
    Denn schon vom lesen des Erfahrungsberichtes selbst, lässt sich auf diese unausgereifte Technik schließen – ich kenne mich gut mit IT Produkten aus!
    Es ist wirklich bedauerlich wie Menschen die Hilfe benötigen abgezockt werden, auch wenn es über Kostenträger (wie Krankenkassen) laufen sollte, so sind alle betroffen die dort einbezahlen.
    Vielleicht sollte sich das Unternehmen mit Herrn Merk zusammensetzen und die Problematiken versuchen auszumerzen, die das Produkt aufweist.
    Oder den Preis des Produktes dem tatsächlichen Wert anpassen…

    12. Januar 2021
    Reply
    • Stephan Merk said:

      Hallo und vielen Dank für diesen Kommentar. Nun, auch wenn ich mit der Leistung alles andere als zufrieden bin, würde ich das nicht so sehen. Abzocken wollte der Hersteller sicher nicht, man muss auch Entwicklungskosten, geringe Stückzahlen und vor Allem fehlende Cloudanbindung betrachten. Alleine die Gehäuseentwicklung ist teurer, als manche denken, da spreche ich aus Erfahrung. Dann eine Menge Ausschuss, denn die Baseunit muss schließlich passen und das Kameramodul auch. Wenn das Ziel ein kleines Gerät war, das Texte brauchbar vorliest, wurden die Anforderungen erfüllt. Gleichwohl muss man die Konkurrenz bedenken, ich habe dazu auch zwei Podcasts aufgenommen. Die Envision Glasses als direkt vergleichbar ist besser, braucht aber ständig oder meistens Internet und ein Smartphone, läuft also nicht eigenständig. Damit sind alle älteren Leute raus, die aus welchen Gründen weder Internet, noch Smartphone haben oder nutzen können. Betrachtet man die Gehäusegröße, ist das Ergebnis daher schon phänomenal. Ich erlebe es seit über 20 Jahren, dass Tüftler sich immer bei mir melden und was weiß ich nicht alles vorstellen, unter Anderem auch Scanner in Kugelschreibergröße, die Text vorlesen können. Bei aller Lobpreisung habe ich nie ein derartiges Produkt gesehen, die OrCam ist aber genau das irgendwo.

      Wenn man das aus der IT-Sicht betrachtet und weiß, was man heute für eine Rechenleistung braucht, wenn eine Kamera noch dazu mit LED-Blitz verwendet wird und das Ganze maximal eine Stunde laufen soll, bewegen wir uns auf dem Level eines Feature-Phones. Wer würde einem aktuellen Nokia 5310 hingegen zutrauen, einen Text innerhalb von fünf bis zehn Sekunden vorlesen zu können? – Das ist eben die andere Betrachtungsweise und ich wäre in meinem Urteil deutlich gemäßigter, wenn wir uns über einen Bruttopreis von 1.500 Euro unterhalten würden. Selbst dann wäre es Hardware unter 100 Euro, aber man hätte das günstigste, eigenständig nutzbare Vorlesegerät und könnte die Kompromisse auch akzeptieren. Hier liegen wir mit brutto rund 4.500 Euro deutlich über dem Kassenpreis, da ist jedes Kameralesesystem zwar weniger portabel, aber deutlich zuverlässiger und schneller. Ich weiß nicht, was für ein SoC verbaut ist, würde aber auf einen ARM7 oder ARM9 tippen, den man vor 10 Jahren in einer TV-Box vorfinden konnte. Also Dualcore mit vielleicht 512 MB RAM und maximal 1,2 GHz, wahrscheinlich aber sogar noch weniger. Aktuelle OCR-Systeme, ob I.R.I.S. oder FineReader würden wahrscheinlich bei den Voraussetzungen für eine Seite ein paar Minuten brauchen.

      12. Januar 2021
      Reply
  17. Lars said:

    Auch wenn dieser Blogeintrag schon lange zurückliegt erlaube ich mir, noch einen Kommentar hierzu zu interlassen.

    Zunächst einmal ist die Grundidee der ORCAM genial: Der Kunde trägt (die möglicherweise auf seine Bedürfnisse angepasste) brille und befestigt die Kamera bei bedarf schnell und unkompliziert daran.
    Auch das Bedienkonzept erachte ich als sehr intuitiv: Viele Funktionen können benutzt werden ohne direkt mit dem Gerät interagieren zu müssen: Um beispielsweise eine Farbe zu erkennen, muss mit dem Finger lediglich für einen Moment auf den zu erkennenden Gegenstand gezeigt werden. Möchte ich den Wert einer Banknote angesagt bekommen, halte ich diese einfach vor die Kamera – gleiches gilt für die Produkterkennung.
    Das grosse Problem der ORCAM besteht ausgerechnet in Ihrer Kernkompetenz – nämlich der Texterkennung. Diese ist viel zu sehr von den Lichtverhältnisen abhängig, was natürlich gerade für ein mobiles Vorlesesystem ein „No-Go“ ist. Schaut man sich die Geschichte hinter der Firma ORCAM an so wächst das Unverständnis über diese Tatsache ins unendliche: ORCAM ist aus der Firma „Mobileye“ entstanden, welche 1999 gegründet wurde und sich auf die Entwicklung von Systemen für autonome Fahrzeuge spetialisiert hat. Die Firma wurde 2017 von Intel für 17.5 Milliarden Dollar gekauft, und ORCAM wurde 2018 in die Reihen der Unicorns (Unternehmen, die mindestens eine Milliarde Wert sind) aufgenommen – an finantiellen Mitteln fehlt es dem Unternehmen also definitiv nicht. tatsächlich nimt ORCAM damit in Bereich der Hilfsmittelhersteller eine besondere Rolle ein – handelt es sich bei den meisten dieser Firmen doch um kleine Betriebe, die sich gerade so an der Wasseroberfläche halten. Das es dem Unternehmen ORCAM finantiell äusserst gut gehen muss hat sich auch im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung eines Werbespots gezeigt, bei welchem niemand geringerer als der Weltfussballer Lionel Messi zum Einsatz kam – eine Campagne, wie es sie bis dahin im Hilfsmittelsektor schlicht nicht gegeben hat. All diese Tatsachen bringen mich letztlich zu folgenden Fragen: Warum ist ein Unternehmen wie ORCAM nicht in der Lage, ein besseres Produkt zu liefern? Warum kann das Gerät beispielsweise nach wie vor nicht Objekte erkennen – dafür könnte man doch die Synergien des Schwesterunternehmen Mobileye nutzen?
    Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch eine Neuerung nicht vorenthalten, die ich während dem letzten Jahr online gelesen habe: ORCAM informierte darüber das die Software nun in der lage ist, Spalten in Texten zu erkennen. Ich persönlich würde mich schämen, eine seit 15 Jahren selbstverständliche Funktion überhaupt anzukündigen – dass scheint mir in etwa so, wie wenn mich als Informatiker ein möglicher Chef beim Bewerbungsgespräch nach meinen Stärken fragen würde und ich ihm darauf antworte „ich kann den Computer einschalten“.

    Ich befinde mich in der glücklichen Lage, dass die Kosten für die ORCAM von einem Kostenträger übernommen wurde. Demnach werde ich das Gerät behalten in der Hoffnung, dass sich vielleicht in der Zukunft signifikante Verbesserungen ergeben – und falls nicht, so ist mir zu mindest kein finantieller Schaden entstanden.
    Fakt ist: Die ORCAM ist in Ihrer Konzeption und der Bedienung ein sehr gutes Produkt – das Problem besteht in den gelieferten Ergebnissen, die so gar nicht dem hohen Preis entsprechen.

    28. Juni 2022
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    • Stephan Merk said:

      Danke für die sehr interessanten Backgrounds, so tief habe ich da noch gar nicht recherchiert. Aber es ist mit diesen Unternehmenswerten nicht selten so, dass die Zahlen auch beschönigt werden. Ich habe das von einem anderen Hilfsmittelunternehmen jetzt erfahren, die Herrschaften mit dem Vibrationsgürtel, dass die eigentlich jährlich nur nach Zuschüssen suchen und bislang mit dem Teil keinen einzigen Euro verdient haben sollen. Das würde auch in diese OrCam-Schiene passen, die Frage ist ja nicht, wie gut das Produkt ist, sondern welche Analysten was sagen und wie sich Firmen nach Außen verkaufen. Die klassischen Hilfsmittelfirmen sind viel solider aufgestellt, das lässt sich vermutlich ger nicht vergleichen. Denken wir an Alpha Exploration, die Jungs hinter Clubhouse, da standen letztes Jahr 4 Mrd. USD im Raum, selbst bewertet. Schaut man sich die App heute an, nutzt sie kaum noch jemand.

      Bei der OrCam ist das ein geschicktes Marketing, die Hilfsmittelfirmen freuen sich, sich mit dem schnellen Verkauf über Wasser halten zu können, ob die Kunden das Ding im Ergebnis nutzen spielt ja keine Rolle. Wenn ein Kostenträger da ist, Du schreibst es ja, ist das auch egal, als wenn man wie ich das Ding selbst bezahlt. Nur das Problem ist ja auch: Wenn so ein Ding erstmal bewillig tist, hat man sich die Chance auf ein Vorlesegerät mit vernünftiger Arbeitsweise verbaut.

      Warum ist die OrCam so schlecht? – Nun, das reichste Unternehmen wird die Grenzen des Machbaren nicht überwinden können. Wenn man noch dazu große Stückzahlen produziert und das nur mit Software versucht zu wuppen, kommt man trotzdem an Grenzen. Die schlechte Lesequalität beruht ja auf mehreren Faktoren, das Licht ist ja fast noch das geringste Problem. Viel schlimmer ist die Fokussierung, das Teil kann ja erst ab einem Mindestabstand von 30 cm überhaupt schwarf stellen und das noch mit ziemlichen Verzeichnungen in den Randbereichen. Offenbar wird auch ein Mehrfeldfokus genutzt, so dass man vor einem Regal nicht das erkennt, was man in Händen hält, weil sich die meiste Fläche hinter dem Objekt befindet und fälschlich als das Wichtige erkannt wird. Dann hat das Teil wenig Power, sie wird ja so schon sehr warm, was ich Angesichts des Kunststoffs als grenzwertig empfinde. Man hätte auch einen Aluminiumkörper verwenden können, dann wäre sie vermutlich deutlich über handwarm geworden. Macht man schnelles Vorlesen direkt hintereinander, merkt man auch schön, wie das Ding runtertaktet, um nicht zu überhitzen. Man könnte sicherlich die Erkennungsgenauigkeit steigern, dann aber würde eine Seite bestimmt bis zu fünf Minuten dauern, weil einfach die Rechenleistung nicht reicht und der maximale Takt nur kurz gehalten werden kann. Eigentlich dieselben Probleme, welche ältere Smartphones auch haben.

      Was ich vermute, dass es irgendwann sicher eine viel bessere OrCam geben könnte, wenn die für teures Geld ihre billige Hardware los haben. Vorher würde es gerade auch Angesichts der Teileknappheit keinen Sinn ergeben, jetzt schon einen Nachfolger zu bringen, den man wieder aufwendig zertifizieren lassen müsste – das Ding verkauft sich ja so. Ein Generationswechsel bedeutet nämlich auch, dass eine Neuzulassung mit allen Kosten und Aufwendungen ansteht.

      Das sind natürlich nur Mutmaßungen, die ich aber von realen Geschichten ableite und somit sehr wahrscheinlich sind.

      28. Juni 2022
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      • Lars said:

        Obwol ich wie oben geschildert die Idee und das Interface der ORCAM sehr gut finde so denke ich, dass die Zukunft ganz klar Produkten wie den Envision Glasses gehört. Das niederländische Startup hat da einiges richtig gemacht: Man hat auf ein bereits entwickeltes System gesetzt, dessen Unterbau obendrein noch ganz viel Potential für die Zukunft bietet (Erweiterung durch Apps) – ausserdem hat man sich mit diesem klugen Schachzug eine Menge Entwicklungskosten gesparrt, was sich am Ende dann auch im Preis niederschlägt. AR-Brillen bieten sowol sehbehinderten wie auch blinden Personen noch so unglaublich viel Potential: Denken wir nur mal an eine zentimetergenaue Indoor-Navigation die dadurch funktioniert, dass die Brillenkamera Ihre Photos mit dem gespeicherten Bildmaterial vergleicht. Oder denken wir an eine Bahnreise, deren Ticket wir im DB Navigator hinterlegt haben und von dort dann auch gleich die Information erhalten, ob wir auf dem richtigen Gleis stehen oder der Zug verspätung hat – Zukunftsmusik, die technisch heute bereits realisiert werden könnte. Ich gehe aktuell davon aus, dass sich die ORCAM wohl gar nicht mehr so wirklich weiterentwickeln wird – ganz einfach deshalb, weil die Grenzen der Hardware erreicht sind. Ein Phänomen, dass sich an verschiedenen Stellen im Hilfsmittelmarkt beobachten lässt: sehbehinderte Kunden dienen gerne als Müllsäcke für die Entsorgung alter Hardware und zahlen dafür noch viel zu hohe Preise, was sodann zur weiteren Verschlechterung der Situation von Kostenträgern führt.
        Schauen Sie sich nur teilweise die Daisyplayer an: Mehr als zehn Jahre sind einzelne Produkte ohne Update auf dem Markt – und kosten genau so viel wie zu deren Einführung – stellen Sie sich nur mal vor, Sie würden jemandem ein iPhone 7 zum ursprünglich dafür aufgerufenen Listenpreis anbieten – wahrscheinlich würden Sie da höchstens ein müdes Lächeln ernten.
        Auch wenn ich die ORCAM nicht selber bezahlt habe so denke ich manchmal, dass ich sie einfach nicht hätte beantragen sollen – schon nur deshalb, um solche Hersteller nicht noch zu unterstützen. Aber da sind wir auch schon beim nächsten Punkt: Ein Hilfsmittelhändler kommt zu mir nach Hause, gibt mir das Teil in die Hand, erklärt es mir – und dann durfte ich noch ca. eine halbe Stunde damit arbeiten. Ich habe noch gefragt: „Wäre es nicht möglich, dass Sie mir das Gerät mal für ein paar Tage hier lassen – ich brauche mehr Zeit, um mir ein definitives Urteil bilden zu können“. „Nein“, hies es, „wir brauchen das Gerät für den Fall, dass wir kurzfristige Vorführungen haben“. Kohle machen, auf Teufel komm raus!
        Ich habe immerhin noch den lieben Hinweis von meinem Händler erhalten, dass die Kamera nur dann wirklich gut funktioniert, wenn auch die Lichtverhältnisse entsprechend gut sind – hinterher gedacht hätte dieser Satz eigentlich Grund genug sein sollen, dem Arschloch das Teil an den Kopf zu werfen. Wie soll ich, als vollblinde Person die Lichtverhältnisse beurteilen können? Die ORCAM kann ja nicht einmal das – sie ist nicht einmal dazu in der Lage mir mitzuteilen, ob es hell oder dunkel ist. Der Hilfsmittelmarkt hat seine ganz eigenen, häufig total befremdlichen Regeln, die mit klassischem Wirtschaften und Gewissenhaftigkeit nichts mehr zu tun haben. Käufer der ORCAM entscheiden sich für das Gerät, weil sie hoffen, mehr Lebensqualität zu gewinnen. Weil Sie hoffen, den verlorenen Sehsinn zu mindest ein klitzekleines Stück wieder zu bekommen – und merken dann am Ende, dass sie ein mal mehr im Stich gelassen wurden. Es geht bei dieser ganzen Geschichte um so viel mehr, als „nur“ eine schlechte OCR. Es geht um Vertrauen, Lügen, und Profitgier auf Kosten der Endkunden.

        5. Juli 2022
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        • Stephan Merk said:

          Naja, leider haben die Händler nur selten technischen Background, da wird unreflektiert nachgeplappert, was man so erzählt bekommt. Gerade OrCam haben diesbezüglich ein fantastisches Marketing nach dem Motto: It’s not a bug, it’s a feature. Gerade das mit dem Licht haben die mir auch verkaufen wollen, nur zu dumm, dass ich mich schon Jahrzehnte auch mit Foto- und Videokameras befasst habe und dadurch ein gewisses Grundwissen habe. Durch meine Arbeit mit Smartphones weiß ich daher auch sehr gut, wie sich die Kameras seit der Jahrtausendwende weiter entwickelt haben.

          Bezüglich des Fortschritts ist das alles schon richtig, aber genau genommen ist die Envision Glasses auch rund 1.000 Euro zu teuer. Was die DAISY-Geräte angeht, möchte ich aber widersprechen: Dass ein Gerät Updates bekommt, spricht für nachlässige Entwicklung, nicht unbedingt für Produktpflege. Ich mache jetzt kein Fass der Bugs auf, die es bei Apple immer wieder gibt und gab, bis hin zur Passwortspeicherung im Klartext. Man sollte nie den Fehler machen und dedizierte Hilfsmittel mit Smartphones vergleichen. Es gibt noch einen sehr großen Personenkreis, die aus welchen Gründen auch immer eben nicht zum Smartphone greifen wollen. Dieser ist aber nicht groß genug, als dass man jährlich neue Geräte auf den Markt werfen kann, die Braillezeilen von Papenmeier Stand Heute sind beispielsweise auch über 10 Jahre alt. Das ist auch überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil, wie DAISY-Spieler sind die Teile einfach ausentwickelt. Die Lackierung sah schon damals wie heute scheiße aus, daran wird sich auch erst was ändern, wenn Papenmeier alle lagernden Gehäuse verarbeitet hat. Das ist halt der kleine Markt und nicht anders, wie im HiFi-High-End-Bereich. Auch da sind Geräte über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte unverändert am Markt und werden sogar inflationär über die Zeit teurer, was den Gebrauchtmarkt stärkt. Ärgerlich ist das bei HIMS, wenn man nach Jahren der Braillezeilennutzung keine Ersatzakkus mehr bekommt. Siehe beispielsweise auch die Solutions Radio Webbox, die ich zu Anfang auch mit in den Markt eingeführt habe.

          Mit über 30 Jahren im Business bin ich diesbezüglich auch nicht mehr so euphorisch, was technische Neuerungen angeht. Wir erleben gerade, dass sich Firmen, die überhaupt keinen Plan von Blindentechnik haben, siehe Hable, ein tolles Produkt entwickeln und sich während der Pflege mit Grundgedanken auseinandersetzen, die ich denen schon bei den Whitepapers hätte verraten können. Das führt dazu, dass wir gerade eine Schwemme von Brailletastaturen erleben, die allesamt nur mäßig brauchbar sind und weil einige dieser Entwickler überhaupt nichts davon verstehen, schaffen die es nicht mal, in der Alpha-Firmware einen vernünftigen Zeichensatz einzubauen. Da wartet man auf die Käufer und dass die dem Hersteller quasi die Hausaufgaben machen. Das war früher anders, vor Allem weil blinde Menschen an der Entwicklung beteiligt wurden. OrCam, Hable One, FeelSpace, alles Produkte, die eher zufällig Blinden zugedacht wurden, weil die Leute nicht mal selbst was mit Behinderten zu tun hatten. Klar, man könnte jetzt einerseits sagen: Toll, das sorggt für Impulse und einen bewegten Markt, das stimmt, aber führt eben leider auch zu vielen halbgaren, wenn nicht sogar unbrauchbaren Produkten. Dazu zähle ich das BlindShell Classic 2 auch, das vieles richtig macht, aber auch nur eine halbgare Sache ist.

          Ich persönlich bin auch nicht der Ansicht, dass wir uns alles von der Technik abnehmen lassen sollten. Die Unselbständigkeit junger Menschen beobachtend, sehe ich den Trend schon sehr kritisch. Ich bin doch sehr glücklich, dass ich noch gelernt habe, mich autonom im Stadtverkehr zu bewegen, Ampelphasen heraushören und Hauseingänge finden und – ganz wichtig – nach dem Weg fragen zu können. Ich habe heute etwas den Eindruck, dass viele sich zu sehr auf die Technik verlassen, das könnte auch mal schief gehen. Es wäre anders, wenn wir europaweit beispielsweise fixe Standards für Beschriftungen, Markierungen, Ampelsignale und ähnliches hätten, aber das ist nicht so. Auch bezüglich der Navigation war ich schon sehr intensiv in der Materie. Zentimetergenau wird ein ewiger Traum bleiben, dazu reicht aktuell Bluetooth auch nicht. Die LIDAR-Scanner sind ein Schritt in die Richtung, aber es wird in absehbarer Zeit unmöglich sein, dass man ohne Verstand und Aufmerksamkeit irgendwo navigieren kann. Siehe auch Hinternismelder, alles ganz toll und was ist mit der kontrastschwachen Treppe nach Unten? Und die Umrüstung von Gebäuden will auch bezahlt werden. Dazu ist der Markt einfahc zu klein, Anstrengungen gibt es natürlich viele. Aber obwohl wir seit 20 Jahren wirklich gute Orientierungssysteme für Busse und Haustüren haben, wie StepHere und andere, fehlt es an Standards. So lange die Hersteller sich hier nicht einigen, bleibt es leider ein Traum.

          5. Juli 2022
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