OrCam MyEye 2.0, mehr Schein als Sein

Jetzt ist es einige Monate her, dass ich die OrCam MyEye 2.0 gekauft habe und sie konnte sich im Alltag versuchen, zu bewähren. Oder sie musste es, schaffte es allerdings nicht. Meine Befürchtung, dass die emotionalen Schwurbeleien des Herstellers irgendwann wie eine Seifenblase platzen, wurde leider erfüllt. Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen vollblinden Personen, denen ich die OrCam MyEye 2.0 anlegte. Um eines vorweg zu klären, das Gerät ist nicht defekt. Eine zuvor kurz getestete OrCam MyRead 2.0 konnte ebenfalls nicht überzeugen. Ein richtiger Kracher ist auch der Umstand, dass die Produktseite des Herstellers nicht einmal barrierefrei aufgebaut ist, die Menünavigation klappt zumindest derzeit nicht mit NVDA und Firefox.

Was ist die OrCam?

Der Hersteller bewirbt es als Wearable, das trifft es im Kern. Die OrCam ist ein wie ein Lippenstift kleines Gerät, das seitlich am Brillengestell fixiert wird. Vorne ist eine Kamera mit zwei LEDs positioniert, nach Hinten flüstert ein Lautsprecher blinden und sehgeschädigten Menschen den erkannten Text ins Ohr. Das Ganze hat auch seinen Preis, 3.500 Euro kostet das Einstandsmodell MyRead, das lediglich Texte vorlesen kann. Für 1.000 Euro mehr bekommt man die MyEye mit Zusatzfunktionen, die allerdings den Preis nicht rechtfertigen. Aktuell wird die OrCam regelrecht aggressiv vermarktet, weil auch die Marge so hoch ist, dass sich das für viele Hilfsmittelhändler lohnt. Da inzwischen fast jeder die OrCam anbietet, wird man auf Messen und Ausstellungen kaum Kritik zu diesem Hilfsmittel hören. Die OrCam 2.0 ist bereits die überarbeitete Version in kompaktem Gehäuse, die erste Version hatte noch ein externes Steuergerät, das mit einem stärkeren Akku ausgestattet war.

In dieser Podcast-Episode habe ich einen Tag mit der OrCam dokumentiert. Dabei handelt es sich nicht um ein exemplarisches Beispiel, sondern diese Erfahrungen wiederholten sich von Tag zu Tag. Ein wirklich winziges Gerät, das technisch absolut beeindruckt, mit einer ebenso beeindruckend schnellen Texterkennung. Das war es aber auch schon, denn die Schnelligkeit hat ihren Tribut, massive Erkennungsfehler selbst bei gedruckten Büchern auf weißem Papier sind üblich. Einzig bei gleißendem Tageslicht schaffte es die OrCam, mit wenig Fehlern auszukommen, aber wann ist das schon der Fall? Freiheit heißt ja schließlich nicht, mit einem Baustrahler durchs Haus zu tigern. Die zwei kleinen LEDs in der OrCam sind selbst zu schwach, Texte aus einem Abstand von 20cm nennenswert zu beleuchten. Mein Alltag findet im Büro statt und derzeit bin ich darauf angewiesen, die Alltagspost zu lesen. Das kann sie auch, wenn es darum geht zu ermitteln, was auf dem Papier geschrieben steht. Geht es um relevante Daten, Zahlen, Fakten, mögen drei Durchgänge zu jeweils unterschiedlichen Zahlen führen. Kein Wunder, dass man in der Anleitung ausdrücklich vor dem Lesen von Medikamentenbeipackzetteln warnt. Aber mal ehrlich, hat sich das je ein Hersteller bei einem Texterkennungssystem um 3.500 Euro getraut? Da heiße ich auch schon mal Herk und die Meldung: “Es wurden zwei Zeilen unlesbaren Textes übersprungen” ertönt häufiger, als dass der Akku leer ist. Wohl bemerkt bei direkter Draufsicht vor einemk Fenster mit Tageslichteinfall.

Die OrCam unterwegs

Weitere Tests machte ich im Alltag, wie im Mathematicum Gießen. Die Beschriftung der Exponate ist so groß, dass ich mit dem Auge die Zeilenabstände gut erkennen und Buchstaben fast noch lesen könnte. Weißer Text auf grünem Hintergrund bei guter Ausleuchtung machten ihr keine Probleme. Selbst das automatische Umschalten auf Englisch und Französisch ist für sie kein Problem. Im Gegenteil, dies erfolgt auch unvermittelt, was allerdings abschaltbar ist. Ein Stück Freiheit kann ich ihr daher in Ansätzen bescheinigen, auch wenn man dabei bedenken sollte, dass maximal drei Sätze zu lesen waren und das ebenfalls selten ohne Fehler gelang.

Dass das Erkennen von Straßennahmen aufgrund der Beschaffenheit blanker Unsinn ist, sollte sich inzwischen herum gesprochen haben. Quasi Schnappschüsse in der Straße führten zu gelesenen Werbetafeln, deren Position allerdings nicht angesagt wird. Gar nicht funktionierte das Lesen gedruckter Klingelschilder, hier sorgten vermutlich Polarisationseffekte für Probleme. Auch Kfz-Kennzeichen konnten aus verschiedenen Entfernungen nicht erkannt werden, die OrCam quittierte dies mit dem typischen Bimmeln. Vermutlich wird die Kamera bei gleißendem Sonnenlicht überfahren oder eine nicht entspiegelte Optik sorgt für Schwierigkeiten, das ist bei Kameras dieser Größe nicht ungewöhnlich. Hingegen funktionierte das Erfassen eines Fahrkartenautomaten, auch wenn die OrCam natürlich alles vorliest, somit auch die nicht relevanten Textinhalte. Dazu ist der Fingerzeig nötig, der das Erfassen auf den Bereich über dem Finger beschränkt. Auch das klappt nicht immer gut, eigentlich eher weniger. Besonders Im Supermarkt beispielsweise kann das Scannen einer Verpackung vor einem Regal aufgrund der unzähligen Beschriftungen zur Tortur werden.

Apropos Essen, natürlich habe ich auch nicht versäumt, sie an Speisekarten auszuprobieren. In einer hiesigen Lokalität an einem großen Tisch mit heller LED-Beleuchtung waren ebenfalls drei Versuche nötig, eine auf A4 gedruckte Speisekarte so zu erfassen, dass man mit dem Inhalt auch etwas anfangen kann. Durch die Ungenauigkeit sollte man sich tunlichst auf Preise und Positionsnummern nicht verlassen, im Grunde wird aber in Etwa deutlich, welche Zutaten zu welchem Gericht gehören. Das reicht vielleicht noch aus, aber mich strengen die Barrieren von Hilfstechnologien an, welche diese doch eigentlich abbauen sollen. Berücksichtigt man auch hier wieder den Preisbereich der OrCam, ist das Ergebnis einfach nicht zufriedenstellend und fernab der versprochenen Unabhängigkeit.

Die OrCam im Berufsalltag

Hauptgrund für die Anschaffung der OrCam war das Lösen eines Problems, nämlich kurz eingeblendete Fehlermeldungen an Bildschirmen zu erfassen. Das hatte ich mit dem KNFB Reader für iOS zuvor bewerkstelligt, der allerdings beim Verschluss der Kamera etwas zu träge ist und man auf diese Weise ein Wenig Händchen braucht. In der Tat ist die OrCam hier extrem schnell, aber ebenso schlecht, sogar noch schlechter. Ein Bildschirm im Textmodus mit dicken Lettern, weiß auf schwarz, hell leuchtend, überfordert sie. Da kann man zehnmal probieren, vielleicht hat man Glück. Ganz nervig ist es, wenn man zufällig auf die seitliche Taste kommt oder vergisst, den Finger aus dem Sichtfeld zu nehmen. Dann bricht das Vorlesen unvermittelt ab und der Text ist gelöscht. Zugegeben ein tolerierbares Phänomen, denn sie ist ja nicht für die dauerhafte Speicherung konzipiert. Begeistert hat mich, dass die OrCam bei einem Golf Cabriolet aus dem Stand heraus das automotive Display ablesen konnte. Aber auch das klappte bei drei Versuchen nur einmal.

Die Euro-Erkennung überzeugte hingegen, auch wenn ein Fünfer gelegentlich als 50er erkannt wurde. Dafür patzte die Gesichtserkennung, eines der sinnfreisten Features, die ich je in einem Hilfsmittel gesehen habe. Dabei wäre es praktisch, die Assistentin in einem größeren Bereich wieder zu erkennen. So scannt man Gesichter ein und macht ein perspektivisches Foto in einer Zeit von 30 Sekunden, hinterlegt einen Namen und speichert diesen ab. Bei einem oder zwei Gesichtern funktioniert das, aber wann ist diese Funktion sinnvoll? Richtig, bei einer großen Menschenmenge. Genau hier versagt die OrCam MyEye 2.0 auf ganzer Linie. Nicht nur, dass die Männer als Frauen erkannt werden, sie erkennt auch Personen als richtig, die gar nicht gespeichert sind. Klar, die künstliche Intelligenz, ein Fantasiewort der Informationstechnik. Genauer gesagt ein fehlerhafter Algorithmus, der nicht über den Status einer netten, verzichtbaren Beigabe hinauskommt. Denn nicht vergessen, für Objekt-, Farb-, Euro- und Gesichtserkennung plus Uhrzeitansage zahlt man 1.000 Euro drauf, zumal auch die Farberkennung mitunter interessante Ergebnisse zu Tage fördert, die nicht deckungsgleich mit der eigenen Wahrnehmung sind.

Fazit

In der Praxis stelle ich fest, dass ich trotz OrCam mehr und mehr dann doch zum KNFB Reader greife. Wenn ich Post sortieren und mehrere Dokumente erkennen muss, nutze ich die OrCam. Aber wann braucht man eine Texterkennung? Spontan und im Alltag meist nur kurz. Der Kontrast zur Ergonomie ist die Einsatzfähigkeit, vor Allem bei leerem Akku. Dann heißt es zunächst aufladen, als Weiteres muss man die Brille suchen, weil ich kein Brillenträger bin. Das Hochfahren dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie überhaupt startklar ist. In der Zeit habe ich den KNFB Reader auf Fingerzeig gestartet und 10 Seiten mal eben eingelesen und das mit gleichwertiger, meist besserer Qualität. Anfangs habe ich immer erst zur OrCam gegriffen und das toleriert. Wenn ich aber ein paar Zettel aus dem Briefkasten nehme, liegt das iPhone da, wo ich es brauche und ist umgehend startklar. Kurios ist, dass selbst ein iPhone XS Max mit 256GB Speicher für rund 1.650 Euro plus KNFB Reader für rund 120 Euro etwa die Hälfte kostet, als die OrCam MyRead 2.0.

Wenn ich auch die letzten Jahre stets die Kritik an der Hilfsmittelbranche vehement verteidigt habe, gelingt mir das bei der OrCam nicht wirklich. Satte 1.000 Euro und mehr springen als Marge für die tüchtigen Händler heraus, die sich euphorisch bemühen, die Nachteile hinter den tollen Vorteilen zu verstecken. Klar, sie ist ein tolles Gadget, geile und unnötig aufwendige Verpackung, stoffummanteltes Kabel mit magnetischem Microo-USB-Stecker und selbst die Laufzeit von 60 Minuten bei einer einstündigen Ladezeit kann ich absolut tolerieren. Sie allerdings als Medizinprodukt anzupreisen, gehört dringend hinterfragt. Als ich im Jahre 2004 beim LSG Mainz als Sachverständiger versucht habe, mit einem Texterkennungssystem erfolglos eine Lohnabrechnung einzuscannen, hat eine große Krankenkasse am selben Tag alle Verträge mit diesem Unternehmen gekündigt. Und jetzt soll ein Lifestyle-Produkt mit gleichwertiger Qualität auf Kosten der Allgemeinheit ein Medizinprodukt sein? Natürlich, weil der Bedarf geweckt ist und wie das iPhone ist auch die OrCam ein Produkt, das jeder haben will. Allerdings ohne Zugewinn der versprochenen Freiheit, denn die Ernüchterung kommt garantiert. Etwas, bei dem ich nicht mitspiele. Ich bleibe authentisch und verkaufe kein Produkt, das nicht wenigstens minimal das erfüllt, was versprochen wird. Selbst davon ist die OrCam aktuell entfernt. Vielleicht sorgen Firmware-Updates für eine Verbesserung, das scheint aber ob der begrenzten Rechenleistung kaum realisierbar. Allerdings würde ein Modus für eine schnelle oder genaue Texterkennung vielleicht einiges wett machen können. Denn nicht vergessen, es geht um ein Textvorlesegerät für 3.500 Euro, das die Qualität des KNFB Readers für unter 100 Euro nicht überbieten kann.

Ich rate dringend zur Skepsis und vor Allem dazu, die OrCam unter heimischen Bedingungen im Alltag zu testen. In jedem Fall sollte man das Thema Rückgabe mit dem Händler im Vorfeld verhandeln und sich auch schriftlich bestätigen lassen. Man ist bei OrCam ja geschickt und verkauft natürlich dazu eine Schulung, denn der persönliche Kontakt hebelt das Widerrufsrecht aus und so bleibt die Rücknahme des Händlers ein freiwilliges Entgegenkommen. Hat der Kostenträger das Produkt bezahlt, ist wenigstens der finanzielle Schaden für einen selbst gering. Trotzdem aber sollte es am Ende des Tages darum gehen, dass ein Hilfsmittel das tut, wofür es konzipiert ist: Im Alltag zweckmäßig, effizient und das auch im Sinne des Wirtschaftlichkeitsprinzips zu sein. Letzteres ist eigentlich das Problem, auch wenn das Marketing des Herstellers so gut ist, dass man immer neue Zielgruppen findet, die möglicherweise ein halbgares Vorlesegerät benötigen. Die technischen Defizite lassen sich auf absehbarer Zeit mit Kleincomputern nicht lösen, man könnte eher das Smartphone als Rechner nutzen und bietet eine drahtlose Kamera. Die könnte man dann aber wohl nicht für mehr als 500 Euro verkaufen, dann aber würde man wirklich den Menschen helfen und der Vorwurf der offensichtlichen Gewinnmaximierung stünde nicht im Raum.

7 Comments

  1. Selda said:

    So, genau so habe ich das auch wahrgenommen. Danke, dass mal tacheles geredet wird.

    25. November 2018
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  2. Lydia Zoubek said:

    Ergänzend dazu finde ich, dass man als lichtempfindlicher Teilzeitbrillenträger verloren hat. Wer wegen wechselnder Lichtverhältnisse eine Brille ständig auf- und absetzen muss, ist ständig damit beschäftigt die Orcam vor dem Herunterfallen zu schützen. Lebensqualität sieht für mich anders aus. Auch wenn dieses Gerät im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen steht, möchte ich es nicht haben. Denn es leistet weniger als so manche kostenlose App auf meinem Smartphone.

    26. November 2018
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  3. André Rabe said:

    Ich hatte von Anfang an, als ich die Orcam kennenlernte immer eine Mischung von Überraschung darüber was sie so erkennen kann, hatte aber dabei immer auch etwas grummeln im Bauch. Natürlich spielte der Preis eine nicht unwesentliche Rolle beim komischen Gefühl. Dein Bericht bestätigt meine skeptischen und zurückhaltende Haltung gegenüber der Orcam.

    26. November 2018
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  4. Selamet Aydogdu said:

    Ich habe zwar keine Orcam, konnte sie aber kurz mal testen. Ich finde diesen Artikel ausgezeichnet, da hier nicht versucht wird ein Hilfsmittel zu verkaufen, sondern wirklich sachlich dargelegt wird, wo das Hilfsmittel eben an seine Grenzen stösst. Es gibt also durchaus bessere Smartphone Apps, z.B. nebst dem KNFB Reader ich auch Envision AI für Android verwende. Dank der Smartphone App konnte ich sogar das Display einer Kaffeemaschine auslesen und selbständig konfigurieren.

    26. November 2018
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  5. JueTri said:

    So, du hast anderen blinden Menschen die Orcam “angelegt”. Konnten sie sie nicht ohne Hilfe anlegen? Seltsame Helfersprache!

    27. November 2018
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    • Stephan said:

      Mach Dir nichts draus, es gibt ja immerhin nicht minder seltsame Kommentare… – Wenn jemand vollblind ist, wird man ihm das Gerät in die Hand geben und erklären müssen. Oder meinst Du, es würde Sinn machen, ihnen stumm die OrCam vor die Augen zu halten?

      27. November 2018
      Reply
  6. Ich habe schon einige Berichte über die OrCam gelesen. Alle waren von Begeisterung und Lobeshymnem geprägt. Wer auf Hilsmittel angewiesen ist und auf etwas Erfahrung von Anpreisung und Realität zurückgreifen kann, hätte sich schon denken können, dass da was nicht stimmen kann. Dieser Beitrag ist sehr sachlich und das fehlt in der Hilfsmittel Bewertung leider zu oft.
    Danke für diesen Beitrag
    Andreas

    29. November 2018
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