20 Jahre Smartphone oder doch nicht?

Heute berichten die Medien über den 20. Geburtstag des Smartphones, doch das ist sachlich nicht korrekt. Denn bereits seit 22 Jahren gibt es multifunktionale Mobiltelefone, deren Ursprung nicht beim Nokia Communicator aus dem Jahre 1996 beginnt. Denn schon 1994 stellte BellSouth zusammen mit IBM den Simon vor, der in manchen Teilen der USA verkauft wurde und als Mischung aus Personal Digital Assistant (PDA) und Handy bereits Smartphone-Funktionen anbietet. Im ersten Nokia Communicator wurde PEN/GEOS 3.0 von GeoWorks eingesetzt, das aufgrund eines Architekturwechsels Symbian weichen musste. Die Symbian-Plattform wurde von Nokia und einigen anderen Unternehmen gegründet, wobei Nokia als einziger Hersteller am längsten daran festhielt. Heute hat Symbian nahezu an Bedeutung verloren, Android und iOS dominieren den Markt. Windows 10 Mobile hingegen fristet ein Schattendasein und wurde von Microsoft inzwischen abgekündigt. Dabei reichen die Erfahrungen von Microsoft ins letzte Jahrtausend zurück, so war die iPaq-Serie von Compaq (inzwischen zu HP gehörend) ein großer Erfolg. Sie konnten sich langfristig durch die Organizer von Psion mit Tastatur und Palm mit spezieller Stifteingabe durchsetzen. Das lag sicherlich auch an den Farbdisplays, mit denen man auch Fotos betrachten kann und bei denen Multimedialität im Fokus stehen. Telefonieren kann man erst mit späteren iPaq-Modellen, der MDA und XDA von HTC waren schon früher erhältlich und die wohl ersten hierzulande erfolgreichen Windows-Smartphones. Die Stiftbedienung kam damals allerdings nicht ganz an, weshalb Microsoft mit Windows 2003 for Smartphones ein rein auf die Tastaturbedienung optimiertes System vorstellte. Zeitgleich wurde von Apple schon der iPod Touch mit iOS und Touchscreen vorgestellt, das erste iPhone im Jahre 2007 war somit die logische Konsequenz und verbindet zum ersten Mal den Touchscreen mit einer intuitiven Bedienoberfläche. Während Microsoft stets versuchte, die PC-Bedienung auf ein mobiles Gerät zu übertragen und bekannte Office-Funktionen zur Verfügung zu stellen, ging Apple einen anderen Weg mit einer minimalistischen Optik, großen und fingerfreundlichen Piktogrammen und Apps, die auch durch nützliche Zusatzfunktionen schnell über den AppStore erweitert werden konnten. Die Nachahmung von Microsoft mit Windows Mobile 6.5 gelang nicht, zumal Performance und Umsetzung nicht konkurrenzfähig war. Einzig Google schaffte mit Android eine zu Apple-Produkten ernstzunehmende Alternative, die heute mit einem Marktanteil weit über 85% erfolgreich ist und auf einem Linux-Kern basiert. Auch Nokia versuchte Symbian auf Touch-Bedienung hin zu optimieren, das allerdings ursprünglich auf Tastaturbedienung ausgelegt war. Die schlechte Performance und das unrunde Bedienkonzept konnte nicht überzeugen. Windows Mobile erfuhr mit Windows Phone 7 einen Nachfolger, das allerdings nicht zur aktuellen Windows 10 Mobile kompatibel ist. BlackBerry OS von Research In Motion (kurz RIM; heute BlackBerry) war hingegen erfolgreicher und das erste mobile Betriebssystem, das mit einem Online-Service für Nachrichten kombiniert wurde. Erstmals konnten E-Mails direkt als Push-Nachrichten in Echtzeit auf die mobilen Geräte zugestellt werden, dies war besonders für Geschäftsleute interessant. Heute setzt BlackBerry allerdings auf Android und integriert die eigenen Dienste in dieses System.

Im Laufe der Zeit gab es einige Versuche, Google und Apple das Wasser abzugraben. Mozilla versuchte es mit Firefox OS, das auch auf einem Linux-Kern basiert und komplett im modernen HTML5 programmiert ist, zum Teil kommen auch JAVA-Elemente zum Einsatz. Ursprünglich als Einsteiger-System für Schwellenländer gedacht, sollte es auch in High-End-Smartphones integriert werden, aber Android war längst angekommen und keiner zeigte wirkliches Interesse. In 2015 wurde das Projekt schließlich eingestellt, einzig Panasonic setzt Firefox OS im eigenen Fernsehgeräten als Smart-TV-System ein. Gleiches Schicksal widerfuhr WebOS; das ursprünglich von HP in Tablets genutzt wurde und von LG nur noch in Smart-TVs verwendet wird. Android hingegen hat den Weg vom Smartphone und Tablet verlassen und zieht nicht nur in Fernsehgeräte ein, es findet sich in allerhand Haushalts- und Unterhaltungsprodukten wieder, da es flexibel und lizenzfrei angepasst werden kann. Samsung entwickelt allerdings sein hauseigenes Tizen-Betriebssystem weiter, das große Chancen haben könnte. Der Grund liegt darin, dass Samsung sehr erfolgreich ist und ein gewisses Image pflegt, weshalb Nutzer mitunter auch interessiert an einer Alternative zu Android sein könnten. Auch die hauseigenen Fernsehgeräte und Smart Watches arbeiten mit Tizen, das performanter und in manchen Punkten durchdachter als Android ist.

Betrachtet man die Smartphone-Regale in Fachmärkten, sehen fast alle gleich aus. Auch sind die meisten mit Android ausgestattet und unterscheiden sich marginal in Funktion und Optik. Dennoch könnten Smartphones sicherlich als die erfolgreichsten Elektronikprodukte bezeichnet werden. Während Computer bestimmt ein Jahrzehnt brauchten, um in Privathaushalte flächendeckend einzuziehen, gelang dieser Erfolg mit Smartphones in nur wenigen Jahren. Grund dafür ist sicherlich nicht nur die kompakte Bauform, sondern auch die flexible Nutzbarkeit. Denn außer Kaffee kochen ist mit einem Smartphone fast alles möglich und somit werden andere Gadgets durch Smartphones abgelöst. Einzig unklar ist, ob die Absatzzahlen weiterhin steigen, da seit einigen Jahren für den Endanwender keine sichtbar technische Fortschritte mehr zu erkennen sind. Ein vier Jahre altes Gerät wird somit 80% der Nutzer noch zufrieden stellen können. Kritisch hingegen kann man die Online-Dienste sehen, die mit ihren mehr oder weniger sinnvollen, kostenlosen Angeboten Kunden in eine Art Suchtfalle reißen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Jugendliche heutzutage dem Leben im Smartphone mehr Bedeutung beimessen, als der Wirklichkeit. Hier muss flächendeckend umgedacht werden und es bleibt zu hoffen, dass künftige Generationen dieses Medium anders und bewusster nutzen werden.

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