BRAVO Hits 100, über 25 Jahre Musikgeschichte

Es war im Sommer 1992, da bekam ich die erste Bravo Hits in die Hand. Eine Leihgabe meiner Cousine, die natürlich umgehend auf Cassette kopiert wurde. Ab der zweiten Episode habe ich jede bis heute gekauft, nun sind es 100. Doch ist aus verschiedenen Gründen mein Verhältnis zu dieser Reihe ambivalent und sicher nicht so durchgängig positiv. Trotzdem hat sie mich viele Jahre begleitet und wird es vermutlich noch eine Zeit lang tun. Und ich gebe zu, ich bin mir aktuell nicht sicher, ob ich die Bravo Hits 101 noch kaufen werde.

Ich erinnere mich daran, dass die CDs, welche bei mir in der Regel als Erstes landeten, oft verliehen oder von Mitschülern auch selbst gekauft wurden. Erschien die neue, war der Gang in den Plattenladen nach der Schule obligatorisch. Man unterhielt sich, auf der Kirmes hörte man sie sogar: “Der hat doch die neue Bravo Hits!” Selbst als Video ist sie anfangs erschienen, auf Kassette sowieso. Doch die Zeiten ändern sich und so auch die Gewohnheiten. Zunächst muss ich jedoch feststellen, dass die Bravo Hits für mich eine Zeit lang alternativlos war. Nach dem Ausscheiden von Formel Eins gab es nur noch diesen Sampler, den ich kontinuierlich gekauft habe. Zu Anfang wegen bestimmter Titel, später generell für neues Musikfutter und heute nur noch aus Nostalgiegründen. Natürlich spricht mich die Musik noch an, diesbezüglich bin ich zeitlos. Aber Streaming und Radio sind allgegenwärtig und an manchen Titeln habe ich mich auch satt gehört, bevor sie auf CD erschienen. So höre ich die neuen Bravo Hits nicht einmal, denn nach Einpflegen in die digitale Mediathek landen sie seit Jahren unbenutzt im Lager. Natürlich könnte ich sie auch rein digital erwerben, das ist aber nicht das Gleiche. Hier ist mir das Haptische wichtig und wie das mit Sammlern ist, sind Kaufentscheidungen nicht immer rationell. Der Erfolg der Bravo Hits begründet sich darin, dass der Sampler in eine Lücke traf. Die Formel Eins lief aus, Ronny’s Pop-Show war vom Markt verschwunden, VIVA gab es noch nicht und The Dome war zu Anfang auch noch nicht präsent. Auch die Tatsache, dass man die Analogie zur Zeitschrift herstellte, deren Zielgruppe wir ebenfalls waren, passte hier sehr gut. Seitdem ich allerdings die Bravo Hits kaufe, war mir die Zeitschrift egal geworden. Doch ist die Qualität der CDs nicht immer gleich geblieben. Zu Anfang bis in die späten 90er Jahre war die Auswahl der Hits sehr gut, allerdings nervten Spezialversionen und Zwei-Minuten-Teaser von wirklich nicht kaufwürdigen Titeln. Gerade die Remixes wurden geschickt gewählt, so betrafen sie zumeist jene Titel, die man gerne im Original gehabt hätte. Ein Ausbrecher nach Unten waren “Die Frisöre”, einfach nur furchtbar! Seit Ende der 90er Jahre nahm die Anzahl neuer Titel generell zu, seit einem Jahrzehnt ist es fast kaum möglich, mit 160 Titeln jährlich alles abzudecken. Interessant war auch, dass man gut erkennen konnte, welche Künstler bei dem Label sind, die für die aktuelle Ausgabe verantwortlich zeichneten. In meinem Freundeskreis, auch unter Jugendlichen unter 20, scheint die Akzeptanz gar nicht groß zu sein, die setzen auf ihre Spotify-Playlist, deren Aktualität kein Presswerk übertreffen kann. Selbst die Anzahl derer, welche sich für den Titelinhalt der CDs interessieren, werden immer weniger. Ich kann mich kaum erinnern, wann zum letzten Mal jemand explizit nach der neuen Ausgabe fragte, zumal es in meinem Umfeld bekannt ist, dass ich diese sammele.

Einige der Ausgaben enthielten spezielle Sonderversionen, die auf die Bravo zugeschnitten wurden. “Ich will” von “Das Modul” beispielsweise erschien als BRAVO Mix. Nach eigenen Angaben hat man sich bei der Zusammenstellung stets an den Charts orientiert, dies ist aber nur die Halbwahrheit. So gibt es Künstler, die nie auf einer CD erschienen, wie Michael Jackson oder The Rolling Stones. Auch Madonna wurde erst später Teil der Zusammenstellung, bei einer künftig erfolgreichen Formation wurden aus einem Album auch nie mehr als vielleicht maximal drei Titel in Folge ausgekoppelt. Das ist auch in Ordnung, denn im Prinzip dient ein Pop-Sampler auch als Werbeträger, man möchte ja schließlich die Alben der Stars einzeln verkaufen. Unbekannte Künstler auf den ersten Plätzen der Charts wurden häufig aufgenommen. Auf manchen Ausgaben befinden sich unter anderem mit Connie Francis und Fats Domino auch Oldies, die jedoch zu jener Zeit die Charts stürmten. Dies lag an populären Filmen und Werbespots, welche diesen Titeln zu erneuter Popularität verhalfen. Eine Besonderheit jeder Bravo Hits ist die Vorsortierung der Titel in Genres. In Teilen wurde auf der ersten CD nur Electro zusammengestellt, während sich eher rocklastige Titel auf der zweiten befanden. Als deutscher Hip-Hop populär war, gruppierte man jene Tracks auch zusammen und die Reihenfolge der Genres wurde auch umgestellt. So wundert man sich gelegentlich, im Übrigen auch bei der Bravo Hits 100, wenn auf einmal die erste CD mit einem Schmuse-Hit beginnt, während sich die Hits für die nächste Party auf der zweiten befinden. Heute weicht man von dieser Ordnung etwas ab. Betrachtet man das Gros der Sampler über die letzten Jahrzehnte, steht die Bravo-Hits-Reihe bei mir nicht wirklich auf dem ersten Rang. Die Formel Eins hat mir inhaltlich stets besser gefallen, auch als diese noch parallel erschien. Heute kenne ich inzwischen immer mehr Sammlungen, deren Aktualität von der Bravo Hits nur zum Teil erreicht wird, auch bei der 100 fehlen aktuelle Songs wie von Taylor Swift. Dazu kommt ein vergleichsweise hoher Preis, der fast zwei Monate Streaming bedeuten würde, sowie der Umstand, dass sich sogar Titel auf nachfolgenden Ausgaben wiederholen. Manche Tracks werden zudem nur auf den Jahresausgaben “Bravo The Hits” veröffentlicht, deren übriger Inhalt allerdings extrem deckungsgleich mit den regulären Ausgaben ist, dass ich diese nie gekauft habe.

Nun gibt es also die Episode 100 mit einer dritten CD. Hier hat man sämtliche, aus meiner Sicht schlecht sortierte Titel der letzten Jahre versammelt, die fast noch zu aktuell für diese Beigabe sind. Immerhin kostet sie nicht viel mehr, als die reguläre Ausgabe. Auf einer weiteren Sonderveröffentlichung mit fünf CDs wurden chronologisch die aus Sicht der Redaktion besten Titel aller 100 Ausgaben versammelt, leider hat man auch hier nicht die fehlenden Tracks berücksichtigt. Ein Album “The lost tracks” oder so zu veröffentlichen, wäre daher konsequent. Immerhin hat es die Musikbranche verdammt schwer, denn sie können mit periodischen Veröffentlichungen von Sammlungen der flexibleren Online-Welt nichts entgegensetzen. Diese passt sich nämlich dem Musikkonsumenten viel besser an und lernt sehr schnell, was ihm gefällt und stimmt die Playlist auf das Hörverhalten ab. Daher gibt es für mich keinen Grund, jemandem eine Bravo Hits aus heutiger Sicht zu empfehlen, denn Sampler passen nicht mehr so ganz in die heutige Zeit.

Dass sich der Musikkonsum verändert hat, ist ja nicht erst seit den letzten Jahren der Fall. Schon Ende der 90er gab es mit Napster und R@dioMP3 interessante Wege, kostenlos an Wunschmusik zu kommen, YouTube vereinfachte diesen Trend weiter und dürfte nach wie vor die erste Anlaufstelle für neue Titel sein. Darauf reagierte man auch bei Bravo Hits, so erhielten einige Ausgaben einen Kopierschutz. Dieser setzte das SCMS-Bit (Serial Copy Management System) während eines laufenden Titels von 0 auf 1, so dass ein digitales Kopieren mit einem CD-Spieler nicht mehr möglich war. Doch führte dies auch dazu, dass Autoradios mit Navigationssystem und auch CD-Player mit externen D/A-Wandlern die Wiedergabe mitten im Titel unterbrachen. Genau das ist mir passiert und ich dachte zunächst an einem Defekt in der Wiedergabekette. Wenn man aber mit der Materie vertraut ist, lässt sich das Problem auch schnell ermitteln. So gelang die Kopie in einem Doppel-CD-Spieler nur, indem automatisch die analoge Verschaltung Verwendung fand. Der Nachteil dabei war neben der Wandlung ins Analoge und wieder zurück, dass dies nur in Echtzeit gelang, folglich so lange dauerte, wie die CD selbst. Die Bravo Hits orientierte sich auch sonst am Puls der Zeit. Im Booklet fanden sich nicht nur einst Chat-Abkürzungen, man bediente auch weitere populäre Themen. Aus heutiger Sicht ist spannend, dass die Bravo Hits bis heute unterschiedliche Generationen bedient, die zum Teil ohne Smartphone, Handy und Internet aufgewachsen sind.

Hier erkennt man auch schnell die Problemzone und es ist absehbar, dass der Trend zum Pop-Sampler nicht ewig weitergehen wird. Liest man heutige Berichte zur Frage, ob die CD noch populär ist, wird oftmals das Autoradio als Argument angeführt, durch die einfache Handhabung kann man sie direkt abspielen. Das dürfte vor Allem bei jüngeren Konsumenten trotzdem weniger der Fall sein, die bestens mit Bluetooth und Smartphones vertraut sind und auch unterwegs die Lieblingsmusik viel konkreter hören können. Wer kein mobiles Internet hat, lädt sich eben die Playlist herunter. Ganz unabhängig davon, dass auch Streaming sicher für die Branche nicht gut ist, muss man sich dennoch aus Sicht der Konsumenten die Frage stellen, warum man auf einen Sampler heute überhaupt noch warten müsste. Aktuelle Hits sind bereits im Bestand, die Lieblings-Playlist lässt sich schnell erweitern. Hingegen bietet ein Sampler eine fest definierte Titelauswahl, die dem Massengeschmack angepasst wird. Eigentlich wäre ein Musikdienst die logische Konsequenz, Bravo Stream, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Aktuell kann das Produkt noch an den langjährigen Fans zehren, es dürften jedoch nicht viele neue hinzugekommen sein. Dass man sie nicht in Streaming-Portalen anbietet, wird daher auch gute Gründe haben. Vielleicht wäre es auch schlau gewesen, mit der Ausgabe 100 die Serie zu beenden, man hofft aber vermutlich auf das Jäger- und Sammler-Prinzip. Stellt man sich weiter die Frage, ob überhaupt CD-Verkäufe heute noch stattfinden, sind die Regale in den Fachmärkten noch gut gefüllt. Jedoch dürfte sich die Zielgruppe der CD-Käufer nicht mehr im Bereich der Jugendlichen bewegen, die zum Teil nicht mal mehr einen CD-Spieler besitzen.

In diesem Punkt hat sich viel verändert. Während wir früher keine alternative Wiedergabemöglichkeit neben Radio und Discos hatten, ist das Angebot über Smartphones heute erschöpfend. Vermutlich sind es genau diejenigen wie ich, die zur CD-Version oder überhaupt zu vordefinierten Samplern greifen, weil sie es von Früher her gewohnt sind. Es ist also davon auszugehen, dass eine Zielgruppenverlagerung nicht langfristig stattfindet. Ein ähnliches Problem erfahren die Tageszeitungen, auch die Bravo hat viele Generationen unterhalten. Heutige Jugendliche dürften mit dem Smartphone in allen Bereichen ausgelastet sein, so dass der Kauf einer Zeitschrift in Papierform kaum noch zu rechtfertigen wäre. Und in der Tat stellte ich kürzlich fest, dass die Seitenstärke der Bravo im Vergleich zu früher deutlich abgenommen hat. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

2 Comments

  1. Chris said:

    Hallo, eine sehr schöne aber auch kritische Hommage an die Bravohits. Als Kind der 80er gehörten natürlich auch für mich die Bravohits mit zur Jugend. Wobei ich nie mehr als vielleicht 10 besessen habe. Ich kann mich jedenfalls auch noch gut dran erinnern, wie man im Rampenlicht stand, wenn man mal die neueste Ausgabe hatte bzw. mit wie viel Interesse und Leidenschaft man die Tracklist durchgesehen und diskutiert hat, wenn jemand die neueste hatte. Wobei wir das nie so ganz dogmatisch gesehen hatten … es gab mit Just the Best, Viva Hits oder The Dome zumindest später ja auch einige Konkurrenz.

    Toll war übrigens auch immer, wenns die aktuelle Bravohits mal taschengeldschonend anstatt für 39,95 DM für 34,95 DM oder als Lockangebot insbesondere bei Mediamarkt auch mal für 29,95 DM gab. Hurra! Und manchmal doch irgendwie doch zum Kauf animierend.

    Das Problem, das immer wieder wichtige Nummer-1-Hits gefehlt haben, hat uns damals auch sehr gestört. Aber wie schon beschrieben … es lag wohl oft an den Rechten, das ein Künstler bei einem anderen Label unter Vertrag war. Vielleicht wurden manchmal aber selbst Titel ausgeklammert, für die die Rechte durchaus vorgelegen hätten. Schließlich wurden die Charts damals noch ausschließlich über Verkäufe von Maxi-CDs ermittelt. Da liegt der Verdacht schon nahe, dass man manchmal bei einem echten Hit auf eine Aufnahme in den Sampler verzichtet hat in der Hoffnung, dass dann vielleicht ein paar tausend Maxis mehr verkauft werden und dies der Chartplatzierung zu Gute kommt.

    Fies war übrigens auch, wenn einem auf der CD zwar vorgeblich der Hit präsentiert wurde, es sich aber um die Originalversion handelte. Ich weiß nicht, ob das bei der Bravohits war, aber es gab zum Beispiel eine Compilation wo nicht die Coverversion von Daylight von den No Angels drauf war sondern das Original von Victoria Faella. Ein Schelm, wer böses dabei denkt …

    Neulich fielen mir mal meine Bravohits 15 und 16 in die Hände. Da konnte man auch wieder gut sehen … 3 4 Titel kennt man noch gut, die werden sogar heute noch ab und zu im Radio gespielt. Aber die restlichen 36 Titel … nun ja, auch da sieht man, dass Bravohits und andere Sampler doch auch viel seltsames „Füllmaterial“ an Bord hatten und vermutlich heute noch haben.

    Bei uns im Büro konnte man übrigens auch die Generationengrenze entdecken. Meine Kollegin, geboren 1990, und ich philosophierten vor kurzem auch über alte Musik und stellten fest, dass wir beide viel mit der Bravohits 26 verbinden. Das war die Sommerausgabe 1999, die wirklich auch aus heutiger Sicht viele Sommerhits wie Mambo Number 5, Eifel 65 mit Blue und so weiter enthielt. Eine jüngere Kollegin hat über das Philosophieren zu Bravohits nur den Kopf geschüttelt … für die hatten Bravohits allgemein schon weniger Relevanz.

    Und als letzten Kommentar und jetzt auch Tipp noch: Der Sender Kultradio, den man in Bayern auch über DAB+ empfangen kann, spielt jeden Donnerstag Abend von 19 bis 20 Uhr und in der Wiederholung Sonntags von 9 bis 10 Uhr die Top Ten der damaligen Wochencharts aus einem bestimmten Jahr. Da wird also das aktuelle Tagesdatum genommen und dann gehts unterschiedlich viele Jahre zurück. Ist finde ich eine sehr reizvolle Sendung, besonders dann, wenn ein Datum dran kommt wo man die Titel selbst noch aus Kindheit und Jugend kennt. So zum Aufleben alter Erinnerungen. Und kennt man das Jahr nicht so gut weil man noch zu jung war wundert man sich dann oft, was alles mal ein Nummer-1-Hit war. Im Vergleich zu den Bravohits wird in der Sendung außerdem eben wirklich eine komplette Moment-Aufnahme der damaligen Charts mit allen 10 Titeln plus noch drei vier aus den Top 20 geboten, ohne Ausklammerungen.

    14. März 2018
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    • Stephan said:

      Hi Chris, bzgl. Daylight war das definitiv nicht bei der Bravo Hits, dort hatte man die Version von No Angels präsentiert. Alles andere wäre auch sinnfrei gewesen, denn vermutlich hatte man die damals auch in der Bravo porträtiert. Was die Chart-Rückblicke angeht, gibt es viele derer Sendungen und ich bin eigentlich kaum noch bereit, meine Zeit dahingehend auszurichten. Das ist aber natürlich Ansichtssache, nur meiner Meinung nach sollten sich Radioformate an den Puls der Zeit anpassen, als alten Kaffee zum Erreichen noch der letzten paar Quoten aufzuwärmen. Dabei wäre ich allerdings, wenn ein Fernsehsender am Samstag alte Spielshows der 80er chronologisch ausstrahlen würde.

      14. März 2018
      Reply

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