Das Experiment: Technik-Mailingliste kostenpflichtig

Für Internet-Dienste abseits der Breitbandversorgung zu zahlen, ist auch heute für viele kein Thema. Scheinbar zumindest, denn die meisten Nutzer zahlen längst für Dienste, wenn auch nicht offensichtlich mit einem nachvollziehbaren Geldbetrag. Dafür aber mit ihrer Identität oder erhaltene Werbung. All das finanziert den realen Aufwand für virtuelle Bequemlichkeiten. Um den Schritt zu verstehen, warum eine jahrzehntelang kostenlose Mailingliste nun etwas kosten soll, muss ich ausholen. Als ich gestern diese Information verkündete und auch merkst.de aktualisiert habe, trugen sich spontan über 15 Leute aus. Alles Menschen, die jahrelang von den Inhalten anderer Nutzer profitierten, aber nur selten bis gar nicht eigene Inhalte beigetragen haben. Sich auszutragen ist daher für diejenigen eine Form der Genugtuung, wobei sie mir damit weder schaden, noch mich irgendwie beeindrucken können. Vielleicht wäre für manche sogar der zahlbare Betrag ein geringerer Verlust, als der künftige Verzicht auf fundierte Hilfestellung. Abwarten und Verstehen hätte vielleicht mehr genützt, denn die Qualität der Technik-Mailingliste wird sich verändern – ins Positive versteht sich. Was viele der sich austragenden nicht verstehen konnten oder wollten ist, dass sich nämlich längst einiges verändert hat, aber weitgehend zum Nachteil für die Nutzer.

Als ich Ende der 90er Jahre mit Mailinglisten anfing und bereits Erfahrungen seit vielen Jahren im Mailbox- und Forenbetrieb sammeln konnte, wurden die ersten Umfragen zum Thema kostenpflichtige Internet-Services gestellt. Hier ging es darum, an welcher Stelle die Grenze zwischen kostenloser Information und kostenpflichtiger Dienstleistung zu ziehen ist. Werbeeinnahmen durch Clicks fingen damals an und auch ich stimmte bei solch einer Umfrage mit Nein. Warum auch bezahlen, das Internet war doch eine schnell wachsende und einfach zu pflegende Einrichtung – so dachte ich, war aber genauso wie alle anderen im Lernprozess der neuen Technologien. Mir fiel nicht mal auf, dass ich für BTX bzw. Datex-J der Telekom (heute T-Online) unlängst für Dienste bezahlte. Alleine meine E-Mail-Adresse kostete mich rund 8 Mark (inflationsbereinigt heute rund 6 Euro), das war nämlich die Monatsgebühr für einen Datex-J-Anschluss.

Das mobile Internet, das mit WAP-Seiten einige Jahre später Einzug in gängige Handys hielt (heute würde man Feature-Phones schreiben), war der für manche auch leidige Anfang: Klingeltöne wurden plötzlich als Abo verkauft und waren sehr begehrt, Werbeeinblendungen oder auch dubiose Leistungen, deren Kosten nicht immer ersichtlich waren, folgten bis heute. Auch im Telefonmarketing war das Bezahlen üblich, viele telefonierten sich mit damals teuren Chat-Lines in den wirtschaftlichen Ruin. Bedauerlich war, dass man sich genau wie heute in den sozialen Netzwerken die Abhängigkeit und Schwächen der Masse für die eigenen Interessen zur Nutze machte. Heute ist das Telefonieren über Flatrates zwar weitgehend pauschalisiert, aber die kostenpflichtige Werbung oder Abo-Fallen, verstecken sich heute in Apps, nur selten sind Dienste vollständig frei von Gegenleistungen. Das gilt auch für merkst.de, denn mit Werbung versuche ich, einen Teil meiner Investitionen zurückzugewinnen. Ein Click bringt dabei für mich wenige Cent, den Rest verdient Google durch die Anzeigenschaltung und erringt dadurch seine wirtschaftliche Größe.

Kommen wir aber zurück zu den Mailinglisten. Während diese für Jeden kostenlos nutzbar waren, entwickelte sich auch meine berufliche Karriere im Hilfsmittelbereich. So wurden Mailinglisten-Teilnehmer zu Kunden und umgekehrt. Darüber hinaus wurden für starke Produkte, wie Mobile Speak, eigene Mailinglisten eingerichtet. Das erleichterte auch den Support-Aufwand, denn so konnte man Software-Probleme in der Community aufspüren oder Kunden halfen sich gegenseitig. Das entlastete mich und war auch durch die Verkaufserlöse abgedeckt. Interessenten hatten so die Möglichkeit, sich von anderen Nutzern vor dem Kauf beraten zu lassen. Das ist vergleichbar mit offiziellen Hersteller-Foren, in denen Kunden über die Produkte diskutieren. Diese sind quasi eine Marketing-Strategie und werden auch über den Umsatz realisiert. Klar ist natürlich, dass man schnell einen Deckel drauf macht, wenn es um Konkurrenzprodukte geht. Das muss man letztendlich auch, zumal es auch Versuche von Mitbewerbern gab, diese in fremden Communities zu etablieren. Für mich wären diese unsportlichen Maßnahmen nie ein Thema gewesen, für andere hingegen schon.

Seitdem ich meinen gewerblichen Schwerpunkt weg von Blindenhilfsmitteln verlagert habe, passierte auch in meinen Mailinglisten eine Veränderung. Zunächst wurden diese in eine einzige Zusammenverlegt, da manche Themen auch produktübergreifend waren und somit auch die Auslastung sehr unterschiedlich war. Natürlich wurden weiterhin teils aufwendige Supportanfragen zu Computern und Hilfsmittel gestellt, die ich hätte beantworten können. Problem war nur, dass diese bei anderen Händlern erworben wurden bzw. mein Zeitaufwand für eine ausreichende Beantwortung keinen Geldwert erzielt hätte. Daher verwies ich auf den Support des ursprünglichen Händlers bzw. auf den Umstand, dass dies im Rahmen einer Mailingliste den vorgegebenen Zweck übersteigt und da war ich als Betreiber sicherlich nicht immer fair. Es ist nämlich schwer abzugrenzen, was noch eine allgemeine Unterhaltung oder eine spezifische Problemstellung ist, deren Zuständigkeitsbereich klar in den Support fällt. Dieses Problem zu lösen, war ich bis Dato nicht im Stande. Für die Fachlisten wurde mir damals empfohlen, mich als offizieller Kundensupport herauszuhalten und die Kunden das Problem selbst lösen zu lassen. Dem entgegen steht allerdings, dass auch Interessierte und somit potentielle Kunden mitlesen und eine gute Supportantwort auch das Vertrauen fördert, genau wie das Hören meiner Podcasts. Das ist auch vermehrt passiert, so riefen mich Menschen an, die aufgrund meines Hintergrundwissens ein Produkt ausschließlich über mich beziehen wollten. Da dies aktuell nicht mehr möglich ist, überlegte ich lange nach einer für alle Seiten verträgliche Lösung. Diese sollte auch nachhaltig sein und meinen zeitlichen und geldlichen Aufwand gerecht werden.

Gestern kam mir dann endlich die Idee, als von einem Mitglied die Info über eine Kaffeemaschine inklusive Bezugsquelle gepostet wurde. Einerseits ist das nicht schlimm, weil mir hierdurch kein wirtschaftlicher Nachteil entsteht, immerhin verkaufe ich keine Kaffeevollautomaten. Andererseits jedoch ist bei einem Stamm von rund 420 Beziehern der Technik-Mailingliste eine Möglichkeit der indirekten Werbung gegeben, selbst wenn 20 Leser sich das Gerät kaufen würden, hätte der Anbieter an dieser Information Umsatz erzielt. Das könnte man so vergleichen, als habe jemand für ein Produkt in einer Kneipe kostenlos und lautstark geworben und dies mit dem Gastwirt nicht abgesprochen. So wäre die Konsequenz, dass er möglicherweise des Lokals verwiesen werden könnte. Und so ähnlich habe ich das auch gehandhabt, wenn vor Allem der Umstand nahe lag, dass sich selbst jemand an der Mailingliste zu bereichern versucht. Auch dies passierte hin und wieder, aber eine Reaktion des Ausschließens stößt selbst bei Unbeteiligten nicht immer auf Zuspruch. Trotz dass ich im Laufe der Zeit starre Grenzen gezogen habe, so wollte ich keine Links und Werbung von Dritten in der Liste verteilt wissen, waren auch hier die Grenzen nicht immer eindeutig. Ständig zu reagieren und gerecht zu bleiben, ist eine harte Aufgabe, bei der jeder Mensch im Laufe der Zeit die Nutzer ungleich behandeln wird. Nur wenn diese Nutzer dann für eine Leistung, und somit auch für eigene Möglichkeiten, bezahlen würden, wären sie wieder Kunden.

Daher setzte ich eine Jahrespauschale fest, die in Höhe von 20 Euro einen monatlichen Beitrag von nicht mal 2 Euro bedeutet. Dafür aber auch mit Konsequenzen für mich, so werden Werbung und Produkt-Links künftig zugelassen, auch wird auf aufwendige Support-Anfragen reagiert und Themen werden nicht mehr moderiert. So hat jeder nicht nur die Pflicht der Beitragszahlung, sondern auch ein Recht, diesen bezahlten Inhalt mit zu gestalten. Nach diesem Solidarprinzip steht es nun jedem Nutzer frei, ob er als Selbständiger in einem gewissen Rahmen seine Dienste anbietet, oder als Hilfesuchender Support benötigt. Klar sollen sich die Nutzer wie bisher auch gegenseitig helfen, aber wenn ein Thema eben länger dauert, dann dauert es eben. Diese Freiheit ist natürlich nicht unbegrenzt, denn die Meinungsfreiheit untersteht gesetzlichen Richtlinien und gilt ebenso für den zwischenmenschlichen Umgang. Das bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung, da unser gesellschaftliches Miteinander auf diesen Prinzipien beruht.

Eine berechtigte Frage ist natürlich auch, was mit den gezahlten Beiträgen passieren wird. Denn wenn selbst 20 Mitglieder sich dafür entscheiden, käme ein Betrag von jährlich 400 Euro zusammen. Das klingt zwar viel, ist aber im Verhältnis zu den bislang von mir getätigten Ausgaben für Podcast und Unterhalt der Webseiten relativ wenig, dass im ersten Jahr dieser Veränderung gar nicht so viel Neues passieren kann. Der Grund ist einfach erklärt, denn im Gegensatz zu den Vorjahren waren meine Investitionen höher, als die Einnahmen und das wird sich in Kürze relativiert haben. Während man bei YouTube-Videos Werbeeinblendungen schalten und dadurch Einnahmen erzielen kann, ist dies in einem Podcast nur eingeschränkt möglich und darauf möchte ich aufgrund des Aufwandes verzichten. Mich noch um Sponsoring zu kümmern, wäre zeitlich nicht drin. Die früheren Episoden und Produkt-Tests waren einfacher möglich, da diese auch in den Verkauf wanderten und ohnehin vorhanden waren. Aktuell teste ich nur Produkte, die ich selbst für mich als sinnvoll erachte. Im Rahmen des Fernabsatzrechts Waren einzukaufen und nach einem Test bei Nichtgefallen zurückzuschicken, ist rechtlich unzulässig, weshalb ich Produkte einkaufen und verlustbehaftet wieder veräußern müsste. Mit kleinen Finanzmitteln im Rücken, könnte ich diese Risiken künftig tragen, ohne mich und meine Familie finanziell zu unnötig zu belasten. Als Gegenleistung wären, neben dem aufwendigeren Support in der Mailingliste, die beliebten Podcasts wieder realisierbar. Denn diese wurden Mitte des Jahres eingestellt, weil die Kosten hierfür unverhältnismäßig hoch waren. Als Kritik könnte man anführen, dass die Veröffentlichungen auf merkst.de, amazona.de, als YouTube-Video oder Podcast, nicht nur für Beitragszahler, sondern auch für jedermann abrufbar sind. Dies ist richtig, aber ich gebe dem Publikum keine Supportleistung. Auch sind die Einnahmen aus Online-Werbung bei dem relativ beschaulichen Personenkreis unwesentlich.

Es geht in letzter Konsequenz darum, den Aufwand zu refinanzieren. Auch werden die finanziellen Einnahmen ordentlich verbucht und im Rahmen meiner gewerblichen Tätigkeit erfasst. Die Konsequenz ist aber eine Rückkehr zu dem, was das Publikum schätzt, nämlich die Podcasts und meine teils querdenkenden Beiträge, die nun wieder möglich sein könnten. Und als Gegenleistung gibt es einen umfassenden, nicht produktbeschränkten Support oben drauf. Wer das ablehnt und meint, dies sei nicht fair und man müsse weichen, dürfte bei vorhandener Menschlichkeit keinen Podcast ohne ein schlechtes Gewissen mehr genießen können. Wenn sich dann aber herausstellt, dass keiner mehr die Technik-Mailingliste braucht, wäre das für mich allerhöchstens eine zeitliche Entlastung.

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