Sennheiser HE 1060, die neue Kopfhörer-Referenz

Letzte Aktualisierung am 15. April 2018

Müssen es 50.000 Euro sein? – Ich denke nein. Sennheiser behauptet es allerdings, der bahnbrechende Kopfhörer HE 1060 mit zugehörigem Verstärker hat 10 Jahre Entwicklungsarbeit hinter sich und da kann man schon einiges erwarten. Vor Allem auch Werbung, denn solche Meldungen lassen einen Hersteller auch in den Fokus rücken und das ganz ohne Werbeanzeigen. Natürlich war ich zu keinem Presse-Event geladen, wäre aber durchaus bereit, auf Einladung in die Wedemark zu fahren. Dann allerdings nicht ohne meinen HD 800 und auch nicht ohne meinen Colorfly C4 Pro. Dieses Gespann ist keineswegs perfekt und auch wenn der verbaute D/A-Wandler von Cirrus Logic eine Menge richtig macht, gibt es noch Luft nach oben. Nur diese ist sicher dünner, als die Fachpresse glauben lässt, denn schon vor 25 Jahren war ich der Ansicht, dass das Hi-Fi-Geschäft gleich einer Parabel zu sehen ist.

Beginnen wir im unteren Preissegment, immerhin fertigt Sennheiser auch Ohrhörer für 5 Euro und bekennt auch bei diesen Produkten die jahrzehntelange Erfahrung im Bau von Kopfhörern. Weiter oben hinter HD 25c, Urbane und Co. Erreichen wir die Modelle HD 598 II und HD 650, darüber HD 700 und HD 800. Alle in unterschiedlichem Preisgefüge und nachvollziehbaren Differenzen sowohl in Klang, als auch in der Technologie. Beim HD 800 angekommen lesen wir in den einschlägigen Fachzeitschriften eine überragende Leistung, die sogar deutlich teureren Elektrostaten Paroli bietet. Diese arbeiten nicht mit herkömmlichen Membranen, sondern mit Folien, die in Schwingungen versetzt eine unglaubliche Nuancierung und Breite im Frequenzgang erzielen. Umständlich ist jedoch die Ansteuerung, die hohe Leistung wird von speziellen Verstärkern geliefert.

Nachdem der HD 800 einige Jahre am Markt zu finden war, kam Sennheiser mit dem passenden Kopfhörerverstärker mit integriertem D/A-Wandler HDVD 800. Auch dieser sollte entgegen den Hi-Fi-Foren bahnbrechende Vorzüge aufweisen und das Potential des HD 800 mit speziellen symmetrischen Anschlusskabeln erweitern. Denn das hat man bei der Bewertung seinerzeit gar nicht erwähnt, dass ein unsymmetrischer Klinkenstecker zum Lieferumfang gehört. Die Kanaltrennschärfe, sofern man sie denn auch wahrnimmt, sind zumindest messtechnisch mit getrennten Anschlussleitungen und Verstärkerwegen nahezu perfekt.

Während Lautsprecher komplexe Konstruktionen sind und auch der Raum eine wichtige klangbildende Rolle spielt, sind Kopfhörer besser definiert. Fehlender interauraler Schall und ein definierte Schallkammer sorgen für eine immer gleiche Wahrnehmung, egal wer den Kopfhörer trägt. Im Raum machen hingegen wenige Zentimeter eine Veränderung der Wahrnehmung aus. Daher ist es verständlich, dass Kopfhörer eine große Fangemeinde haben und diese auch einfacher zu konstruieren sind, bzw. das Abhörideal besser geleistet werden kann. In einfachen Worten: Gehen wir vom perfekten Klang aus, ist dieser mit einem Kopfhörer günstiger und einfacher zu realisieren, als mit Lautsprechern. Nun allerdings ist unser Hören nicht ausschließlich auf die Ohren beschränkt, auch das Zwerchfell ist besonders im unteren Frequenzbereich maßgeblich an unserer Wahrnehmung beteiligt. Daher könnte man sich streiten, ob eher Kopfhörer, oder der perfekte Lautsprecher, das Klangbild besser abbilden können. Bei geringer Lautstärke sollte dies allerdings weniger eine Rolle spielen. Im Tonstudio bevorzugt man zumindest Lautsprecher in schalltoten oder -gedämmten Abhörräumen, auch lassen sich Abhörmonitore der gehobenen Preisklasse an den Raum anpassen bzw. einmessen.

Setzt man nun die Anschaffungskosten von 50.000 Euro im Verhältnis zur Leistung, muss dieser Kopfhörer etwas ganz Besonderes sein. Nur ist wirklich ein Gehäuse aus Marmor des Verstärkers notwendig, den Klang tatsächlich begünstigend zu beeinflussen? Als ich meinen Lehmannaudio Linear Kopfhörerverstärker einsetzte, habe ich ihn während der Wiedergabe geschüttelt, an ihm geklopft, ihn hochgehoben und gedreht. Der Theorie nach wär dies absolut klangbestimmend, aber in der Praxis keineswegs. Faktisch hat ihm das nichts ausgemacht, selbst ohne anliegende Musik war neben des extrem geringen Grundrauschens nichts zu vernehmen.

Ich muss zugeben, dass ich schon lange meine Probleme mit Hi-Fi-Zeitschriften und den Bewerbungen der High-End-Produkte habe, die aus meiner Sicht nur Schönfärberei sind, aber wenig Fakten aufweisen. So soll der HE 1060 einen Frequenzbereich von 8 Hz bis 1000 KHz impulstreu wiedergeben können. Das traue ich ihm auch zu. Die Impulstreue bedarf aber noch einer besonderen Beachtung. Damit bezeichnet man, dass ein Impuls – also ein extrem kurzes Signal im Millisekundenbereich, das alle Frequenzen von ganz unten bis ganz oben umfasst, auch als Solcher vom Verstärker reproduziert werden kann. Hier geht es nicht um Höreindrücke, sondern um Messwerte, auch wenn in Summe ein impulstreues Verhalten eine analytische Wiedergabe der Musik erlaubt. Hier bedarf es schon technischen Aufwand, einen solch präzisen Verstärker zu entwickeln. Nur sagt dies auch nichts darüber aus, ob nicht eine Baugruppe zu einem Bruchteil des Preises nicht ebenso impulstreu und linear arbeiten könnte. Die Linearität bedeutet im Übrigen, dass alle Frequenzen gleich laut wiedergegeben werden und es zu keinen Einfärbungen kommt, wie ihn eine Klangwaage oder Equalizer anbieten kann. Die lineare Wiedergabe ist also ein weiterer bestimmender Faktor.

Um diese Aussage besser zu verstehen, hilft ein Blick in benachbarte Branchen, beispielsweise Digitalkameras. Vor einigen Jahren empfahlen Fachzeitschriften wie die c’t, lieber Kameras aus dem Vorjahr zu kaufen, da aktuelle Modelle zunehmend schlechter in der Lage sind, die Artefakte der immer höher auflösenden Bildsensoren rauszurechnen. Die Hersteller hingegen bewarben ihre Produkte mit kontinuierlichen Verbesserungen, die aber bei Vergleichsfotos nicht mehr haltbar waren. Das zwang die Industrie zum Umdenken und neue Konzepte mussten her, dass Lichtstärke, Farbraum und Dynamikbereich wieder an Qualität zunahmen. Heute ist dieses Thema aus dem Fokus gerückt. Die Branche der Hi-Fi-Firmen hat es hier einfacher, denn während man Vergleichsfotos ablichten kann, ist dies mit Klangunterschieden nicht machbar. Das heißt nicht, dass es nicht schon einmal versucht wurde. Die Musiker-Fachzeitschrift KEYS verglich Ende der 90er Jahre Studiomonitore und setzte zum Hörvergleich einen Neumann-Kunstkopf ein. So war es möglich, die klanglichen Unterschiede der Boxen wahrzunehmen, selbst die Größe der Lautsprecher durch dieses binaurale Experiment waren deutlich hörbar. Nur wie sollte man dies mit hochpreisigen Hi-Fi-Komponenten machen, wenn der Leser der Zeitschrift nur über Standard-Equipment verfügt?

Und noch ein weiterer Punkt wird gerne vernachlässigt: Die Aufnahme. Denn hier hat sich der Tonmeister bei der Abmischung Gedanken gemacht, wie sein Werk klingen soll. Dazu hat er sicherlich gute Produkte eingesetzt, aber in einem geringeren Preissegment. Heute zählt bei der meisten kommerziellen Musik auch nicht, wie authentisch diese klingen muss, sondern wie sie vom Durchschnitts-Hörer reproduziert wird. Also sprechen wir von MP3-Kompression, Ohrhörern und Smartphones, Tablets und Bluetooth-Boxen, die in ihrer Qualität deutlich unter dem Ideal einer linearen Hi-Fi-Anlage spielen. Es ist geradezu erschreckend, wie selbst der HD 800 die Artefakte komprimierter Musik oder überhaupt die dichten Abmischungen der Pop-Musik entlarvt, dass es mir sogar die Lust am Zuhören nimmt. Was wird dann erst der HE 1060 machen, wenn ich ihm die aktuellen Pop-Sampler vorlege? Ein aktuelles Beispiel ist das Weihnacts-Album von Helene Fischer und dem Royal Philharmonic Orchestra, das in den Abbey Road Studios aufgenommen wurde, in dem auch The Beatles damals produzierten. Auch Bowers & Wilkins beziehen sich gerne auf sie, da als Abhörlautsprecher die bekannten Nautilus zu finden sind. Jedoch war das Ergebnis für mich derart enttäuschend, weil das verdichtete und auf ein Level komprimierte Ergebnis zwar in jeder Mini-Anlage gut klingt, aber räumlich nicht das ist, was ich von einem Orchester erwarten würde. Natürlich mit einer wie es so schön heißt Bühne, aber eine Bühne ohne Realismus. Denn als Mensch mit einem ausgewiesen guten Gehör zählt für mich noch etwas mehr, als die Position und Abgrenzung der Instrumente, es sollte schon so sein, als spielte das Orchester um mich herum. Das gelingt aber nur mit einer binauralen Aufnahme oder einer entsprechenden Nachbearbeitung, die alles andere als massentauglich wäre.

Als Fazit möchte ich Sennheiser meinen Respekt aussprechen für den Mut, einen derart teuren Kopfhörer zu entwickeln. Auch bezweifele ich keineswegs, dass er in der Qualität oberhalb dessen liegt, was der Markt zu günstigeren Konditionen anbietet. Aber dass dazwischen Welten liegen und die Preisdifferenz den besseren Klang rechtfertigt, halte ich für unwahrscheinlich. Denn es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Alterungsprozess des Menschen. Denn wer jenseits der 60 ist, wird wohl kaum noch einen umfangreichen Frequenzgang oberhalb der 16 KHz wahrnehmen können. Wenn ich weiter überlege, wie viele Konzertkarten ich mir für 50.000 Euro kaufen könnte, erübrigt sich die Anschaffung eines solchen Kopfhörers ohnehin. Denn keine Musikanlage der Welt ist besser, als tatsächlich vorgetragene Musik auf perfekt gestimmten Instrumenten.

2 Comments

  1. Stephan said:

    Hi Stephan,
    dein Artikel ist wieder einmal gut geschrieben. Ich muss Dir jedoch leider Mitteilen das Du undalle anderen normalen Menschen wohl ehr nicht zu den potentiellen Kunden für dieses Produkt zählen.
    Auch finde ich dass der Vergleich Musik zuhause hören oder zu einem Konzert gehen hinkt. Immerhin geht man zu einem Konzert auch wegen der Stimmung!

    10. Januar 2016
    Reply
    • Stephan said:

      Moin Stephan,

      den Vergleich bezog ich einzig und alleine auf das Klangerlebnis. Bezogen auf die Käuferschicht habe ich diesen Punkt etwas außer Acht gelassen. Ich sehe mich schon als zur Käuferschicht zugehörig, wenn ich der Ansicht wäre, dass dieses Produkt tatsächlich kompromisslos sei und den Anschaffungswiderstand von 50.000 Euro rechtfertigt. Und dieser Ansicht bin ich keineswegs. Wie ich schrieb zweifele ich zwar nicht eine überragende Qualität an, die Frage ist nur, wie sich der Mehrpreis im Vergleich zu anderen Produkten schlägt. Und hier zeigt mir bereits meine Erfahrung, dass teuer und teurer gar nicht so weit auseinander liegt.

      Vielleicht dazu ein Beispiel: Wir hatten vor 10 Jahren mal ein Vergleich mit zwei Netzleisten gemacht und diese wurden an eine Rotel-Anlage mit der Kombination Vorstufe RC-03, Endstufe RB-03 und CD-Spieler RCD-02 durchgeführt, die an einem Paar B&W Nautilus 803 betrieben wurden. Ich habe dazu eine vollblinde Freundin einbestellt, die ich gebeten habe, Unterschiede zu hören. Dabei habe ich ihr nicht gesagt, um welches Equipment es sich handelt und was ich verändern werde. Einzig die Aussage, dass sie über einen Preisunterschied von 250 Euro entscheiden darf, war die Vorgabe. Ich muss hinzufügen, dass es sich bei der einfachen Netzleiste um ein Jahre altes Baumarkt-Produkt gehandelt hat, die neue war eine von Phonosophie mit einem Listenpreis von um 350 Euro mit vergoldeten Steckern und sehr festsitzenden Dosen. Und ungelogen hat sie von den Durchgängen, die teils auch ohne eine Veränderung passierten und ich aber trotzdem Stecker raus und rein gesteckt habe, dass es sich auch wie eine Veränderung anhört, fast alle richtig erraten. Sprich die Durchgänge mit der besseren Netzleiste wurden von ihr absolut unmissverständlich als die bessere Version erkannt, auch war die Lautstärke stets dieselbe.

      Worauf ich hinaus möchte ist, dass man selbst mit recht einfachen Mitteln eine gewisse Form der Präzision erreichen kann und mitunter sich auch Änderungen am Zubehör klanglich auswirken. Später habe ich dieser Anlage eine dedizierte Leitung vom Sicherungskasten mit einer speziellen Feinsicherung gegönnt und auch die Netzkabel ausgetauscht. Das Kabel ist nichts BEsonderes, aber sehr gut geschirmtes Industriekabel mit hohem Durchschnitt, das auch in vielen FOren anstelle von High-End-Kabeln empfohlen wird. Und auch hier zeigte sich eine Klangveränderung, die ich auf fehlende Netzfilter und andere Komponenten in der Stromversorgung der Hi-Fi-Komponenten zurückführe, die womöglich klangbestimmend währen.

      Und trotz Allem ist es wie immer viel mehr eine Frage der Gewohnheit und dem Hörerlebnis, das sich auch durch die eigene Gehörausbildung niederschlägt. So würde ich sicherlich, wenn einer das Konstrukt umbauen würde, nach Monaten gar nicht merken, dass die Anlage anders klingt. Vielleicht fiele es mir auf, wenn mich die Musik vielleicht weniger mitreißt als vorher. Und genauso ist es mit solchen Kopfhörern. Ob die Unterschiede in der Praxis im Verhältnis zu den Mehrausgaben langfristig auch subjektive Vorteile bringen, zweifele ich an, weil mich eben Marken, Materialien und Design längst nicht mehr beeindrucken. Mir ist das Ergebnis wichtig und das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mit geringerem Aufwand realisierbar. Nur ist es eben etwas anderes, ob Sennheiser, ein Herr Lehmann oder Meyer einen Verstärker bauen, der eben keine 2.000 Euro kostet. Da hat ein über 60 Jahre bestehendes Familienunternehmen ein etwas anderes Gewicht und da stört es auch keinen, dass die Produktion mancher Produkte auch schon nach China ausgewandert ist.

      10. Januar 2016
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