Die Musik und ich

Letzte Aktualisierung am 15. April 2026

Dieser Text ergänzt meine Autobiographie, entstand um die Jahrtausendwende, wurde komplett umgestaltet und reicht jetzt fast bis in die Gegenwart. In diesem Zusammenhang gibt es viele Beispiele, die ich zum Teil hier beschreibe und die Ihr hier anhören und downloaden könnt.

Hören statt Sehen

Setzen wir zunächst ganz früh an und ich gehe davon aus, dass meine Autobiographie mindestens überflogen wurde, so kann ich mich auf musikalische Erlebnisse konzentrieren. In meiner frühsten Kindheit war Musik für mich immer eine Art Marker. Das bedeutet, sie verbindet sich mit irgendwas. Manchmal mit Erlebnissen, aber sogar mit Geschmäckern und Gerüchen. Musik ist in gewissem Sinn für mich eine Art Informationsträger und multipliziert sich mit anderen Eindrücken. Das ist gar nicht so ungewöhnlich, wie viele verbinden Musik mit gewissen Menschen oder Situationen, aber bei mir geht das noch ein Schritt weiter. Ich weiß beispielsweise, dass bei meiner Kinderärztin im Wartezimmer „Heart of Glass“ lief und höre ich Debby Harry oder die eingängige Roland CR-78 zu Beginn, fällt mir sofort das Spielzeug mit den Kugeln ein, die man durch Löcher bringen musste, mit dem ich spielte als der Titel dort im Radio lief. „Rivers on Babylon“ von Boney M katapultiert mich gedanklich in eine Raupenbahn. Bei „Lost in France“ von Bonny Tyler verbinde ich dies mit dem Geschmack von Löffelbiskuit, „Trans Europe Express“ des US Remix Albums von Kraftwerk verbinde ich mit dem Vollmond und Cola-Geschmack. Als ich 1990 auf der Fensterbank meines Zimmers in der Wohngruppe am Weinberg saß, genoss ich freie Sicht in die Nacht Und manchmal gönnte ich mir eine Dose. Dieses entstehende Hungergefühl bei manchen Musikstücken ist verschwunden, das konnte ich noch bis Anfang der 2000er Jahre an bestimmten Titeln benennen. Bei den im ersten Teil erwähnten „Holzhackerbub’n „ stellt sich direkt ein Geruch von Pommes, Currywurst und abgestandenem Bier verbunden mit einer rauchigen Kneipe ein – wohl kein Zufall. Diese Verknüpfungen setzten sich im jungen Erwachsenenalter nicht fort, vielleicht weil man die Dinge als Kleinkind anders wahrnimmt. Hätte man mich in den 1980er Jahren zu bestimmten Bands gefragt, könnte ich kaum etwas dazu sagen, ich war diesbezüglich eine Null. Klar wusste ich, wer Elvis Presley, James Last oder Howard Carpendale ist, viele Stars traten schließlich auch im Fernsehen auf. Die Blödel- und NDW-Zeit fand ich spannend, zumal Trio seinerzeit Casio einen werbewirksamen Schub verpasste. Eine Verknüpfung zwischen Lied und Künstler bestand erst später. Zur praktischen Verdeutlichung, ich kannte „Equinoxe“ von Jean-Michel Jarre, da denke ich an ein Schützenfest um 1978 in Munster, als wir vor irgendeinem Kinderfahrgeschäft standen. Oben am Rand lief ein weißes Lauflicht und das Lied dudelte. Wenn ich es hörte, war der Bezug zum Karussell hergestellt, aber „Oxygene“ brachte ich nicht damit in Verbindung. Von einem Bekannten erhielt ich so um 1988 ein Best of auf Kassette, dann war es verknüpft. Ausnahmen gab es, wie Oh, Susi von Frank Zander. Das hatte mir seinerzeit ein Munsteraner Nachbar über Kopfhörer vorgespielt. Den Sinn verstand ich zwar nicht, die Geräusche lernte ich auswendig. Otto Waalkes kannte ich, weil wir eine Kassette von ihm hatten. Überhaupt haben mir viele Musik aufgenommen und das nahm ich zwar mit, interessierte mich zunächst nur am Rande. Hörspiele waren spannender, Geli aus meiner Klasse hat jede einzelne Folge gesammelt, da war ich zugegeben etwas neidisch. In Marburg musste sie eine deutlich vierstellige Anzahl besessen haben und wir alle profitierten. Wenn ich mir vorstelle, es hätte damals schon Musikerkennung und Streaming-Dienste gegeben, mein Musikverständnis wäre heute vermutlich ganz anders ausgefallen. Es passierte ja alles in meinem Kopf, ich konnte mir nicht schnell mal was notieren. Ich erinnere mich, dass ich Britta aus meiner Klasse aufschreiben wollte, welche Musik ich haben möchte, ihre Schwester könnte mir die aufnehmen. Mit Kassette und Zettel bewaffnet erschien ich am nächsten Tag in der Schule mit komplett falsch geschriebenen Skizzen mit irgendwelchen Fragmenten aus Refrains, wie „Ju mei Hart ju mei Sohl“ oder so. Was sollte ich machen, in der vierten Klasse konnte ich noch kein englisch.

Der Übergang von Hörspielen zu Musik war kein Cut, denn bis heute mag ich die alten Versionen von EUROPA aus Anfang der 1980er Jahre, „Die Drei ???„ hat Carsten auf Kassetten gesammelt und die sind bei mir eingelagert in einem Holzregal. Besonders die Hörspielmusik und Instrumentales fand ich fantastisch wie von Carsten Bohn, er sollte mir jedoch erst viel später bekannt werden. Geräusche faszinierten mich übrigens gleichermaßen, beispielsweise Ventilatoren oder Uhren. In der „Lönsklause“ meines Opas gab es im Nebenraum für kleinere Versammlungen einen Rohrlüfter, dessen Anlaufgeräusch ich mochte. Mit drei oder vier ‚Jahren wusste ich nur, dass wenn man den Schalter umlegt, irgendwo etwas passiert. Aus Angst vor Ärger hatte ich natürlich nie nachgefragt, erst als wir den Nachlass durchsuchten – mein Opa hat wirklich alles aufgehoben – tauchte dieser Lüfter wieder auf und beim Testen kam die Erinnerung sofort hoch. Das waren genauso interessante Reize wie Lampen und waren stets verbunden mit dem Experimentiertrieb. So fand ich alles, was leuchtet oder Geräusche macht spannend. Selbst Staubsauger, Haartrockner, Umluftöfen, irgendwie kann man daraus eine Musikalität ableiten. Wenn meine Mutter beim Haare föhnen mitgesummt hat, suchte ich immer die harmonische Verbindung zwischen Föhn und Summton. Bei Staubsaugern gab es auch eine ableitbare Grundfrequenz und mein fast absolutes Gehör hat den Ton meist getroffen. Gar nicht mochte ich schrille Geräusche. Meine Mutter hatte eine Trockenhaube, die klang furchtbar laut und kreischend. Wie sie das auf dem Kopf ertrug, ist mir echt ein Rätsel, selbst wollte ich es nie probieren. Genau wie das Ticken von Uhren, der Rhythmus, wenn zwei Werke unterschiedlich schnell laufen und nach einer Zeit wieder synchron, war eine spannende Hörerfahrung. Ohnehin fand ich Uhren auch mechanisch interessant. Tickt ein Uhrwerk, sind es teils mehrere Zahnräder, die bewegt werden und dadurch Harmonische erzeugen können. Glocken ebenso, die klanglich eher Instrumente sind. So eine große Standuhr mit Schlagwerk fände ich toll. Tante Otti hatte eine Kaminuhr auf dem Wohnzimmerschrank stehen mit einem lauten Werk und stündlichem Gong – sehr beruhigend. Es gab allerdings Grenzen, mein Vater hatte sich eine Geräuscheplatte gekauft, vermutlich für seine Filmausrüstung. Diese wurden in vielen Hörspielen verwendet, wie das markante Anfahren bei „Autobahn“ von Kraftwerk. Das entstand 1975, somit ist die Platte älter als ich. Darauf war allerdings auch Babygeschrei und wurde dies nicht rausgeschnitten, habe ich es akribisch überspielt – das konnte ich nie ertragen. Keine Ahnung wieso, das hat sich ohnehin geändert. Auch „Die Drei Schweinchen“ von Europa hinterließen so ein Trauma. Die bedrohliche Situation, als der Wolf versucht die Häuser umzupusten, konnte ich nicht hören. Gut, dass ich Gewaltszenen in Filmen und Serien nicht erkenne, ansonsten wäre das wahrscheinlich auch schwierig, in dieser Beziehung bin ich wohl auch harmonieliebend. Kassettenrekorder waren stets vorhanden, jedoch mit zweifelhafter Qualität. Hätte ich seinerzeit einen Digitalrekorder gehabt, ich könnte heute die Aufnahmen gar nicht mehr überblicken und hätte alles konserviert. So musste man früher aus der Not heraus Aufnahmen überspielen, heute ist kaum noch was vorhanden. Trotzdem habe ich die Klänge noch im Ohr, aber sie lassen sich schwer nachmodellieren.

Was mir Musik bedeutet

Grundsätzlich ist Musik für mich eine Art „Lebenselixier“. Ich würde nicht behaupten, dass ich nicht ohne sie auskäme, dennoch hat sie mich sehr geprägt. Damit meine ich nicht in erster Linie das Reproduzieren und Genießen der Musik, das gehört natürlich auch dazu und spielt im Verlauf noch eine Rolle. Ich würde mich aber nie als Fan irgendeiner Band oder eines Künstlers bezeichnen, weil Musik so vielseitig ist wie das Leben. Die meisten Menschen mögen einige Künstler oder bestimmte Stilrichtungen, ich aber mag alles, was mir gefällt und dies kreuz und quer. Einzige Einschränkung, es müssen musikalische Standards erfüllt werden. Welcher genau, lässt sich schwer definieren. Allerdings gibt es Tendenzen sowohl beim Hören als auch Machen. Beim Hören sind es organische Komponenten, ich mag komplexe Harmonie- und Klangstrukturen. Jazz mit überraschenden Akkordwechseln, Klassik mit spannend gegenläufigen Melodien, gewaltige Klangkörper wie Orgeln und Klaviere, sowie mich ansprechende Stimmen. Schaut man sich in meinem Archiv um, sieht das zunächst absolut Mainstream aus. The Beatles, Kraftwerk, Michael Jackson, Madonna, Pet Shop Boys, Erasure, um nur einige Bekannte zu nennen. Gräbt man jedoch weiter finden sich wahrscheinlich für viele total unbekannte Künstler, die irgendwas an sich haben, das ich mag. Als Sammler findet sich darunter natürlich sehr viel darüber hinaus und ich mache mir nicht die Mühe, alle Medien zu zählen und zu sortieren. Es sind viele Platten, Kassetten, CDs und digital. Nichts wird entsorgt, weil alles irgendwann vielleicht benötigt werden könnte. Praktisch wahrscheinlich nie, aber so ist das mit den Leidenschaften. Würde man mich fragen, welche zehn Alben mir wichtig sind oder mich inspiriert hätten, könnte ich darauf nicht antworten. Ich versuchte mich an einem entsprechenden Artikel für AMAZONA und der endete im Papierkorb. Es gelang mir einfach nicht, mich auf zehn Alben zu beschränken und Bei Einzeltiteln wäre das nicht anders, weil sich die Relevanz mit der Zeit verschoben hat. Dabei ist es eben nicht nur die Musik, sondern auch damit verbundene Erlebnisse, Beispiele schrieb ich weiter oben. Onkel Hansi hatte in Blomberg eine Lichtorgel und „Blue Monday“ von New Order war alleine am Anfang durch die Stakkato-Bassdrum wie geschaffen. Auch wenn Musik Teil einer Präsentation war, beispielsweise EXPO 2000 in Hannover, erweckt sie natürlich auch bei mir Emotionen. Daraus folgt, dass mir mitunter Musik eben nicht nur auf Basis der Qualität gefällt, sondern im Zusammenhang mit einem Erlebniss – diesen Punkt werden sicher viele nachvollziehen können.

Die Frage, „was hörst du für Musik“, kam in meinem Umfeld häufig vor und ich stelle diese durchaus selbst. Dann kommen meist Antworten, die sich auf Genres, Künstler und Bands oder Instrumente bezieht. Meine Antwort ist immer gleich: „Alles, was gut ist“, Grenzen gibt es allerdings. Absolut gar nicht geht Musik, die von ihrer Komposition eigentlich für organische Instrumente gedacht ist, aber am Ende aus irgendwelchen Klangerzeugern ohne Spieldynamik kommt. Besonders schlimm ist das bei ruhiger Entspannungsmusik, wie einst erlebt bei einem Wellness-Wochenende so um 2014. Da sitze ich in der Stille in so einem Dampfbad und höre hintergründig Geräusche versehen mit Gedudel aus irgendeinem alten Roland Sound Canvas oder was auch immer, das ist für mich alles andere als entspannend. Ich frage mich, warum man solche Musik so gestaltet, und vermute dahinter irgendwelche billigen Produktionen. Da komponiert man etwas Gutes, spart sich die Studiomusiker ein und lässt alles vom Computer machen und vernebelt das noch mit sich ständig wiederholender Atmo. Qualität egal, die meisten hören das eh nicht und wahrscheinlich haben die sogar Recht. Im Archiv habe ich auch solche Musik und zugegeben kann ich das nicht lange ertragen und mich schon gar nicht entspannen. Begeistern können mich Klangerzeuger trotzdem, denn selbst in den 1980er Jahren war verdammt viel möglich. Wenn Instrumente aber freigestellt hörbar sind und Melodien in den Vordergrund treten, wird es schwierig. Hier geht es ja um die Kunst und nicht die Technik. Wenn Musik entspannen oder gar die Konzentration fördern soll, reagiert unser Gehirn auf organisches Material deutlich entspannter. Heutzutage ist das natürlich völlig anders, die Computertechnik hat sich unfassbar entwickelt und die KI setzt noch einen drauf. Viele dieser Produktionen stammen jedoch aus den 1990er Jahren und lassen nicht an heutige Möglichkeiten denken. Mit Organisch meine ich auch, dass Emotionen bereits vom Instrumentalisten übertragen werden sollten, das können Digitalklänge nicht. schon Die HiFi-Industrie hat mir vergeblich versucht glaubhaft zu machen, kaufe die richtige Anlage und dann klingt alles realistisch, aber so einfach ist das eben nicht. Vielleicht ist meine Wahrnehmung zu empfindlich oder mein musikalisches Gedächtnis zu genau, ich weiß, wie etwas klingen muss, das interpretiert mein Gehirn schon selbst. Beim Musikmachen geht es tendenziell deutlich in die elektronische Richtung. Das liegt vielleicht daran, dass ich akustische Instrumente zwar verstehe, aber mir wie beim Stricken die Koordination oder wahrscheinlich noch mehr die Geduld fehlt. Meine Freundin Laura hat mal versucht mich an die Gitarre heranzuführen, was auch in Ansätzen gelang. Aber nur eine Klangfarbe, umständlich zu halten, das ist irgendwie nichts für mich. Blasinstrumente interessieren mich sehr, hier jedoch das gleiche Problem, zumal Soloinstrumente auch nur monophon spielbar sind. So bin ich das derzeit einzige passive Mitglied unseres Posaunenchors Fronhausen. Trotzdem nehme ich ein Instrument in die Hand und frage mich, was der Erbauer sich dabei gedacht hat. Ein schönes Beispiel ereignete sich in den 1990er Jahren, als wir zu Besuch bei Freunden von Lianes Familie waren. Abends etwas angeheitert kam der Jägersmann mit seinem Jagdhorn um die Ecke, alle versuchten was, keiner kriegte einen sauberen Ton raus. „Gib mir mal“, meinte ich und er lachte schon, „das kriegst du auch nicht hin“. Weit gefehlt, hätte ich das Halali aus dem Kopf gekonnt, wäre es auch was geworden. Da war er zugegeben erstaunt und ich gleich mit, Ich nehme es aber mit Humor. Posaune spielen ist schwierig, weil man über den Auszug am Abstand die Tonhöhe einstellt und man überdies auf die Noten schaut. Das ist so ähnlich wie beim Cello ohne Markierungen, mit Streichinstrumenten komme ich nebenbei auch zurecht.

Die erste bewusst gekaufte Musikkassette war „Bad“ von Michael Jackson im Jahr 1987, „Thriller“ folgte darauf und beide besitze ich heute noch. Als ich mir ein Jahr später meinen ersten tragbaren CD-Player und Fernseher vom Kommunionsgeld kaufte, kam auch mehr Musik hinzu, denn Hörspiele auf CD gab es noch nicht. Kassetten und Platten waren günstiger, CDs eher Premium-Produkt teils mit Zusatz-Tracks. Eine Platte kostete rund 18 Mark, eine CD das Doppelte und Pop-Sampler musste man zunächst getrennt auf zwei CDs erstehen. Mein Musikvorrat erhöhte sich ansonsten zunächst nur auf kopierten Kassetten. Einen Anschub bekam das Ganze erst, als mein Opa im Juli 1990 verstarb, damals besaß ich 13 CDs. Seine Musikbox konnte ich zerlegen und die Singles durchhören und so vieles rückblickend nachvollziehen. Sicher muss ich nicht erwähnen, wo sich die meisten Singles heute befinden, übrigens auch Heinos Holzhacker, die Säge am Anfang war für mich damals der Hit. Dieter Thomas Heck und seine Hitparade, Disco mit Ilja Richter und Formel Eins, davon bekam ich viel mit und hat mich auch interessiert. Vermutlich weil der Fernseher Familienmittelpunkt war und nicht wie heute jeder nur auf seinen Bildschirm guckt. In den 1990ern war ich aktueller, nicht nur unterstützt durch frühere Kopien von Carsten, aus Schieder und Blomberg, sondern durch Pop-Sampler – die Bravo Hits sammele ich bis heute. Ich verfolgte die Techno-Szene, kannte Heavy Metal und populäre Musik, weil ich von Radio und Schulfreunden genauso geprägt wurde. Die Bravo kauften wir seinerzeit regelmäßig, aber das Dr. Sommer Team interessierte mich mehr als die Stars und Sternchen. Poster hatte ich kaum und waren mir nicht wichtig. Vereinzelnd schon, einen Michael Jackson hing ich mir schon auf, aber meist flog der Kram in die Papiertonne. Heavy Metal verstand ich überhaupt nicht, zunächst dachte ich, das wäre irgendwie Blödelei. Als mein Schulfreund Markus mir das Stück „Blasphemer“ von Sodom vorspielte und meinte: „Hör mal, wie der kotzt“, dachte ich an einen Witz und dass das Stück darum geht, dass jemandem schlecht ist und er kein Klo findet. Ich ließ es mir kopieren und lernte erst im Lauf der Zeit, dass es sich hier um einen Musikstil handeln würde. Michael aus meiner Klasse war auch so ein Mentor für mich. Queen, U2 und was der alles hörte, kante ich auch nur aus dem Gedächtnis und konnte es erst später zuordnen. Als Freddy Mercury starb, bekam ich dies im Radio mit und wusste nicht mal, dass er Queen gegründet hat. Kraftwerk bekam ich vom anderen Markus aus meiner WG und erst dann wurde mir klar, dass „Die Roboter“ von Kraftwerk kamen. Das Problem war wohl eher, dass ich keinen Bezug zu Alben hatte und die Musik stets freigestellt von Künstler und Album betrachtete. Sofern mir Titel gefielen lernte ich sie auswendig, so entstanden langsam die Verknüpfungen. Erst viel später waren die Tauschbörsen eine super Möglichkeit, mein defizitäres Wissen rückwirkend aufzustocken. Fragmente aus meinem auditiven Gedächtnis mit Refrain-Lines oder gemerkten Melodien – Englisch konnte ich dann schließlich – reichten aus, um vieles nachzuholen. So war es mir nicht nur möglich, ältere Titel zu Künstlern und Album zuzuordnen, sondern ich lernte auch viel über Künstler mithilfe von Suchmaschinen. „Nineteen“ von Paul Hardcastle mit der typischen Samplephrase fand ich cool, aber er lief als One-Hit-Wonder“ durch. Meine Recherchen ergaben, dass er unglaublich vielseitig ist und es wesentlich aktuellere Titel gibt. Hugh Masekela ist auch ein Beispiel, Daniel und ich bekamen auf der Mobilitätsfreizeit in Ganderkesee von einem Trainer Platten kopiert, Kassetten waren bei mir nie beschriftet. So wusste ich wie er heißt, aber nicht wie man ihn schrieb und konnte am Ende einiges an Material von ihm finden. Weil die Qualität von Napster und eMule meist ziemlich schlecht war, habe ich über die Zeit manche mir wichtigen Alben über iTunes und Google Music nachgekauft. Die oben beschriebenen Verknüpfungen verschwanden allmählich, dafür manifestierten sich seit der Jahrtausendwende die Titel, Alben und Künstler so, wie es sich gehört. Später habe ich akribisch bei MiniDisc und CD-Text auf eine korrekte Beschriftung von Interpret und Titel geachtet. Das ging allerdings schon mal schief, so wurde aus „I Will Love Again“ von Lara Fabian plötzlich „I Will Again“ von Lara Croft. Das war der Brüller auf einer Geburtstagsparty.

Der Weg zur Orgel

Als erstes Tasteninstrument kam ich mit einem grünen Stylophon in Berührung, dass wir in den 1970er Jahren hatten, ich glaube es gehörte nicht uns. Ich weiß noch, wir schlossen es an die Musikanlage meiner Eltern an. Das gibt es von Dubreq immer noch und ist ein einfacher Synthesizer. Lautstärkeregler, Vibrato und Stift, der einen Kontakt auf der Trautonium-ähnlichen Tastfläche schließt. Ganz einfach und oft zu hören in vielen Musikstücken, beispielsweise „Taschenrechner“ von Kraftwerk. Das Zweite war ein Harmonium von Hohner aus den 1960ern, das stand in Oerrel bei meinen Großeltern. Einmanualig, mit 49 oder sogar 61 Tasten und mit Schieber zur Veränderung der Lautstärke. Das Ding war recht schwer und als Kind bekam ich es kaum gehoben. Die Lüftergeschwindigkeit veränderte sich beim Bewegen des Reglers, also muss sich der Luftstrom ändern und ich wollte dies wieder nachvollziehen. Heute weiß ich, dass ein Ventil für den Druckausgleich sorgt. Öffnet man es, verringert sich der Luftstrom an den Plättchen und das Instrument ist leiser. Lustig war, wenn man die tiefen Fußlagen nur halb drückte, dann gab es witzige Laute. Ich selbst hatte ein rotes Kinder-Keyboard mit acht Leuchttasten und links daneben einen Lautsprecher. Das habe ich auch längst vergessen, jetzt beim Schreiben erinnere ich mich wieder daran. In Blomberg lag auch so eins beim „kleinen“ Onkel Horst. Dank ihm konnte ich zum ersten Mal bewusst eine Kirchenorgel in der St. Martin-Kirche hören und spielen. Das war schon gewaltig, solche Instrumente faszinieren mich natürlich genauso. in Hannover bekam ich dann eine orangene Bontempi-Orgel. Es musste eine gewesen sein, aber sicher weiß ich das nicht mehr, die funktionierte ähnlich wie das Harmonium. Mir waren diese Instrumente allerdings zu laut und Kopfhörer anschließen ging natürlich nicht. Zu Weihnachten 1982 bekam ich ein Casio PT-30, ein kleines Keyboard mit 31 Minitasten, Rhythmussektion, Melodie-Sequenzer und Begleitautomatik. Dann waren da noch Klaus Wunderlich und die Orgel von Onkel Horst. Ich war keine fünf Jahre alt, dass ich zum ersten Mal bei jemandem an einer Heimorgel saß. Ich drückte eine Taste und das Ding war höllisch laut, da war erst einmal vorbei. Typische Tanzmusik mit Heimorgel war zwar eine vollkommen andere Richtung, volkstümlich, schlagerartig, gefällt mir aber trotzdem. Horst verkaufte seine erste Orgel, deren Fabrikat ich nicht kannte, zu Gunsten einer etwas problematischen WERSI Comet. Klar behauptete er, ich habe sie kaputtgemacht, aber das Problem war wohl eine Verschaltung bei der Klangerzeugung oder den Eimerkettenspeicher-Delay, den Fehler hat niemand gefunden und er hat fast jeden dran gelassen, der etwas davon verstehen könnte. Das Instrument hat deutlich hörbare Störgeräusche ausgegeben, die nach einigen Sekunden verschwanden. Eine Art Gate, das aufgeht und den Sound durchlässt und nach kurzer Zeit wieder schließt. Warum keiner das Problem lösen konnte, verstehe ich bis heute nicht, man hätte die Spannung doch an verschiedenen Punkten messen und eingrenzen können. Als Selbstbauorgel müsste das Layout doch übersichtlich sein und Schaltpläne gibt es doch auch. Möglicherweise ein defekter Transistor oder Kleinigkeit, aber das Geräusch blieb. überraschend fand ich später eine einfache Lösung, den Main-Volume-Regler auf der Rückseite am Verstärkerteil reduzieren und dafür den Schweller etwas aufdrehen. Stieß man ohne dies mit dem Knie gegen das Instrument, tat es einen höllenlauten Schlag – die Hallfeder. Von dieser Orgel existieren keine Aufnahmen mehr, aber sie war fantastisch. Umfangreich mit WERSIMATIC-artiger Begleitsektion, vielen Zugriegeln, analogen Instrumenten, die über Kippschalter aktiviert wurden. Beispiele findet man auf Platten der damaligen Orgelkünstler, die WERSI Helios war die große aus der Serie. Ich beherrschte die Comet recht schnell, Horst eher nicht. Ich glaube ins Geheim war er schon stolz, dass ich so oft kam und so hatte sein Traum mit der Heimorgel wenigstens einen Sinn erfüllt. Das war wie Weihnachten, wenn ich nach Schieder kam und unverhofft stand da ein neues Instrument, hat mir natürlich keiner verraten. Tante Ilona meinte damals, „er kauft die Orgel doch eh nur für dich“. Es kam übrigens nie zur richtigen Hausmusik, aber als Oma Herta mich heimlich mit dem Telefonhörer an ihre Freundin übertragen hat, war vorbei. Ich drehte mich um und sie stand hinter der Tür, ich nahm ihr das nicht übel. Seitdem habe ich jedoch kaum noch laut gespielt und das mache ich bis heute nicht – ein echtes Trauma. Entweder war es mir nicht perfekt genug oder es waren die stetigen Provokationen meiner Eltern, ich könne ja eh nicht spielen. Das meinten sie natürlich genau anders und wollten mich herausfordern, aber es manifestierte sich vermutlich unterbewusst ins Gegenteil.

Trotz Schlagzeug- und Orgelunterricht war es für mich schwierig. Bei Herrn Bierwisch bekam ich 1984 Unterricht auf einer kleinen Farfisa-Orgel, wie sie bei uns häufig in den Internaten standen. Ich brach ihn nach einigen Wochen ab, um es 1986 auf der Yamaha FE-41 mit ihm nochmal zu versuchen. Das war eine große Orgel mit FM-Synthese, PCM-Rhythmen und Stereo-System, die FE-40 war etwas kleiner und hatte weniger Features und war nur Mono, die hat Daniel von seiner Oma bekommen. Schlagzeug kam 1988 hinzu und habe ich auch nicht lange durchgehalten. Doro war eine Musikstudentin und eine ganz liebe, geduldig und kompetent mit gutem Einfühlungsvermögen. Was aus ihr wurde weiß ich leider nicht. Aufgehört habe ich, weil ein Schlagzeug in der Mietswohnung nicht drin wäre und günstige E-Drums wie heute gab es damals nicht. Ich hatte zwar ein Practice Pad aus Gummi, aber das langweilte mich. Bei Orgel störten mich die ausgewählten Musikstücke, das mit dem Fingersatz ist ja schön und gut, aber ich wollte doch einfach nur Klänge ausprobieren und experimentieren, so etwas lässt der Musikunterricht nicht zu. Die Synthesizer-AG war später was anderes, den im Jahr 1985 von der Schule erstandenen Korg DW-8000 könnte ich auch heute noch zielsicher bedienen. Parametrierung über eindeutige Tasten und Einstellen der Werte mit Regler und Taster, Arpeggiator und viele spannende Sounds, das wollte ich. Die Notenschrift beherrsche ich bis heute nicht, lediglich eine von Herrn Waldherr entwickelte Pseudo-Notenschrift mit einer verständlichen Systematik. Herr Waldherr besaß übrigens einen Casio VL-80 aus „Taschenrechner“ von Kraftwerk. Mit dem konnte er blind rechnen alleine durch Rückmeldung der Töne, denn jeder Ton war eine Zahl. Der VL-1 war das gegensätzliche Keyboard dazu, siehe Trio. Den besaß Holger, ein Sohn einer Erzieherin und Kommunionsfreundin, die mir das Instrument mal auslieh.

Meine erste Heimorgel bekam ich zu Weihnachten 1986, das war ein gebrauchtes und günstiges Instrument unbekannten Fabrikats. Rein analog, eher mäßige Rhythmus-Sektion, leider hat sie mir nicht so viel Freude bereitet. Da nützte auch der Hauslehrer nicht viel, ein Musikstudent, Herr Wimmer – wie wir an den kamen weiß ich nicht mehr – sollte mir in 1987 das Instrument beibringen. Eine Probestunde war okay, obwohl er etwas unsicher wirkte. Ich entschied mich dagegen, weil das schließlich Geld kosten sollte und ich befürchtete, es würde nicht besser als mit Herrn Bierwisch werden. Davon abgesehen mochte ich diese Orgel nicht leiden. Keine Zugriegel, analoge Pseudo-Klänge, langweilige Rhythmen und Begleitsektion. Das war kein Instrument für mich, obwohl meine Eltern es auch hier gut gemeint hatten. Vielleicht hätten sie mich in die Auswahl mit einbeziehen sollen, denn ich kannte mich aus und meine Familie war nicht wirklich musikalisch. Zwar habe ich mir die Orgel vorher in einem Musikgeschäft angeschaut, aber preislich gab es keine Alternative, denn bei dem Budget wäre auch ein vernünftiges Keyboard vermutlich nicht drin gewesen. Zur Orgel kam ein Korg Super Drums DDM-110 als Drumcomputer hinzu, den ich vielleicht auch nicht gekauft hätte. Er besaß neun Schlaginstrumente und war ziemlich einfach zu programmieren, den ergänzenden Super Percussion DDM-220 hatte ich nicht. Ich nutzte ihn mit sechs Batterien eigenständig und nahm ihn überall mit hin, somit beschränkte ich mich auf die Rhythmusprogrammierung und nutzte die Orgel hauptsächlich als Verstärker für mein Kofferradio.

Der Orgler

Mein Cousin Carsten bekam um 1984 eine Eminent Solina P-256 und zwei Jahre später einen Roland TR-505 Drumcomputer, das war eine etwas bessere Kombination. Ein Casio MT-400 V als Keyboard hatte er außerdem, mit diesem ist er sogar auf der Weser an Bord eines Ausflugsschiffs aufgetreten. Er war seinerzeit richtig gut und hat ein paar Preise bei Wettbewerben auf der Musikmesse abgeräumt. Notenlesen konnte er außerdem und war mir alleine dadurch schon voraus. Sein Interesse für Technik hat er vom Vater übernommen, der hatte Weltempfänger, Scanner, HiFi und früher für Onkel Horst sogar Lautsprecher gebaut. Onkel Marius roch oft nach Moschus und Zigaretten, er hatte diese holländischen Dinger immer geraucht. Ich weiß noch, dass ich mit vier Jahren in ihrer ersten Wohnung gerne an seinem Weltempfänger gespielt habe, einen Hitachi KH-3800W. Einen Sinclair ZX-81 Homecomputer hatte er außerdem und technisch eine Menge drauf. Besonders spannend war ein mechanischer Geldspieler, der hing bei ihnen früher im Flur. Groschen rein und kurbeln, dann kam was raus oder eben meist nicht. Später sagte er öfters mit seinem niederländischen Akzent „Dann wolle wir dich das mal hööre lasse“, wenn er mir was vorspielen wollte. Manchmal über Lautsprecher, aber auch über Kopfhörer, den Röhrenverstärker dafür hat er sich auch selbst gebaut und ich mich mal daran verbrannt. So legte er bei mir einen noch früheren Grundstein für mein Funkinteresse und für guten Klang. Von Carsten lernte ich über die Zeit viel Musik kennen, er hat damals wie wahnsinnig Platten und CDs gesammelt. Bevor Onkel Marius bei Gauselmann einstieg, hatte er einen Schallplattenladen und Platten gab es wegen der Musikboxen zur Genüge. Er zog mit seiner Familie später bei uns ins Haus ein, die Orgel kam natürlich mit. „Hättest du nicht besser Blockflöte spielen können“, fluchte einer der Möbelpacker, die das Instrument in den vierten Stock hievten. Habe ich seine Orgel gehört, war Carsten zuhause – sehr praktisch und ersparte das Anrufen. Das nämlich kostete Geld uns so konnte ich einfach hochgehen. Mit seinem Bruder Ronnie machte ich später Telefonstreiche: „Sie haben im Lotto gewonnen“, sagte Ronnie und ich spielte einen Tusch auf der Orgel. Auf einer von meiner Mutter organisierten Weihnachtsfeier in unserer Schule sollte Carsten einst Orgelspielen, Herr Waldherr war wie immer hilfsbereit. Ich bekam die Schlüssel und rollte zu diesem Zweck die riesigen Aktivlautsprecher und den Stahlschrank mit eingebautem Mischpult durch den Schnee, um alles auf der Bühne im Speisesaal aufzubauen. Für meinen Cousin ist mir das Beste gerade gut genug und ich organisierte die modernste Orgel, die in einer Wohngruppe stand. Eine Technics sx-EX50L – zwar nicht Stereo, aber moderne PCM-Klänge. Das wurde eine schöne Feier mit Wichteln und viel Spaß, Carsten hat die Bude natürlich gerockt.

Das Aufnehmen war genauso spannend wie Musik machen. In Hannover hatte Ronnie ein Nintendo Entertainment System, mit dem ich oft spielen durfte. Die Automaten klangen besser, aber für zuhause war das besser als nichts. Bei meinem eigenen NES habe ich die Spielmusik aufgenommen, wobei sich das heute mit Emulatoren nachstellen lässt. Die Qualität der Konsolen wurde übe die Jahre besser, weg vom Atari-Gepiepse über das NES mit dreistimmigen Sound bis hin zu Samples von Roland-Sounds wie bei der N64. Die Automaten waren schon früher weiter, auch verstanden es die Sounddesigner, die Resonanzen der Gehäuse sinnvoll zu nutzen Wie bei „Space Invaders“. Die besonders tiefen und wummernden Töne, die bei den näherkommenden Raumschiffen schneller wurden, konnte der Spieler als Vibration auf der Bedienkonsole spüren. Damals in Holzminden brauchte Ronnie kein Nintendo, denn sie hatten einen Spielautomaten im Haus. Beim Gauselmann Matador-System konnte man die riesigen Platinen wechseln, meist hatten sie auch ein zweites Spiel auf dem Gerät liegen. Onkel Marius tauschte die Spiele gelegentlich aus. Das System war interessant, denn auf der Spieleplatine befand sich die gesamte Elektronik, eine Holzplatte, ziemlich schwer. Man konnte sie schnell über Schienen wechseln, sofern das Bildformat passte, ansonsten musste man noch die Bildröhre drehen. Wenn ein Automatenaufsteller den Austausch vornahm, wurden auch das Plakat auf der Rückwand, die Anleitung neben dem Monitor und Logo oben vor der Neonröhre gewechselt, so dass man den Namen auch von weiter weg erkannte. Den Spieletausch habe ich selbstverständlich ausführlich mit Beispielen dokumentiert. Hätte ich diese Aufnahmen noch, wäre der Technik-Talk über Spielautomaten ganz anders ausgefallen, denn so musste ich mit gewissem Aufwand die Spielhallensituation faktisch nachstellen. Dazu verwendete ich Emulatoren, verschiedene Lautsprecher und überlagerte Dutzende Stereoaufnahmen einzelner Automatensounds. Was dabei herauskam, war zumindest ansatzweise dem Sound der Automatenausstellung recht nahe. Früher ist Onkel Marius mit uns gelegentlich auch am Wochenende in die Firma gefahren, im Ausstellungsraum war es zunächst stockfinster. Es roch nach Holz und Elektronik, so ein Bisschen wie in einem HiFi- oder Musikgeschäft. Weil die Geräte neu waren, fehlte natürlich die Note von Rauch und abgestandenem Bier, obwohl unsere Väter damals rauchten, was das Zeug hielt. Schaltete Marius die Hauptsicherung ein, ging nach einem Knacken die Beleuchtung an und die Ausstellungshalle erwachte zum Leben. Zunächst hörte man lediglich das Brummen und Quietschen der Netzteile und Bildröhren. Die Automaten, Flipper, Musikboxen und Simulatoren fuhren hoch, das dauerte je nachdem unterschiedlich lange. Hin und wieder ertönte irgendwo ein Piepton oder Sound nach dem Testlauf, wenn der Automat bereit war. Die ersten Spieledemos liefen los und die Luft war voll akustischem Gewusel. In echten Arcade-Hallen sollen die Automaten um die Kunden buhlen und das taten sie mit Effekten, Sounds und Musik. Immer periodisch, damit sie sich nicht alle überlagerten. Weil sie sich unterschiedlich verhielten, bekam das Ganze eine lebendige Eigendynamik. In Deutschland gibt es einige Automaten- und Spielmuseen, wenn die morgens in Gang gesetzt werden, ist das mit Sicherheit ähnlich. Wenn Arcade-Fans das hier lesen, bin ich mir sicher, ihnen würde jetzt genauso das Herz aufgehen.

Mitte der 1980er Jahre war ich gerne dort, nicht nur wegen der Automaten. Carsten konnte wunderbar das Geräusch eines parkenden und anfahrenden LKWs emittieren und kam stets auf spannende Ideen. So fuhren wir einst mit seinem Kettcar durch die Gegend, dass er natürlich mit Musik ausgestattet hat, Walkman und Boxen genügten. Ich saß im notdürftig montierten Fahrradhänger mit Picknickzeug, Decke und was auch immer. Wir fuhren durch Holzminden und irgendwann endete die Fahrt mit einem plötzlichen Ruck. Während Carsten mit dem Kettcar schon etwas entfernt war, stand ich mitten auf der stark befahrenen Kreuzung – der Hänger fiel ab. Das war schon witzig, obgleich er mich schnell aus dieser Situation befreien musste. Als ich so um zwei Jahre alt war – er ist eineinhalb Jahre älter – sah seine Hilfsbereitschaft noch anders aus. Laut Videobeweis saß ich in einem Gehwagen und er fand es toll, mich in die Ecke zu schieben, so dass ich nicht von selber wieder herauskam, ich hätte das an seiner Stelle wohl genauso lustig gefunden. Kurioserweise war ich nie im Orgelstudio Hopp, sondern kenne das Geschäft nur von Außen. Mit jenem Dirk Bahl, den wir einst im Interview hatten, nahm er dort Unterricht und versorgte mich stets mit Prospekten und Aufnahmen. Die Inhaber „Happy Hoppys“ machten auch selbst Musik und dies gar nicht mal schlecht. Es gab dort nicht nur Orgeln und Keyboards, sondern genauso Drumcomputer, Vierspur-Kassettenrekorder und was auch immer. Schon früher war ich gut im Auswendiglernen von technischen Daten und Typenbezeichnungen, quälte mich mit der Lupe durch Prospekte und wusste alles, was der Keyboard-Markt hergab. An meiner Wand hing ein Poster von Casio, das alle einstigen Keyboards zeigte, welche die große Symphonytron 8000 umrahmten – Casios einzig erschienene transportable Orgel. Herr Dr. Drechsler hatte so eine und baute sie einst im Physikraum auf. Meine Erinnerungen sind recht wage, aber durch die Funk-AG konnte ich auf diese wenigstens mal in Aktion sehen. So kannte ich damals auch die gesamte TR-Reihe von Roland. Ich interessierte mich zwar für Drumcomputer, Synthesizer kamen erst in den 1990ern dazu.

In Hannover gab es früher das Elektronikkaufhaus Brinkmann am Steintor. Im Untergeschoß war eine große Musikinstrumentenabteilung mit unzähligen Keyboards. Eine Seltenheit, denn zu dieser Zeit waren die Orgeln aus den Kaufhäusern schon verschwunden und Keyboards wanderten in die Spielwarenabteilung. Ich hielt mich dort gerne auf, denn anders konnte man die vielen Modelle kaum begreifen. Auf den Regalen wurden auf mehreren Ebenen viele Instrumente spielbereit ausgestellt, die größeren Keyboards und E-Pianos fanden sich in der Mitte. Carsten war vermutlich später auch öfters dort, genau weiß ich das nicht. Immerhin kam er seinerzeit mit dem Korg DDD-1 um die Ecke, ein Drumcomputer damals im Abverkauf mit 14 anschlagdynamischen Tasten, 18 Sounds und zusätzlicher ROM-Karte mit sechs Bässen. Vier dieser Karten ließen sich installieren und erweiterten den Vorrat um maximal 24 Sounds. Rechts daneben gab es einen Schacht für eine RAM-Card, rückseitig ließ sich noch ein Sample-Board nachrüsten. Der DDD-1 hatte einen Trigger-Eingang, die Daten konnten wie damals üblich auf Kassetten gesichert werden und 1990 bekam ich ihn mal für rund ein Vierteljahr zum Experimentieren. Ich war verrückt und nahm damals mein Kofferradio und Carstens DDD-1 mit in die Reiterfreizeit, davon gibt es noch Aufnahmen. Danach in den Sommerferien habe ich mich sehr intensiv mit ihm beschäftigt und Carsten bekam ihn wieder, irgendwann hat er ihn dann verkauft. Danach hörte ich den DDD-1 in allen möglichen Volksmusikproduktionen, er schien sehr verbreitet oder man produzierte dieses Genre nur in einem Studio. Obwohl er vielseitig war, mochte ich den Roland TR-505 lieber, leider habe ich die besser ausgestattete TR-626 nie gehabt. Diese kam 1988 auf den Markt und orientiert sich klanglich an der TR-707 und weil Speicher zunehmend kein Problem mehr war, hatte sie deutlich mehr Sounds. Eine Anekdote ereignete sich um 2003, als Carsten und ich in den „Musikbrunnen“ in Hannover gingen. Wir kamen rein und erblickten eine Orgel von Lowrey zum Preis von 55.000 Euro mit dem Vermerk: „Verkauft“. Später im Vorführraum, als wir uns einige Instrumente von Hammond, Roland und WERSI anschauten, erzählte der Verkäufer, dass die gebrauchte roland von einer Kundin sei, die sich immer mal eine Orgel ins Wohnzimmer stellt. Nicht etwa weil sie spielen könnte, sondern weil sie damit Musik hörte. Die Roland Atelier gab sie für die Lowrey in Zahlung.

Die Schulmusik

In der Schule fiel es mir leichter, wenn ich kein Solo abliefern sollte, das betraf auch Gedichte oder Sprachvorträge. Schon in der zweiten Klasse habe ich mich gedrückt, „Weihnachten“ von Theodor Storm vorzutragen. Im Kontext mit anderen war ich nicht alleine und da störte mich das nicht und ich gab stets mein Bestes. Erst mit Blockflöte Xylophon oder Pauke, später am Synthesizer. Am Schlagzeug wurde ich zwar mehr gehört, aber das war für mich noch akzeptabel. Nur wenn es um Orgel ging, war ich raus und wusste mich auch zu drücken. Ich durfte bei der Weihnachtsfeier 1988 die Technik machen und Herr Waldherr kam auf eine Idee, von der ich ihm wohl eher abgeraten hätte. Wir sollten einen Stern aufgehen lassen und hatten zwei Bühnenstrahler auf der Empore unserer Aula. Er meinte, dass man einen Jutesack darüber ziehen kann und wenn der Stern aufgeht, zieht man ihn runter – das war meine Aufgabe. Doch kam es etwas anders, ein mit schnellen Schritten heranrauschender Dr. Drechsler riss den Sack vom Strahler und trat ihn im Flur aus, denn das Ding fing Feuer. Glücklicherweise passierte das schon bei der Generalprobe. So schnell konnte ich gar nicht reagieren, nur wunderte ich mich über den heißen Sack auf der Vorderseite, an dem ich mich leicht verbrannte, mehr ist Gott sei Dank nicht passiert. So ein Bühnenstrahler hat um 1.000 Watt und wird mit Halogenleuchten ziemlich heiß. Vorne hatte er ein Metallgitter und möglicherweise einen Lüfter, der natürlich so nichts nützte. Jedenfalls zog ich es bei der Feier vor, den Stecker an der richtigen Stelle einzustecken.

In Hannover genoss ich eine gewisse Freizügigkeit. Nach der Schule, während meine Mutter noch in der Großküche arbeitete, zog ich meine Runden und entdeckte hier und da in manchem Kellern ein Instrument. Ganz früh war es eine Orgel im Speisesaal auf der Bühne, ein Flügel stand hier sowieso. Hinter dem Vorhang setzte ich sie in Gang und wunderte mich, wozu eine Orgel einen Lüfter braucht. Zwei Schalter aktivierten ihn und veränderten die Geschwindigkeit. Erst viel später wusste ich, dass es im Prinzip eine Art Rotary-Cabinet sein musste. Man hatte aus Budget- und Platzgründen vor den Lautsprecher ein Windrad eingebaut, mit dem man den Klang etwas modulieren konnte – das war seinerzeit eine pragmatische und einfache Lösung. So eine Schwebung ist etwas vollkommen anderes als ein Digitaleffekt über einen Lautsprecher, weil er die Luft im Raum regelrecht verwirbelt. Das hat mich stark beeindruckt und man konnte auch einen Kopfhörer am Kabel durch die Luft drehen, der Effekt ist ähnlich. Wer das nachstellen möchte, kann auch einen Lautsprecher auf die Rückseite eines Ventilators platzieren oder selbst hindurch sprechen. Ein echtes Leslie verfügt über zwei Lautsprecher, die sich übereinander angeordnet verschieden schnell im Kreis drehen. Durch die unterschiedliche Unwucht und das Beschleunigen und Abbremsen entstehen ganz besondere Schwebungen in verschiedenen Fußlagen, das kann ein Keyboard oder Orgel mit statischen Lautsprechern nicht erreichen. Meine Mission ist auch heute noch dieses Ergründen, warum Klänge und vor Allem wie sie entstehen. Im Treppenhaus unter der Aula fand ich dann vermutlich einen Roland SH-1000, ein Preset-Synthesizer, der als drittes Manual für Orgeln konzipiert war. Nur leider war eine Steckdose nicht in Reichweite, aber irgendwann klappte es und er stand an anderer Stelle. Ich war stets vorsichtig und wollte nichts kaputt machen. Mit Kopfhörer bewaffnet und einem Kabel zur Hand entlockte ich ihm einige Klänge, aber die Zeit reichte für mehr nicht aus. Wer auch immer die Instrumente wann gekauft hat und wo sie später verschwanden, ist unklar. Die Yamaha FE-41 begegnete mir in den 1990ern in einem runtergekommenen Zustand, dass man sie wohl besser entsorgt hat. Das ist eben der Nachteil an Schulen, die Instrumente werden oft durch zu viele Hände gereicht. Dies sah man sogar schon früher an manchen Orgeln, die von Jahr zu Jahr immer furchtbarer aussahen. In der Vorschule stand ein ebenfalls ziemlich runtergekommenes Klavier, Grund genug, um es eingehend zu erforschen und durch Öffnen des Deckels die Hintergründe zu verstehen. Gleiches mit dem erwähnten Flügel im Speisesaal, hinter dem geschlossenen Vorhang sah man mich wenigstens nicht. Außer in der Schule habe ich nie im Bandkontext gespielt, das war für mich nicht erstrebenswert. Ich bin halt kein Freund des Rampenlichts. Nicht wegen möglicher Versagensängste, aber es würde mich nicht erfüllen. Musik ist eher eine intime Unterhaltung zwischen mir und den Instrumenten. Vertrauliche Gespräche gehen schließlich auch keinen was an.

Nach dem Schulwechsel 1989 setzte sich das anders fort. Ich glaube einen Schulauftritt am Schlagzeug gab es mal, aber mehr nicht. Man fragte mich immer wieder, ob ich nicht irgendwo mitspielen wollte, ich lehnte ab. Das Vertrauen von Herrn Meyer-Uhma ermöglichte es mir, die Instrumente im Musikraum zu nutzen und das führte auch zu einigen Aufzeichnungen. Darunter war ein Roland D-50, Yamaha DX21, Korg MS-20, PS-3100 und ein Mini Pops MP-7, die ich im Musikraum gemeinsam mit einer Solina Theaterorgel benutzen durfte. Die war deutlich größer als Carstens P-256 und verfügte über die legendären Solina Strings und Registrierspeicher. Mit ihrem großen beleuchteten Bedienpanel und analogem Stereo-Sound würde ich sie in die Anfänge der 1980er Jahre einordnen. Das wohl interessanteste Instrument allerdings war ein umgebauter Korg Poly-800, der konnte nämlich sprechen. Unser Elektroniklabor hatte ihm die Innereien eines sprechenden Taschenrechners von Panasonic eingepflanzt. Ein kleiner Lautsprecher und sechs Drucktasten auf der Bedienfront wurden zusätzlich eingebaut. Damit war es möglich, jede Ziffer der drei Segmentdisplays mit je zwei Tasten abzurufen. Die Programmierung war dem DW-8000 sehr ähnlich und so fühlte ich mich direkt heimisch. Ein DW-6000 stand neben einem Roland U-20 und Rhodes Piano im Bandkeller. Da kam ich mit ein paar Freunden zwar mal rein, aber nutzte ihn genauso wenig im Bandkontext. Meist spielte jemand Schlagzeug, einer Gitarre und der Kopfhörer verschaffte mir die notwendige Ruhe. Dem DW-6000 fehlte Anschlagdynamik und der Master-Effekt, aber es gab noch mehr Unterschiede.

Onkel Horst und sein Vermächtnis

In Schieder gab es auch Änderungen. Ende der 1980er Jahre hatte er eine kleine Heimorgel von GEM, vermutlich eine Easy Organ 200, ein recht seltenes Modell. Sie wurde als OEM-Instrument auch über Versandhäuser vertrieben, seine hatte er jedoch aus dem Musikbrunnen in Hannover. später hat meine Cousine Bettina die übernommen, sie spielte ebenfalls Keyboard – oder musste es, später hatte sie ein Yamaha PSR-2700. Sie erzählte mir kürzlich, dass sie nur noch im Posaunenchor in Lügde spielt und keine Orgel mehr. Die Geschwister meiner Mutter hatten einen latenten Hang zum Neid. so spielte Carsten, da musste Bettina auch, zumindest empfand ich das so. Möglicherweise war auch das der Grund, warum ich mich lieber im Hintergrund hielt, Ausnahmen gab es allerdings 1990. Im besoffenen Kopf nach Mitternacht an Onkel Horst seinem 50. Geburtstag. Mein Vater und ich trugen die Orgel raus, gefeiert wurde im Zelt vor dem Haus. Da spielte ich was das Zeug hielt und alle grölten mit. Auf der kurz darauffolgenden Silberhochzeit legte ich – ebenfalls nicht ganz nüchtern – ein Schlagzeugsolo ab, leider ist das auf dem Video nicht verewigt. Das halbe Jahr Unterricht hat mir die Grundtechniken nachhaltig gelehrt. Geht man nicht von extrem schnellen Performances aus, ist Schlagzeugspielen nicht so schwer und das hat man schnell raus. Zurück zur Orgel, General Music wurde übrigens 1987 gegründet und hat einige italienische Orgelfirmen wie ELKA und Orla übernommen. Das Instrument hatte zwei Manuale mit Leuchttasten, ein Cartridge-System rechts neben dem Untermanual mit Musik zum Nachspielen und ein leeres zum Speichern, leider aber noch kein MIDI. Dafür die PCM-Stereo-Klangerzeugung aus der WK-Serie und nur einen Mono-Lautsprecher mit pultförmigem Panel. Irgendwoher bekam Horst fast zeitgleich ein Technics sx-KN600, das über ein optionales Diskettenlaufwerk nachgerüstet werden konnte. Im Gegensatz zum bei Entertainern beliebten sx-KN800 mit Diskettenlaufwerk fehlte ein Master-Effekt und so klang es ziemlich trocken. Im Jahr 1992 in den Ferien konnte ich seine Lichtorgel, ein Vivanco-Mixer mit je zwei Phono- und Line-Eingängen und ein Kassettendeck von Wega mitnehmen und habe in den Ferien mit dem Technics experimentiert. In Marburg konnte ich Mischpult und Kassettenlaufwerk später für das Mischen eines Hörspiels in der zehnten Klasse nutzen und das war somit sehr hilfreich, ihm das Technics abzuluchsen gelang mir nicht. Die Lichtorgel packte ich in einen Lederkoffer, inklusive Spiegelkugel und Farbwechsler. Onkel Horst hatte sein Equipment umgestellt und so war die alte Lichtorgel aus den 1970er Jahren abgestellt. Tante Ilona hat das mit meinem Vater aus dem Haus geschmuggelt, er hat es wohl zunächst nicht gemerkt und das Zeug stand eh nur rum. Mein Vater hatte unter die E27-Fassungen kleine Bretter montiert, ursprünglich waren die drei 150-Watt-Strahler auf einem langen Brett montiert. Eigentlich waren sie total ungeeignet, denn die Auf- und Abflammzeit war zu träge und völlig anders als es LED-Spots heute hinbekommen. Stroboskope liefen damals über Kondensatoren und eine Blitzleuchte, es hat sich eben viel verändert. Der Farbwechsler wäre eigentlich für die Festmontage ausgelegt aber Onkel Horst war durchaus kreativ. Er verwendete das Stativ einer alten Leinwand und steckte oben einen gebogenen Metallstab hinein, so dass der Farbwechsler unten am Fuß und die Spiegelkugel am Metallbogen an einem Haken schnell aufgehangen war. Weil seine Kugel im Lauf der Zeit Dellen bekam, habe ich sie ersetzt. Bis zum Abitur hat das Lichtequipment einige Feten beleuchtet und war bei Mitschülern sehr gefragt. Mit dem alten Lederkoffer meiner Eltern war es auch schnell verpackt und mitgenommen, später habe ich es verschenkt. Horst bekam dann einen Aktivmixer, genau genommen eine richtige Truhe, wahrscheinlich irgendein Selbstbau mit Platz für Laufwerke, integrierter Lichtorgel und Hochvoltanschlüsse für die Strahler. Er war nebenbei viele Jahre als Alleinunterhalter unterwegs und das kam auch sehr gut an.

In der Zeit habe ich öfters DJ gespielt, wie Horst mit Kassetten und später CDs, klar hat er mich hier genauso geprägt, natürlich ohne sein Repertoire aus Orgel- und Tanzmusik, das hätte wohl niemand hören wollen. Horst war der absolute Knaller. Als Taxifahrer war er des Nachts natürlich öfters wach und seine Mission war das Aufnehmen wahrscheinlich sämtlicher Nachtexpress-Sendungen auf WDR 4. Er hat die Kassetten einfach laufen lassen, wenn er nicht selbst daneben saß und so die Moderation rausschneiden konnte. Danach ist er alle Bänder durchgegangen und hat diese händisch katalogisiert auf Basis der Zählwerknummern, was ein wahnsinniger Aufwand. Wünschte sich ein Gast einen Titel, blätterte er in den Ordnern und fuhr den Titel auf dem inaktiven Deck an. Nur hat er nicht bedacht, dass die Zählwerke damaliger Laufwerke sich nicht an Zeitstempeln orientierten, sie waren individuell. Was hat er sich aufgeregt, wenn er dann eines Abends feststellte, dass die Nummern nicht mehr passten und er mit neuen Laufwerken nicht zurechtkam. Onkel Horst hatte ein absolutes Gespür für Musik und konnte Titel aus dem Kopf mitsingen, textsicher war er außerdem und auch ein kleines Bisschen schmerzfrei. Nur alles ab den 1980er Jahre abseits von Schlager war ein musikalischer Fremdkörper. Ich erinnere mich noch, das muss so 1992 gewesen sein, da hatte er irgendwo spielen sollen – jüngeres Publikum. Ich solle ihm doch mal aktuelle Hits aufnehmen, das habe ich natürlich gemacht, von CD auf Kassette war kein Problem. Am nächsten Tag hat er geflucht, was ich ihm denn für einen Mist kopiert hätte, die Leute wären alle genervt gewesen. Nun gut, ich kopierte ihm ein Zusammenschnitt von aktuellen Pop-Sampler. Auf meine Frage, welche Titel es denn betraf, konnte er mir natürlich nicht antworten, weil er sie nicht zuordnen konnte. Ich war nicht dabei und von daher bleibt dies wohl ewig unklar. Zuletzt ist er Anfang der 2000er Jahre aufgetreten und hat dies aus gesundheitlichen Gründen beenden müssen. Als er schon über 70 war, erlebte er die Moderne noch mit. Was aktuelle Entertainer-Workstations inzwischen leisten, wie einfach DJing mit MP3 ist und Streaming. Eines Abends auf der Terrasse zeigte ich ihm Spotify, am Ende besorgte ich ihm einen Echo Show mit Amazon Music und er war selig. Sein eigentlich letztes Keyboard war das Roland VA-7 aus einer Erbmasse mit zusätzlichem Lautsprechersystem und ausführlicher Dokumentation von einem Alleinunterhalter in sehr gepflegtem Zustand. Das stand oben im Schlafzimmer und wurde von ihm kaum benutzt. Seine Finger wollten nicht mehr so richtig und so erfreute er sich daran, wenn ich mit dem Instrument experimentiert habe. Das VA-7 hatte ein Zip-Drive und für die damaligen Verhältnisse spannende Effekte, Roland nannte das VariPhrase-Sampling. Ein Touchscreen hatte es auch, aber leider mit schlechtem Kontrast. Das alte Technics-Keyboard bekam sein Enkel, aber dieser hat es wohl nie benutzt. Ich konnte ihm das VA-7 später aus dem Kreuz leiern und wollte es natürlich nicht geschenkt. Er bekam von mir ein Yamaha PSR-420 und ein Gemini CD-4000, mit dem DJ-Doppel-Laufwerk hätte er sicher mehr anfangen können. Leider hat er sich nie wirklich damit befasst. Musikboxen und Geldspielgeräte waren seine weitere Leidenschaft, eine große Wurlitzer befüllt mit Platten steht dort noch im Flur und eine mit CDs hängt neben einem Geldspielgerät in der Partylaube. Sein größter Wunsch war es, dass er uns in Fronhausen mal besuchen könnte, aber das hat er leider nicht mehr geschafft.

Kreative Anfänge

Den ersten PC bekam ich Anfang 1991, Die erste Soundkarte jedoch viel später. Carsten hatte bereits eine alte Creative Labs Sound Blaster Pro, die ich irgendwann bekommen habe. Mit aufgesetztem Game Blaster, Yamaha OPL2-Chip und im Paket mit MIDI-Kit. Damals war es nicht einfach, günstige Keyboards mit MIDI zu finden. Ohne Soundkarte habe ich mir anders beholfen, in den Sommerferien in Schieder hatte Frank, ein Familienfreund und Helfer von Onkel Horst, eine deutsche Lautsprecherbuchse hinter eine Blende verbaut. Er konnte im Gegensatz zu mir löten und ich hatte eine ganz klare Vorstellung von dem, was ich wollte. So sollte das PC-Signal nach Außen geführt werden, der Speaker aber noch funktionieren, wenn kein Lautsprecher angeschlossen ist. Die Buchse hatte einen Schalter und der Stecker ließ sich auf zwei Arten einstecken, mit und ohne Kontaktunterbrechung des an den PC-Speaker durchgereichten Signals. Mein Vater hatte noch einen Autolautsprecher im Keller, den hängte ich mir an die Wand und ich war sichtlich erstaunt, wie laut so ein PC werden kann, da steckte richtig Dampf hinter. Eigentlich hätte noch ein Potentiometer zur Lautstärkeregelung gefehlt, denn manchmal war es zu viel des Guten. Hat er gepiept, hörte man das über die ganze Etage am Weinberg. Damals feuerte man kleine Demos ab, die teilweise sogar gesampelte Sounds hatten und die kamen genauso über den Autolautsprecher. Amiga Module-Files waren besonders spannend, der Sound war so gut und angenehm, dass das Hören sogar Spaß machte. Besser wurde es natürlich mit der Creative Labs Sound Blaster 2.0, die im Gegensatz zur Pro einen FM-Chip in Mono hatte. Ich bekam von Carsten den Voyetra Sequencer Plus kopiert und das Adapterkabel für MIDI hatte ich mir gekauft. Die Sound Blaster Karten hatten einen Gameport, der entsprechend für MIDI-Daten genutzt werden konnte. Neben FM-Sounds konnten auch PCM-Stereodaten ausgegeben werden, ein Vorteil der Version 2.0. Für Spiele ein unschätzbarer Vorteil, auch die Module-Files klangen nun wesentlich besser.

Der PC war in der Grafikleistung dem Commodore Amiga 500 durch VGA überlegen, klangtechnisch erreichte er ihn aber erst jetzt. Zunächst gab es zwar kaum Audiosoftware, die Amiga-Tracker wurden portiert oder nachgebaut. In der Musikszene dominierte der Atari ST mit eingebauten MIDI-Buchsen, die beim Amiga jedoch nachgerüstet werden konnten. Dass Module-Player zunächst auch über den PC-Speaker liefen, kam also nicht von ungefähr. Das betraf auch Spiele und die Demoszene, kleine Programme mit genialen Video- und Soundspielereien, teilweise interaktiv. In der DOS-Box kann man die heute noch laufen lassen und gewinnt einen Eindruck, was damals mit wenig Speicher möglich war. Solche Demos liefen auch in den Schaufenstern der Computerläden die ganze Nacht, bei Bildröhren echt ein Stromverbrauch. Zwar ging das mit Soundkarten und den 486ern schon Ende der 1980er Jahre los, aber für uns Jugendliche dauerte es Jahre, bis der Kram im Kinderzimmer landete. Das hatte einen einfachen Grund, die Entwicklungszyklen waren ganz anders als heute, die Computer teurer und ob man wollte oder nicht, musste man sich mit dem arrangieren, was man hatte und war über jedes Megahertz und Kilobyte froh, dass man herauskitzeln und einsparen konnte. Man startete auch nicht einfach so eben mal ein Spiel oder Audiosoftware, sondern musste stets wissen: Welche Soundkarte ist verbaut, auf welchem Interrupt und Port ist sie konfiguriert? Wer das nicht wusste, hörte einfach gar nichts. Die zentrale Geräteverwaltung, wie wir sie heute kennen, gab es unter DOS nicht. Eine Maus anschließen reichte nicht, man musste den zugehörigen Treiber starten oder automatisch in die Batchdatei AUTOEXEC.BAT einfügen. Es war somit ein stetiges Lernen mit Try and Error, Erfolgen und Niederlagen, auch beim Basteln. Man war ja froh, wenn man irgendwo ältere Hardware bekam, die besser als die eigene war und ein Rechner wurde zum besten Mix aus allen Teilen.

Irgendwann Ende 1990 stand bei Brinkmann ein riesiger Stapel mit einem oben aufliegenden Roland EP-3, ein kompaktes E-Piano im Angebot für 349,00 DM. Ohne Batteriebetrieb mit fünf PCM-Monoklängen, die sogar kombiniert werden konnten. Die Besonderheit waren die MIDI-Buchsen, das hätte man deutlich teurer erst in einem Yamaha PSS-680 mit Minitasten gefunden. Blöderweise hatte es keine Anschlagdynamik, für ein Klavier natürlich ungünstig. Das Werksdemo war jedoch dynamisch eingespielt, die Sounds ließen sich per MIDI auch so ansteuern. Das war überhaupt ein Ding, die Herstellerdemos waren zwar so ausgelegt, dass sie das theoretisch machbare der Klangerzeugung ausreizten, der Funktionsumfang und Spielhilfen reichten jedoch dafür nicht aus. Ein Fest für den ungeübten Musikverkäufer, er musste nur einschalten, starten, fertig. Bei Synthesizern war das anders, hier gab es die Werks-Demos meist nicht im Instrument. Yamaha vertrieb Demokassetten von vielen Instrumenten, eine vom E-Piano CVP-70 habe ich noch im Bestand. Trotz der Einschränkungen schien mir das EP-3 als günstige Lösung geeignet und so erzählte ich Carsten davon und er holte es sich auch.

Vom Aufschwung zur Resignation

Es muss so um 1994 zum Geburtstag in Verbindung mit meinem Ersparten gewesen sein, dass ich ein Yamaha PSR-500 im Angebot bei Brinkmann bekam, das von 1.249 Mark auf 999 Mark reduziert wurde. Dies hatte Anschlagdynamik, 100 Sounds und Styles, einen Sequenzer, LED-Anzeige und war somit vollkommen blind bedienbar. MIDI hatte es auch, aber kein General MIDI und einen lahmen Prozessor, so dass es stets Timing-Probleme gab – dies betraf genauso den Konkurrenten Roland E-15. Das PSR-500 war zwar vielseitig und mit dem Sequenzer kam man zu schnellen Ergebnissen, aber Timing und die geringe Polyphonie trübten etwas den Spaß. Als dann später das Roland E-16 im Angebot sogar noch günstiger war, habe ich das Yamaha ersetzt. Ein E-86 wäre mir zwar lieber, das hätte ich mir damals nicht leisten können. Carsten war so freundlich, besorgte das E-16 und brachte es mit nach Marburg, die Eminent Solina P-256 war auch mit im Auto. Das Yamaha PSR-500 gab es übrigens unter Anderem als PSR-400 ohne Master-Effekt (eventuell auch ohne Anschlagdynamik) und PSR-600 mit Diskettenlaufwerk. beim Nachfolger PSR-510 hat man die Timing-Probleme etwas besser in den Griff bekommen und General MIDI unterstützte es nun ebenfalls. Batteriebetrieb war mit den Yamaha-Keyboards möglich, mit Roland jedoch nicht, aber mir gefielen sie vom Grundsound besser. In dieser Zeit konnte ich Keyboards am Klang erkennen und zielsicher ein Roland von einem Yamaha oder Korg unterscheiden. Mein Synthesizer-Wissen wurde durch das KEYS-Magazin fördert, der Audioteil war für mich Pflicht. In dieser Zeit begann ich mit einigen Versuchen. Ich kaufte Carsten den Roland TR-505 ab und von einem Schulfreund übernahm ich noch ein Korg A5 Gitarren-Multieffektgerät – ein Bodentreter, den ich wegen des Hi-Z-Eingangs nur notdürftig verwenden konnte. Dazu einen Soundcraft-Mixer, ebenfalls mit zwei dieser unsäglichen Phono-Inputs, das Vivanco hatte Wackler und war verbraucht. Als Soundkarte hatte ich eine Sound Blaster AWE-32 und es war gar nicht so einfach, den Voyetra Sequencer Plus noch unter Windows 95 zu betreiben, weil die MPU-401-Treiber nicht problemlos liefen. Glücklicherweise bekam ich von einer Freundin einen IBM PS/1 Computer mit Monitor, der diente mir später als eigenständiger Sequenzer. nach unserem Umzug 1996 übernahm ich von einem Freund auch noch einen Akai-Sampler S-01 und ein Alesis MicroVerb 4 Effektprozessor. Er selbst hatte ein großes Pult und Abhörmonitore, einen Roland D-70, e-mu Morpheus und sogar einen tragbaren aiwa DAT-Recorder. Als wir das Zeug gut verpackt in einem großen Beutel mitnahmen, mussten wir ein Schließfach bemühen, weil wir noch Wartezeit hatten. Beim Herausheben des Beutels rutschte mir der Rucksack aus der Hand, es tat einen Schlag und der Sampler viel auf eine der Ecken der 19-Zoll-Halterung. Ich hätte nie gedacht, dass sich diese dicke Aluminiumfront so stark verbiegen könnte – wie ärgerlich. Sonst ist nichts passiert, auch nicht den im Beutel verpackten Disketten mit Sounds für den Sampler.

Der Aufbau dieses Heimstudios war ähnlich zu vorher mit Roland E-16 als Klangerzeuger, gelegentlicher Einsatz der TR-505 und P-256, die übrigens über kein MIDI verfügt, den Alesis-Effekt nutzte ich zur Veredlung. Die Klangerzeuger wurden per MIDI in Reihe geschaltet, weil die Soundkarte nur einen MIDI-Ausgang hat. Dieses Kit endete übrigens auf Stecker, so dass ich zum Anschluss längerer Kabel Female-Adapter benötigte. Der IBM PS/1 mit passendem Zubehör stand länger bei meinen Eltern, ich holte ihn zurück und mein Vater bekam was Besseres. Eingebaut war Carstens alte Sound Blaster Pro und er sollte nur noch als Sequenzer funktionieren. Ich saß dann mit Lupe vor dem Bildschirm, konnte die Software aber auswendig. Auf der Musikmesse 1994 staunte ich nicht schlecht, ich traf einen blinden Musiker, keine Ahnung welcher Stand das war. Der saß da mit einem Yamaha SY-99 und siehe da, er nutzte den Voyetra mit Braillezeile, eine solche hatte ich damals mit Ausnahme der MiniBraille noch nicht. Die Möglichkeiten des Sequenzers habe ich sicher nicht ausgeschöpft, meist lief er als Loop und ich habe die Einzelspuren manuell bei der Aufnahme ein- und ausgeschaltet. Cubasis, Cakewalk, später mit einer TerraTec 32/96 und zugehörigem MIDI-Keyboard, ich habe viel ausprobiert, wurde aber nie glücklich. Dennis, der mir den Sampler unter Anderem verkaufte, empfahl mir den Korg NX-5R, knapp 650 Euro im Angebot. Im Gegensatz zum NS-5R war eine Zusatzplatine verbaut, ein Yamaha XG-Klangerzeuger, das erhöhte die Stimmenanzahl auf 96. Das orangene Display wurde grün, wenn man die Zusatzplatine ansteuert, die hätte man wohl auch austauschen können. So richtig klar kam ich mit dem kleinen Gerät nicht und über MIDI auch nicht an alle Presets, der Voyetra konnte nur von 0 bis 127, mehr war nicht möglich.

Glücklicherweise gab es das Internet, so ersteigerte ich mir testweise einen Yamaha QY-10, ein kleiner Sequenzer mit rudimentärer AWM-Klangerzeugung, ähnlich er früheren Keyboards. Kein General MIDI und sehr begrenzt, mir ging es zunächst darum, solche Geräte kennenzulernen. Begeistert davon und der Software den Rücken kehren zu wollen kaufte ich mir einen fast neuen QY-70, deutlich umfangreicher, selbe XG-Klangerzeugung wie beim NX-5R, und ein Display in Game Boy Qualität, selbst mit Lupe schlecht zu lesen. Vielseitig war er, eine Begleitsektion gab es, die Sounds waren vielfältig, er passte in die Jackentasche, aber ich kam nicht mit zurecht. Mit Software war es ähnlich, Propellerhead RB-388, Yamaha Virtual XG-50, Roland Sound Canvas (in einfacher Form als Windows GS-Klangerzeuger heute noch integriert) und ich verlor langsam die Lust. Von einem Freund bekam ich testweise ein Yamaha PSR-330, aus anderer Quelle ein Yamaha PSR-510 mit externem Diskettenlaufwerk, das brachte mich zwar etwas weiter, aber es waren ja nicht meine Instrumente. Die Orgel baute ich aus Platzgründen ab und sie verschwand hinter der Schlafzimmertür. Einiges verkaufte ich wieder und obwohl ich das KEYS-Magazin abonniert hatte, verlor ich auch hier das Interesse und der Amateurfunk rückte in den Fokus. Als man immer mehr von Software schrieb und es die Zeit war, als Hardware trotz einiger Ausnahmen etwas an Bedeutung verlor, hörte ich erst einmal auf. Immerhin entstanden in dieser Zeit viele Aufzeichnungen, somit war alles nicht ganz vergebens.

Der Ausflug zu HiFi und zurück

Bei uns lief so gut wie immer Radio, meist NDR 2 mit Carlo und den damaligen Moderatoren. Kamen meine Eltern nach Hause, war die Anlage sofort an. In Munster noch so eine typische „Flunder“ wie in den 1970ern üblich, in Hannover kam dann ein typischer „Stereoturm“ ins Haus. Das war eine Kombination von Telefunken, gekauft natürlich bei Brinkmann. Das Set kostete rund 2.700 Mark, inflationsbereinigt wären das heute 3.250 Euro – schon eine Menge Geld. Es bestand aus dem Receiver TA-550, dem Kassettendeck CC-27 mit HIGH COM Rauschunterdrückung, dem Plattenspieler S-500 im Rack RM 80. Dazu gab es die TLX 1 Professional, die hingen zunächst an der Wand. später standen sie auf dem Stubenschrank, akustisch zwar daneben, haben dafür aber richtig gebullert. In der Küche hatte mein Vater Autolautsprecher in die Regale gelegt, die über den zweiten Ausgang verbunden wurden und durch die langen Kabel ziemlich viel Leistung schluckten. Das machte nichts, die Gesamtleistung von 90 Watt pro Kanal war schon enorm. Ich hatte ein Radio von Onkel Eberhard bekommen und bekam später mein erstes, eigenes Kofferradio. Das war ein graues Sharp GF-4646H, das ich 1982 zu Weihnachten bekam. Hörspiele, aber auch Radio hörte ich damit viel. Günter Fink war seinerzeit einer meiner Lieblingsmoderatoren, nicht nur wegen „After the Fire“ von 1980-F als Intro des „NDR 2 – Club Wunschkonzert“, sondern mir gefiel die Art seiner Moderation. Ich stellte mir vor, wie spannend das in so einem Radiostudio sein musste, das war damals noch komplett live und die Hauptquelle für neue Musik und Informationen. Das Kofferradio musste überall mit, ob ins Schullandheim und nach Schieder, es klang richtig voll und nahm über die integrierten Mikrofone sogar gut auf. Die Laufwerkstasten an der Frontseite brachen irgendwann ab und das Ding war fertig, die gefundenen Schraubendreher waren zu kurz für die Löcher. Auf Anraten unserer Lehrerin bekamen wir alle Philips D-6410 Kassettenrekorder mit seitlichem DIN-Eingang, internem Mikrofon und selbstgebasteltem Fußschalter für die Pausenfunktion – eigentlich unsinnig. Das interne Mikrofon ließ sich auch aktivieren, wenn ein Aux-Gerät angeschlossen war, so konnte man quasi über eine Fernsehaufnahme sprechen. Gut klang er, war jedoch Mono, hatte Bass-, Höhen- und Geschwindigkeitsregelung, der ging als erstes kaputt. Während der Wiedergabe konnte man die Aufnahmetaste drücken und sich schnell was überspielen und wir sollten ein Pflaster darauf kleben, das brachte jedoch kaum Abhilfe und ich entfernte es wieder. Eine negative Besonderheit war die Resonanzfrequenz auf Mittelwelle von NDR 2, je nachdem konnte man den Sender leise, aber deutlich hören, vor Allem bei Berühren des Gehäuses. Lief es schlecht, drang das manchmal auf die Aufnahme durch. Das war ein typischer Rekorder der damaligen Zeit mit Lautsprecher links neben dem Kassettenfach, die Nachfolger hat Philips in wesentlichen Punkten verbessert.

Zum Geburtstag 1986 bekam ich ein Siemens MK 421 mit Doppelkassettenlaufwerk und es machten nur Ärger. Mal kam es aus der Reparatur wieder und was anderes ging nicht, dann wurden vom Service die Frontgitter eingedellt und wir taten es irgendwann weg. Ich bekam zufällig als Übergang ein älteres Kofferradio von Quelle Universum, das machte in Blomberg die Runde und landete bei mir. Es musste um 1983 gekauft worden sein, mit Doppelkassettenlaufwerk und damals typischer Weitwinkelfunktion durch Phasenverschiebung, aber auch etwas defekt. Manchmal fing es unangenehm zu rauschen an, Wackeln an den Schaltern sorgte meist für Abhilfe, aber irgendwann nicht mehr. Hinten gab es Lautsprecheranschlüsse und ich bekam zwei abgelegte Boxen, die das Teil gut versorgen konnte. Schließlich kauften meine Eltern zwischendurch zu Ostern ein Kofferradio von Soundwave mit ebenfalls zwei Laufwerken und abnehmbaren Boxen mit Kabelaufrollung. Das war richtig gut, aber mit mäßiger Aufnahmequalität. Es hatte einen frontseitigen Mikrofoneingang mit Gain-Regler, einen 10-Band-Equalizer, getrennte Lautstärkeregler, Aux-Eingang als Mini-Klinke und hatte sogar einen Netzschalter. Als Mini-Anlage war das später praktisch für meinen tragbaren CD-Player Philips D-6800, den stellte ich drauf und gut, meine vorhandenen Boxen ließen sich ebenfalls anschließen. Einen frontseitigen Klinkeneingang für Mikrofone mit separatem Gain-Regler hatte es ebenfalls, eingebaut waren keine. Durch die abnehmbaren Boxen war das Grundgerät recht kompakt und diente mir besser zum Aufnehmen, der Philips war schließlich nur Mono. In der Stube hatten wir später einen CD-Player von Soundwave – der war auch recht durchdacht und günstig. Das waren von OTTO vertriebene OEM-Geräte von Crown, die es auch unter anderen Versandhausmarken gab. Für Marburg bekam ich Weihnachten 1990 eine Kompaktanlage von Uher mit Plattenspieler und CD-Player, ebenfalls Doppellaufwerk und angeblichen 80 Watt pro Kanal, keinen Eingang und mit Lautsprecher. Weil ich das Soundwave und Boxen auch noch hatte, verteilte ich zeitweise vier Stück im Raum. Von Bianka aus meiner Gruppe bekam ich ein altes, sehr leistungsschwaches Quadrophonie-Verstärker von DUAL, damit konnte ich mich erstmals mit Raumklang befassen. Dabei wurden die gegenphasigen Signale einfach auf die Rückseite verschoben, das gab ein diffuses Klangfeld. Plattenspieler hatte ich übrigens schon früher, die Nadeln aber immer kaputtgekriegt.

Der Receiver und das Kassettendeck standen neben dem Stereo VHS-Videorekorder Telefunken VRV-650 zwischenzeitlich in meinem Kinderzimmer. Derweil stiegen meine Eltern auf Pioneer um, wie damals üblich Doppellaufwerk und Receiver. CD-Player und Plattenspieler behielten sie zunächst und das Rack wanderte in den Keller. Unten hatte es ein Plattenfach, darüber eine Schublade für Kassetten und Zubehör, das TA-550 und CC-27 passten exakt in das obere Fach. Das Kassettendeck war weniger tief und zwei Holznägel verhinderten das nach Hinten rutschen. Rack und Anlage kamen mit nach Marburg und ich stapelte meine Komponenten obendrauf. Der Kopfhörerausgang des Receivers war richtig kräftig und ich kam immer auf komische Experimente. Damals waren Kopfhörer hochohmig und so ist die Leistung nicht verwunderlich, wahrscheinlich hat man die Endstufen einfach parallelgeschaltet. So nahm ich einen Sony Walkman-Kopfhörer, schloss ihn an, schaltete die Lautsprecherausgänge ab und drehte die Lautstärke auf Maximum und befeuerte ihn mit Heavy Metal. Kurz hörte man Musik, dann knarzte und knackte es und anschließend roch man die verschmorten Spulen und es wurde still – damit hatte ich nicht gerechnet. Das CC-27 mit dem hauseigenen HIGH COM als Rauschunterdrückungssystem sollte später noch problematisch werden, mein Vater hatte es immer zugeschaltet. HIGH COM wirkte bei der Aufnahme und Wiedergabe, eine hellgrüne LED wies deutlich auf die Aktivierung hin. Das Prinzip war technisch genial, man hat die Höhen bei der Aufnahme angehoben und mit einem Kompressor in anderen Frequenzbändern versehen. Dadurch wurde bei der Wiedergabe das Bandrauschen drastisch minimiert und die Wirkungsweise war besser als mit Dolby-C. Erst mit Dolby-S gab es ebenbürtiges. Dolby-B war beim CC-27 auch vorhanden, das kam typischerweise bei Kaufkassetten zum Einsatz und wirkte zumindest hellem Bandrauschen entgegen. Mit HIGH COM begab man sich allerdings auch in ein Ökosystem. Spielte man die Bänder auf Geräten abseits von Telefunken ab, klangen die Aufnahmen extrem hell und mit einem deutlichen Pumpen versehen, als habe man die Höhen überdreht und eine extreme automatische Aussteuerung verwendet. Ohne HIGH COM kann man sie später nicht sauber abspielen und so mutierte dieser Vorteil zu einem dramatischen Nachteil.

Ich ergänzte den Turm um das Wega JPS 352 C-2 Kassettendeck von Onkel Horst. Das hatte zwar eine elektronische Laufwerkssteuerung, aber einen Defekt beim Aufnehmen. Der linke Kanal rauschte hörbar, wenn auch relativ leise. Die restliche Anlage in exakt demselben Design verblieb in Schieder. Mit dem geriffelten Doppelregler war das Aussteuern sehr angenehm. Er bestand aus zwei Drehknöpfen hintereinander für je einen Kanal. Man regelte sie entweder gemeinsam oder getrennt, bei unterschiedlichen Pegelstellungen verlief die Einkerbung nicht von vorne nach hinten. Beim Telefunken hatte man hingegen zwei noch dazu leichtgängige Metalldrehknöpfe nebeneinander. Eine fühlbare Markierung zeigte zwar den Stand an, aber es war blind eine Fummelei, sie in die exakt gleiche Position zu bringen. Hinzu gesellte sich ein Onkyo DX-6830 CD-Player, dessen Besonderheit war das Music-File-System. Man konnte für 341 CDs die Programmierung speichern und diese wurde beim Einlegen automatisch abgerufen. Nach und nach kamen weitere Komponenten der Serie hinzu, Carsten und ich haben uns hier genauso ausgetauscht und oft denselben Geschmack. Er besorgte irgendwoher von Quadral Lautsprecher, die hießen T-120 oder so ähnlich. Vier oder besser dreieinhalb Wege Standboxen mit Bassreflex, solide und zu dem Preis waren die ziemlich klangstark und sehr angenehm. Quadral sitzt in Hannover und gibt es heute noch, ich hatte diese Boxen mehrere Jahre in Gebrauch. Liane kaufte sich durch mein Anraten MB Quart 600 Lautsprecher und zunächst die größere Integra-Serie von Onkyo, die Komponenten mischten wir später durch. Nach dem Umzug in die Robert-Koch-Straße stellten wir die Integra bei mir auf, der Onkyo A-8850 war im Charakter etwas neutraler, der kleinere A-8840 mehr HiFi. Von Michael übernahm ich noch ein zweites Kassettendeck aus der Serie, kaufte später einen Philips DCC-630 als Digitalrekorder und stellte einen passenden Onkyo-Plattenspieler obendrauf. Dieser Stapel lag auf einem Holzschrank für Fernseher – ein Wunder, dass der das aushielt. Hin und wieder bekam ich irgendeinen Baustein wie ein 5fach-Wechsler von Sony oder von Carsten ein altes Onkyo-Deck. Auch Fernseher und Videorekorder schwappten gelegentlich von ihm rüber.

Schon vorher lernte ich in Marburg unzählige Komponenten kennen, weil jeder irgendwie ein anderes HiFi-System hatte. Die mit Abstand lustigste Begebenheit allerdings begab sich im Musikraum irgendwann 1990 in der siebten Klasse. Unser Lehrer Ulrich Meyer-Uhma war vollblind und die Schule besaß einen CD-Player von Sony. Michael in meiner Klasse besaß das gleiche Gerät und wunderte sich über die nicht vorhandene Fernbedienung. Die Beiden diskutierten darüber, ob das Gerät überhaupt fernbedienbar sei und Herr Meyer-Uhma war der Ansicht, dass dies nicht ginge. Die Kritik an der Behauptung war durchaus berechtigt, denn manche Systeme ließen sich nur über ein Datenkabel fernbedienen. Michael hatte zu dem schmalen Player die passende Kompaktanlage – CD-Player waren meist ein Zubehör und die Fernbedienungen dafür optionales Extra. Manche Hersteller packten die CD-Player-Steuerung gerne auf die Systemfernbedienung mit drauf und ermutigten den Kunden somit zum Nachkauf. Bei Onkyo unterschied sich beispielsweise das RI-Steuersignal mit den Signalen der eigentlichen CD-Player-Fernbedienung. Wenn man den Player mit der Fernbedienung eines Verstärkers steuern wollte, benötigte man somit ein Remote-Kabel. Michael hatte die naheliegende Idee und brachte die Fernbedienung mit. Der Teppichboden des Musikraums sorgte für nahezu unhörbare Schritte seinerseits. Als Herr Meyer-Uhma die Wiedergabe abfuhr, hielt Michael sie an, spulte ein Stückchen oder startete sie unversehens. Der Lehrer dachte an einen Effekt und drehte die Lautstärke herunter, so dass weitere Steuerungsversuche akustisch folgenlos blieben. Irritiert davon wollte sich Michael über den Zustand des Geräts informieren und schlich heimlich zur Anlage, während sich der Lehrer einige Meter im Raum entfernt befand. Sein Gehör war allerdings so empfindlich, dass er die Schritte trotz seines Vortrags hörte und sprang in einem Satz auf Michael zu und packte ihn zielsicher. Der hat sich erschrocken und nach einer Erklärung, was eigentlich passiert war, nahmen es alle mit Humor – Wette gewonnen.

Tante Otti gab mir nach dem Abitur etwas Geld und so rüsteten wir auf eine Heimkinoanlage um. Nahezu alles flog raus, meist kamen die übrigen Komponenten nach Hannover zu meinen Eltern. Ich kaufte mir drei Endstufen, eine NAD 216 für vorne und zwei NAD 214 für Center und hinten. Als Lautsprecher wählte ich die komplette Audience-Serie von Dynaudio, die 9 vorne, die 5 hinten und für vorne den passenden Center. Die Audience 9 waren deutlich größer als die Quadral und hatten aufgrund des Volumens einen wahnsinnigen Tiefgang. Die Endstufen hatten mehr als genug Leistung und mein Sicherungsautomat quittierte dies häufig. schaltete man die Anlage ein, flog sie meist raus, „die Leistung kann mehrere hundert Watt betragen“ hieß es in der Anleitung. Vorverstärker, Tuner und sogar einen Timer hatte ich von Marantz, dazu noch einen DTC-60ES DAT-Recorder von Sony und ein Akai GX-75 Kassettenlaufwerk kam auch von irgendwem, das nutzte ich primär für Musikaufnahmen. IN der Zeit hatte ich so viele verschiedene Komponenten, die kriege ich nicht mehr zusammen, nur so viel: CD-Laufwerk von Mission, NAD Vorstufe, Audio Alchemy Digitalwandler, externer Kopfhörerverstärker und von Mani bekam ich später noch eine Bandmaschine von Sony, die ich dann irgendwann wieder verkaufte. Das war ein Brocken von verpackten 31,5 kg, den ich zur Post trug. Ich hatte extra bei der Filiale gefragt, ob ich das Paket versenden kann und bekam das Okay. Als ich dort eintraf, meinte die Mitarbeiterin: „Hier arbeiten auch Frauen, das Paket ist wohl etwas schwer“, das verstehe ich, konnte aber nichts dafür. Bandmaschinen kannte ich aus Hannover, hatte jedoch selbst nie eine und Ende der 1990er gab es Tonbänder noch zu kaufen – für mich reines Experimentierfeld. Fernseher, Camcorder und Video hatte ich bis auf die D-Box meist von Panasonic, wie den NV-HS1000 mit integriertem Schnittcomputer. Mein erste DVD-Player kam von Yamakawa und das war die Zeit von MP3, wie Radio@MP3, Music on Demand (MoD der Telekom). Ich bekam günstig drei Met@box 500 und baute sie etwas aufwendig mit WinAmp zum Mediaplayer um, beschäftigte mich mit CD-Brenner für HiFi-Anlagen und die Archos Jukebox war später auch ein großes Thema. Ich hatte viele Portables meist von Sony, dcc von Panasonic, der kam von Carsten und hatte ein richtig schickes Metallgehäuse, die originale Demokassette habe ich noch. Einiges schrieb ich damals auf, die Artikel wurden inzwischen für merkst.de aufbereitet. Mit als Letztes hatte ich einen TerraTec M3PO MP3-Player, der von mir eine größere Festplatte erhielt, keine Ahnung wo der gelandet ist. Telekommunikation interessierte mich genauso, wir hatten ständig andere Handys, Telefone und -Anlagen, Modems und Faxgeräte. Das begann schon in der Schulzeit, ich weiß nicht wie oft Jens und ich uns bei der Telekom die neuesten Telefonmodelle anschauten. Damals waren wir viel im Z-Netz unterwegs und tauschten uns aus, meine erste Videokonferenz – heute Meeting – hatte ich mit Carsten schon mit Microsoft NetMeeting 1997 abgehalten. Damals mit Camcorder und riesiger Capture-Carte, Webcams funktionierten noch nicht so einfach.

Bleiben wir bei Personal Audio, so hieß die Rubrik im Sony-Katalog. Früher einen WM-DD33 Walkman, der war klasse aber nur, wenn er funktionierte. Ich musste ihn siebenmal austauschen, weil in den ersten Tagen immer was damit war: Wackler am Kopfhöreranschluss oder Lautstärkeregler, hakeliges Laufwerk, klemmende Tasten, sechsmal tauschte ich ihn um und bekam aus Verzweiflung des Händlers mein Geld zurück. Den siebten kaufte ich in unfassbar schickem Nachtblau, der hielt übrigens deutlich länger und war in Ordnung. Für unseren Expert-Händler tat mir das zwar leid, aber ich konnte nichts dafür und das war ja auch belegt. bis heute gehe ich mit meinen Geräten pfleglich um, das wussten die auch. Von Sony kaufte ich zunächst Produkte aus der Oberklasse, die waren etwas teurer und mit der Zeit gingen mir die Einschränkungen auf die Nerven. Die CD-Player waren so flach, dass Spezialakkus reinmussten, Batterien nur über ein externes Fach mit Kabel, Walkman mit leicht verkratzendem Chromgehäuse und sinnfreier Fernbedienung und ebenfalls mit Spezialakkus. Ich stieg dann konsequent auf die zweitgrößten Modelle um, die klangen nicht schlechter, waren nicht so Miniatur getrimmt, dafür mit weniger Einschränkungen. Immerhin nutzte Sony geräteübergreifend gleiche Akkus, das hätte sich ruhig etablieren können. Bei MiniDisc waren mir die teuersten zu teuer und Speicherkartenplayer ebenfalls. Den iPod und iTunes ließ ich links liegen, mich hat schon die Nomad Jukebox von Creative und die Kopiersoftware genervt. Immerhin hatte man damals MP3-Musik einfach auf der Festplatte und die wollte ich doch nur auf einen Player kopieren. Die Offenbarung sah ich 2000 auf der CeBIT am Stand von Archos. Die Jukebox – genau das war es: Festplatten, auf die man einfach Musik ohne DRM kopiert, man kann sie umbauen und erweitern. Meine Archos Jukebox Recorder 20 hatte zum Schluss 100 GB anstelle von 20, deutlich stärkere Akkus, Aufnehmen konnte sie zudem auch und das gar nicht mal schlecht. Ich habe das seinerzeit dokumentiert und das Rockbox-Projekt ließ die Jukebox sogar sprechen. Ich erstellte eine akustische Anleitung und habe die Bedienung ausführlich beschrieben, ein findiger Händler hat dieses Handbuch ohne Rücksprache verteilt – das gab etwas Ärger. Später ging es im Auto weiter, verschiedene Radios mit und ohne MP3, CD-Wechsler und was das Herz begehrt. Dies soll als kompakter Abriss genügen, bleiben wir bei der Anlage, die sollte schließlich auch digital werden. Zunächst ersetzte ich die Verstärker durch den Yamaha DSP-A1, einen THX-zertifizierten Vollverstärker mit Dolby Digital, dts und Digitaleingängen. Die Kanalauftrennung war deutlich besser und DVDs gaben die Einzelspuren ebenfalls aus. Dazu die passenden Komponenten wie Tuner, CD, MD und das KX-630 Kassettendeck. Das war aus der Vorgängerserie und konnte deutlich mehr, einen Nachfolger gab es nicht. Um es zu kriegen telefonierte ich durch ganz Deutschland, und schrieb E-Mails an Händler, denn die Produktsuche wie heute gab es damals nicht. Dann meldete sich tatsächlich eine Filiale von Brinkmann, ich meine aus Kiel und wir machten den Deal. Kurz darauf war Brinkmann insolvent, überhaupt dezimierten sich viele Händler über die Jahre. Das KX-630 (drei Motoren, Hinterbandkontrolle, Dolby S, MPX-Filter, Einmesscomputer) besitze ich inklusive Fernbedienung heute noch, zudem ein Panasonic NV-HS-850 Videorekorder. Das erwies sich oft genug als klug und während ich so manchem hinterher trauere, war ich in diesen beiden Punkten wenigstens vernünftig.

Als wir in die größere Wohnung einzogen, reichte es mir mit dem Heimkino. Der Fernseher sollte in die Ecke, der musste ansonsten mittig platziert werden und Filme guckten wir ohnehin kaum. Der Audience Center von Dynaudio lag zuvor oben auf, zuletzt ein Panasonic mit passendem Unterschrank, 29 Zoll (82 cm), die Box überragte bestimmt um je acht Zentimeter seitlich den Fernseher und Silikonfüße entkoppelten ihn. Heutige Soundbars können mehr und sind meist deutlich kompakter. Überhaupt war die Audience-Serie schlicht und die Hauptlautsprecher genau genommen schwarze, große Kisten. Optisch könnte man IKEA-Style dazu schreiben, klanglich waren sie jedoch über jeden Zweifel erhaben. Zunächst gab es einen ordentlichen Plattenspieler, Denon DP-900 mit Goldrin-System. Der steht heute noch in Siekholz, hat ein massives Holzgehäuse, Direktantrieb und ist sehr laufruhig. Als Nächstes zogen die B&W Nautilus 803 ein und die Dynaudios zogen mit den Yamaha-Komponenten aus. Reduziert wurde auf eine Rotel Vor- und Endstufenkombination RC-03 und RB-03, den Tuner TU-02 und HDCD-Player RCD-02. Später wurde klar, dass Vollverstärker keine Nachteile bringen würden, aber aus der Rotel-Serie war er kompakte RA-02 leistungsschwächer, zumal er nicht größer als die Vorstufe war – die vier Kondensatordosen aus der RB-03 hätten da nie reingepasst. Ein Rack von Rotel mit Glasböden kam hinzu und so war das Ganze plötzlich total minimalistisch und der Denon-Dreher passte kaum aufs Rack. Putzen war etwas anstrengend und man musste das Rack beizeiten ausräumen, denn unter den Geräten war es oft staubig. die Nautilus 803 mit Nussbaumlackierung in geschwungener Form waren optisch ansprechend, klanglich aber was völlig anderes. Eher organisch mit weniger Tiefgang (ab 42 Hz bei -2 dB) und deutlichem Fokus auf den Präsenzbereich mit starker Tendenz zur Wärme. Die Nautilus 803 wurde im c’t-Hörtest 2002 eingesetzt, hier sollte sich MP3 mit 128 kBit/s gegenüber der CD behaupten. Das Besondere der Serie ist das entkoppelte Treiberkonzept. Der rückwärtige Schall wird im Gehäuse nicht verwirbelt und nach hinten abgeleitet. Den Hochtöner aus Aluminium hatte man in ein separates Gehäuse verbaut und wegen des Zeitlaufversatzes etwas zurückversetzt, manche hielten ihn für ein Mikrofon. der gelbe Kevlar-Mitteltöner war an der Rückwand frei aufgehängt und die Tieftontreiber mit frontseitiger Bassreflexöffnung saßen in der typischen Schneckenkonstruktion. Ich pimpte sie etwas und tauschte den Kunststoff-Plug innerhalb der Mitteltöner durch die Aluminiumversion der größeren 802, die sich einfach raus- und reinschrauben ließen. Dadurch waren die Mitten etwas entspannter, er vibrierte auch weniger. Wie schon am Weinberg setzte ich auf die Transrotor Jumbo-Pucks, das sind Gummidämpfer, welche die Gehäuse vom Boden entkoppeln. Erstens weil Spikes das Laminat verkratzen und zweitens konnte man die Boxen auch mit Spikes daraufstellen. Die Entkopplung vom Boden würde auch mit halbierten Tennisbällen gelingen, die Jumbo-Pucks sind aber hübscher. Mit einem Paarpreis von rund 4.000 Euro waren sie fast doppelt so teuer als die Audience 9 und rückblickend betrachtet vielleicht halb so gut.

Ich hatte sie über 15 Jahre, dann mit der kompletten Anlage verkauft und war nie wirklich zufrieden mit dem Klangbild, das traf nicht nur auf die 803 zu. Was ich später nicht nur von Nubert electronic kennen lernte, gefiel mir nahezu alles besser. Von Bowers & Wilkins hatte ich in Hannover die DM-604 Regalboxen und nicht lange behalten, viel später auch die MM-1 Multimedialautsprecher an einem Nexus 7 Tablet im Wohnzimmer, mehrere Kopfhörer und immer waren es ähnliche Eindrücke. Die Nautilus 803 waren einfach wenn auch musikalische Schönfärber. Nicht bezogen auf die Präzision, Detailtiefe können sie – aber die Abstimmung. Hörte man Saiteninstrumente, weibliche Stimmen, Bläser und vorzugsweise Klassik und Jazz, klingt es gut bis phänomenal. Bei Popmusik und Synthesizern quakte sie eher und bei Live-Aufnahmen drückte der Applaus eher wie aus einem Megaphon. Diese ganze Signatur und Überzeichnung der Mitten passt überhaupt nicht zu meinem Hörempfinden. Die Audience 9 verkaufte ich damals über das Netz nach Ungarn, das Verschicken war dafür etwas schwierig. Mit Jochen Thiel kam ich gut aus, aber er war von dem Schlag Verkäufer, der nicht immer genau wusste, warum er etwas verkauft. Er sicherte mir zu, dass er meine alten Lautsprecher im Zweifel per UPS verschicken würde und als es dazu kam, war er sichtlich genervt. Womöglich hat er die Größe überschätzt, obwohl er sie mir damals verkauft hat. Den Versand sollte er auch nicht übernehmen, lediglich abwickeln. So standen Kolja und ich eines Tages mit den Ungetümen in seinem Laden. als Fachhändler hatte er es nicht wirklich leicht und damals den Begriff „Beratungsdiebstahl“ geprägt. Leute, die im Fachhandel die Beratung suchen, aber online bestellen. Nicht ganz Jammern auf höchstem Niveau, denn obwohl die Hersteller früher noch Wert auf den ausschließlichen Fachhandelsvertrieb legten, gewann der Online-Handel an Stärke und Fachmärkte nahmen zu. Das sind nach meiner Erfahrung eher Lagerfläche mit mehr oder weniger fachkundigen Verkaufsbetreuern. Der Fachhandel lebt von der Beratung, der Fachmarkt von der Vielfältigkeit und dem Verkaufsdruck. Als Joachim Thiel im Jahr 2013 das HiFi-Studio Acoustics schloss, benannte er das Problem des „Beratungsdiebstahls“ gegenüber der Oberhessischen Presse im Interview. Es ging dabei um Kunden, die sich im Fachhandel informieren und im Internet oder Fachmarkt kaufen. So ganz unrecht hat er nicht, ich bekam so eine Dreistigkeit zufällig mit und kenne das in Ansätzen auch von meinem Unternehmen. Ein Kunde rief an, der sich im Fachmarkt einen DVD-Player kaufte und damit nicht zurechtkam. „Dann fragen sie doch mal ihren Händler“, antwortete Jochen und später wurde mir klar, dass er ein guter Verkäufer war, aber ein schlechter Geschäftsmann. In seiner Situation würde ich antworten: „Das ist überhaupt kein Problem, wir können das gerne für sie machen. Sollen wir jemanden schicken oder kommen sie vorbei? Rechnen sie mit Kosten von etwa 100 Euro“, Thema durch. Genauso machte ich es, wenn Kunden mich um Android fragten und ich merkte, es würde etwas länger dauern. Schon angebotene 50 Euro reichten aus und das Problem war plötzlich nicht mehr so wichtig.

Die bittere Erkenntnis

HiFi und High-End insbesondere ist meiner Ansicht nach ein aussterbendes Geschäftsmodell. Die älteren Herren mit ohnehin schwächelndem Gehör und viel Geld leisten sich vieles, was ihnen die Werbung verspricht. In der Werbung darf gelogen und übertrieben werden, das ist normal und erleben wir auch im Amateurfunk. Verkürzte Antennen mit massiven Gewinnen auf allen Bändern, selbst hier gibt es teure Kabel, die alles versprechen, am Ende bleibt davon wenig übrig. Ich habe viel ausprobiert, viele Versprechen geglaubt. Mit steigendem Wissen konnte ich vieles prüfen, versuchte Dinge hörbar zu machen und nachzuvollziehen. Meine Skepsis stieg, aber mein Gehör war immer da. Zu vertrauen war teuer, genau hinzuhören sparte Geld. Bei HiFi geht es längst nicht mehr um guten Klang für großes Geld, sondern um den Traum, sich für Geld den perfekten Klang zu leisten. Nur Wer sein Leben lang nach dem perfekten Klang sucht, zerstört sich mit der Zeit die Freude an der Musik und verlagert diese auf die Technik. Die Technik wird zum Maßstab und die Musik verkommt zum notwendigen Beiwerk. Die Industrie weiß, dass Leute dafür bezahlen werden und die Leute bezahlen, weil sie an die beworbene Perfektion glauben. Sie glauben, aber wissen es nicht und was man nicht weiß, kann man sich einreden. Ein Grundsatz aller Weltreligionen, die ebenfalls nur glauben und das ist okay.

Ich habe kein Problem damit, wenn Leute viel Geld dafür ausgeben, wenn sie es sich leisten können. Schon vor über 30 Jahren habe ich HiFi mit einer Parabel verglichen. Zunächst gibt es einen steilen Anstieg, ein Lautsprecher für 50 Euro klingt einfacher als einer für 500 Euro. Kompromisse sind nötig, um den Preis zu halten. Ein Lautsprecher für 5.000 Euro klingt tendenziell besser, kann aber auch nur teurer sein. Edles Finish, wertige Lackierungen, Verknappung der Stückzahl, nur wird man zu diesem Preis keinen schlechten Lautsprecher bekommen wird. Für 50.000 Euro kann man einen Lautsprecher bauen, der ohne Diamanten oder andere edle Materialien nicht im Ansatz den Wert des Preises erreicht, Die Steigung nimmt also sukzessive ab. Die Preise steigen non-linear, teurer ist nicht gleich besser als das ohnehin schon Gute. Ich kenne keinen Fall, dass jemand emotional von Musik ergriffen würde, nur weil er sie über eine bestimmte Anlage gehört hat. Gleichwohl gibt es Lösungen, die mehr oder weniger ermüden. Die meisten Menschen hören Musik der Musik wegen, das geht auch mit einfachen Mitteln. Macht man sich darüber Gedanken, wie Musik entsteht und welche Wege sie durchläuft, könnte womöglich entzaubert werden. HiFi-Händler kontern gerne mit dem Vergleich des guten Weins aus dem Glas oder Plastikbecher. Damit wären wir schon beim ersten Thema, Alkohol bei Vorführungen. Das macht man gerne, einen guten Whisky, ein Gläschen Sekt bei der Vorführung, dann hört sich alles gleich besser an. Bleiben wir bei diesem Argument, dass Wein aus Gläsern besser schmeckt, ist richtig. das liegt aber nicht am Wein, denn Glas ist neutral und Plastik mitunter Geschmacksträger: „sie trinken ihren Wein doch auch nicht aus einem Plastikbecher“, natürlich, weil das nicht schmeckt. Nur ist nichts anderes da, wird man sich damit arrangieren. So ist es mit Musik, das Lieblingslied bleibt das Lieblingslied, egal wo man es hört, sehen wir von extrem schlechten Abhörmöglichkeiten ab (Smartphone-Lautsprecher, kreischende Ohrhörer oder ein dröhnender Sound).

Dies möchte ich an einigen Beispielen verdeutlichen: Als ich meinen Sennheiser HD 800 Kopfhörer nutzte, den ich aufgrund der zu spitzen Höhen wieder verkaufte, kaufte ich dafür einen Lehmannaudio Linear USB, ein Class-A-Kopfhörerverstärker mit unzureichendem Wandler. Der kostete rund 800 Euro und war technisch super und einwandfrei. Die Werbung meint, dass Kopfhörerverstärker anderer Geräte nicht mithalten, das stimmt zum Teil. Ich verglich und testete, hörte über den Linear und über die Rotel RC-03. Die war genauso laut und hörte man genau hin, lieferte der Linear etwas mehr Schärfe und Details, jedoch nicht linearer als die RC-03. Die Erkenntnis daraus, der Linear USB ist ein super Kopfhörerverstärker gewesen, aber nicht 800 Euro besser als der Kopfhörerausgang in der Vorstufe. Ich stieg auf einen Denon DA-300 D/A-Wandler um, der klang besser als der Linear, der Kopfhörerverstärker war so schwach, dass man mit ihm nichts anfangen konnte. Ein klares Beispiel für über- und unterdimensionierte Elektronik. Kabel sind ein viel zitierter Punkt und ist messbar oder eben nicht. Kurze Verbindungen mit ordentlichen Steckern kosten als High-End im Profibereich so viel, wie ein Standardkabel im HiFi-Segment. Würde man beide vermessen, lägen sie in jedem Fall über dem benötigten Parametern. Überdies verwendet man bei HiFi die Unart von unsymmetrischen Cinch-Buchsen, während man im Profibereich selbst in der Einstiegsklasse ausschließlich symmetrisch verkabelt. Wie oben erwähnt, technisch solide ja, über das Notwendige ist das sinnlos. So habe ich einst für eine unserer WG-Partys billige Lautsprecherkabel gebraucht und aus Geldmangel 0,5 Quadratmillimeter genommen, einmal 10 und einmal 15 Meter. Die Lautsprecher ab in die Küche, die Kabel zu meiner Anlage ins Zimmer. Es war beeindruckend, wie sich der Klangunterschied in Form eines asymmetrischen Stereobilds ausdrückte. Hätte ich 2,5 Quadratmillimeter gewählt, würde man wohl keinen Unterschied zwischen beiden Lautsprechern hören können. Genauso wenn ich nur ein Meter pro Seite genommen hätte. Das ist eine einfache Rechnung des Leitungswiderstands und der Kapazität, für HiFi gilt auch eine DIN-Norm mit größeren Toleranzen als man es bei Professional Audio angeben würde. Mit anderen Worten, ordentliche Kabel und Steckverbinder reichen und mehr ist schick, aber faktisch nutzlos.

Mit der Stromversorgung ist das ähnlich, wir können nichts gegen eine kontinuierliche und sehr minimale Netzschwankung unternehmen. Wollten wir dies, müssen wir die Anlage mit Akkus betreiben. Teuerste Netzteile und Filter könnte man einsetzen, würde aber dem puristischen Gedanken widersprechen. Mein Händler gab mir eine Netzleiste von Phonosophie mit, die sollte ich mal ausprobieren. Ich zitierte meine blinde Freundin Nuray herbei, ebenfalls mit absolutem Gehör und sagte ihr, ich würde was verändern, jedoch nicht, wann ich was verändere und vor Allem nicht was. Mal steckte ich um, mal nicht, mal steckte ich aus und in dieselbe Dose wieder ein. Das Ergebnis war verblüffend, sie hörte einen deutlichen Unterschied zwischen den Netzleisten bei organisch hochwertiger Musik. Ich investierte die rund 250 Euro und vergas das Ganze. Später überprüfte ich die alte Leiste. Die war 20 Jahre alt aus Anfang der 80er, schlecht verarbeitet und führte sogar zu Brummschleifen. Damit war klar, ich hätte jede solide Markenleiste verwenden können, hier wäre alles besser als das Vorhandene gewesen. Später nach unserem Umzug schmunzelte mein Schwiegervater, als er das AHP Klangmodul einbauen sollte. Über eBay fand ich einen Händler, der ein spezielles Industriekabel verkaufte, auch solide und nicht zu teuer, aber klar überdimensioniert. Das Kabel wurde vom Sicherungskasten direkt zu einer Zusatzdose verlegt, an der hängen auch die Funkgeräte und meine Signalqualität klingt zumindest nicht auffälliger. Die Anlage steckten wir später zwischen Spezialleitung und Hausleitung um, hier waren keine Unterschiede hörbar. Die Werbung von AHP, besonders Bläser würden sich aufgrund der Goldkontakte besser anhören und regelrecht erstrahlen. Gold = Trompete, aber sind die nicht aus Messing? Bei den Kabeln setzte ich aus Neugier auf Hero mit WBT von Kimber Kabel, 0,5 Meter = 400 Euro. Der Vergleich mit den Verbindungen von Cordial, Kabelpreis rund 10 Euro, war ähnlich unaufgeregt. Die Kabel ließen sich mit Verlust verkaufen, der Wert ist aber diese Erkenntnis: Man kann mir erzählen, was man will, ich vertraue einzig und ausschließlich nur noch meinem Gehör.

Dabei gibt es so viele Geschichten vom hochreinen Lötzinn, der SD-Karte speziell für Audiozwecke, den 4,4 mm Kopfhörerstecker für den symmetrischen Anschluss, obwohl es keine getrennte Masseführung bei Mobilgeräten geben kann, aber man glaubt es. Schön ist auch, wie Leute die Gesetzmäßigkeiten der Analogtechnik exakt auf die Digitaltechnik übertragen. Früher verabscheute man WiFi und das Internet, manche steckten sogar ihren Router aus, wenn sie Musikhören wollten. Heute heißt es MQA und niemanden stört es, wenn die Musik über das Internet in dutzende kleine Pakete zerlegt und anschließend über WiFi den Player erreicht, der die Daten wieder zusammensetzt. Seltsam ist außerdem, dass die Musik der CD aus den 1980er Jahren schon gut klang. Wo findet sich ein Bericht, der die Evolution vom Grammophon bis zur Schallplatte auf die CD abbildet? Das zeigt, es ist viel Marketing mit im Spiel. Besonders die Kabelindustrie ist ein sehr schönes Beispiel, wie man Bedarfe weckt, ein Bisschen wie Schutzfolien. Und keiner fragt sich das Wesentliche. Geht es bei der Musik um den Klang oder die Musik? Trotzdem möchte ich eine Lanze brechen für Hersteller, die es gut meinen. Die jahrelang entwickeln und um jede Nuance kämpfen um auch den pedantischsten Hörer zu therapieren, für Geld ist eben fast alles machbar. Verwerflich finde ich das nicht, doch was bekommt man heute für fantastische Produkte im unteren Preisbereich, das hätte man sich in den 1980er Jahren nie zu träumen gewagt. Und so ist es wie mit den Computern, was früher das Schnellste vom Schnellen und recht teuer war, wollte kaum noch wer geschenkt. Die Technik wird besser, gerade auch bei HiFi. Abschließend ein Wörtchen zu Schallplatten, auch hier lässt sich sehr viel Geld versenken. Das kann man tun und gerade bei Platten spielt das Erfahren von Musik und die Haptik eine wichtige Rolle. Trotzdem gilt auch hier, kenne die Grenzen des Machbaren. Egal wie gut ein Plattenspieler und Abtastsystem auch ist, diese Grenzen der Schallplatte in Frequenzgang, Dynamik und Eigenrauschen lassen sich nicht aufbrechen. Jedes Digitalsystem im mittleren Preisbereich ist dem teuersten Plattenspieler klanglich überlegen, vergleiche die Fotografie. So ist auch jeder Passivlautsprecher ein Kompromiss, das Signal wird erst verstärkt und anschließend in der Frequenzweiche aufgetrennt. Jeder Aktivlautsprecher mit getrennten Endstufen erhält das unverstärkte und vorverarbeitete Signal, Digitalverstärker sind sogar komplett getrennt, noch dazu stehen die Verstärker in Aktivboxen unter Dauervibration. Somit dürfte es laut Entkopplungstheorie der Komponenten auf der Welt keinen einzigen guten Aktivlautsprecher geben und wir wissen, dem ist nicht so.

Vom Keyboard in die Jetztzeit

Den großen Traum erfüllte ich mir 2004 nach unserem Umzug in die größere Wohnung und ersteigerte mir zunächst ein Yamaha PSR-6300. Der Hintergrund war das PSR-50, das eine Klassenkameradin von ihrem Bruder auslieh und auf die Mobilitätsfreizeit nach Ganderkesee mitgenommen hat. Ich durfte es oft benutzen und im Rahmen des Mobilitätsunterrichts fand ich im benachbarten Delmenhorst ein Musikgeschäft. Hier konnte ich mir die größeren Modelle anschauen und eben das damalige Flaggschiff. Das größte Instrument der Reihe verfügte zwar genauso über FM-Klangerzeugung und PCM-Drums, war aber durch sein klappbares Panel und das massive Aluminiumgehäuse regelrecht unverwüstlich. Durch eBay kam mir die Idee, es einfach mal zu ersteigern. Natürlich war es damals leicht aus der Zeit gefallen und so behielt ich es nur ein Jahr. Akribisches Ausprobieren, viele Besuche von Musikgeschäften und langes Überlegen führten am Ende zu einem voll ausgestatteten Technics sx-KN7000, dass mit nach Fronhausen umzog und ich bis 2018 einsetzte. Es diente mir für die ersten Podcast-Aufnahmen und Intros auch schon in Marburg. Durch Mikrofon- und Line-Eingang, USB-Audio und SD-Kartenleser war es unglaublich flexibel und diente mir daher als Mischpult. Das Pultgehäuse konnte man zuklappen, was leider Besucher dazu verleitete, ihre Koffer auf das Instrument zu legen. Die Macken blieben glücklicherweise am Schutzcover, ich weiß schon, warum ich Zubehör immer mitkaufe. Einen Trolley gab es auch, einen Kartenleser für den PC und Software, MP3 ging nämlich nur über das Panasonic DRM-System. Eine Unart, die sich zukünftig noch rechen sollte, denn die Software verschwand und lief auf modernen Rechnern schwierig. Panasonic hätte besser daran getan, ein Firmware-Update zur Entfernung dieses Unsinns auszugeben, bevor sie die Keyboard-Produktion einstellten. So aber war die SD-Kartenfunktion nahezu nutzlos, dafür läuft es auch unter Windows 11 und kann PC-Audio über das 60-Watt-Audiosystem ausgeben und mit dem Computer lässt sich das Keyboard inklusive Eingänge aufzeichnen. Das war schon zukunftsweisend und ich habe mir die Entscheidung nicht einfach gemacht. Eigentlich wollte ich es regional kaufen, aber die Beratung im Musikladen war unzureichend. Alternativen waren der Yamaha Tyros und Ketron SD-1, letzterer hatte einige Vorteile, war aber in manchen Punkten etwas eingeschränkt. Am Ende siegte das Technics aufgrund des klappbaren Panels, guten Kontrasts und der Drawbar-Sektion. Ich hatte alle vier Erweiterungskarten eingebaut, selbst einen Synthesizer gab es und ein Fatar MP-117 Basspedal kaufte ich auch dazu. Das Ganze lag bei über 7.000 Euro, die Bestellung kann ich heute noch bei Thomann einsehen und ich bekam sogar einen Anruf, man wollte sich für meine Bestellung bedanken. Mein Musikhändler hat mir außerdem ein Korg Pa80 angeboten, aber Korg war seinerzeit etwas eigenwillig und Touchscreen mit Grautönen wollte ich nicht, somit war meine Entscheidung richtig. Ab 2012 ging alles ganz schnell: Ein gebrauchter Korg MS-20 Legacy Controller, viel Software und als Hardware ein Korg Monotron Duo, microKORG, Monotribe und microSTATIOn, Novation UltraNova, Roland JD-Xi und ein gebrauchtes WERSI OX7 aus Nostalgiegründen und für einen Artikel auf AMAZONA. Diese Arbeit war praktisch, so konnte ich einiges meiner Versuche ein Bisschen refinanzieren und bekam durch das Technics auch wieder mehr Spaß daran.

Irgendwann Mitte 2017 kam ich auf die Idee, mir eine richtig schöne Orgel zu kaufen, idealerweise eine WERSI. Ich fragte eher aus einer Laune heraus in unserer Fronhäuser Facebook-Gruppe, ob hier im Dorf nicht irgendwo gebrauchte Orgeln herumstehen würden, ohne eine konkrete Kaufabsicht zu hegen. Tatsächlich meldeten sich einige Fronhäuser und mein Eindruck bestätigte sich, dass es spätestens nach dem Auftritt von Franz Lambert im Berliner Olympiastadion auch in Hessen einen Heimorgel-Boom gegeben haben musste. In Marburg gab es bis in die 2000er Jahre hinein sogar noch ein WERSI Orgelstudio mit -Schule in der Biegenstraße, das ich allerdings nie betreten habe und mir in meiner Marburger Zeit nie auffiel. Im Ergebnis meines Aufrufs ergab sich ein konkretes Angebot einer WERSI Arcus CD-45, die Frau wohnte unweit von mir entfernt. Der Kontakt muss im Spätsommer 2017 zustande gekommen sein, ein Jahr vor meinem Umstieg auf das Korg Pa1000. Die neueren Modelle kannte ich nicht und so musste ich zunächst recherchieren, denn die späteren Modelle der CD-Line kenne ich nicht. Jede WERSI-Orgel war seinerzeit ein Unikat und nicht nur Zustand sondern auch die Ausstattung entscheiden über den Wert der Orgel. Über einen Preis hatten wir noch nicht gesprochen, ich wollte zunächst näheres über Zustand und Ausbaustufe wissen, dazu konnte sie mir nur grobe Angaben machen. Mehrfach wollte ich mir das Instrument in Funktion anschauen, aber das klappte nicht. Es war zeitweise abgebaut und als mein Cousin für zwei Tage hier war, passte es auch nicht. Der Transport erwies sich als schwierig, sie hatte keine Möglichkeit und hätte ich das Instrument sehen können, wäre mir bestimmt was eingefallen, im Zweifel hätte man es mit mehreren Fuhren transportiert. Irgendwann in 2018 kam sie mit der Preisvorstellung von 850 Euro. Das sind die Momente, wo man abwägen muss, denn weiß man nichts über das Alter, Zustand und Aufbau, kann das am Ende eine böse Überraschung werden. So las ich in diversen Foren, dass wenn die Kondensatoren der oberen Platine ausliefen, alles vorbei sei, weil sich das Elektrolyt dann durch die gesamte Orgel frisst. Bei einem Instrument aus Anfang bis Mitte der 1990er Jahre kann das problematisch sein, ich jedenfalls könnte ohne Löterfahrung nichts daran reparieren. Sie soll es ruhig mal anderweitig anbieten meinte ich, es gab ja auch keine Möglichkeit das Instrument probezuspielen. Als ich nach längerer Zeit nichts von ihr hörte, kam Silvester 2018 ihr Okay, sie könne mir das Instrument bringen, hätte jetzt einen Hänger und wann es mir denn passen würde. So musste ich ihr dann leider etwas vor den Kopf stoßen, denn ich hatte das Korg Pa1000 und das OX7 zwischenzeitlich gekauft und somit auch keinen Platz für die Orgel freimachen können. Wie ich mitbekommen habe, ist sie auf mich wegen dieser Sache bis Heute nicht gut zu sprechen, aber dafür kann ich leider nichts. Immerhin kam der Käufer meines Technics sx-KN7000 auch persönlich vorbei, hat das Instrument probegespielt, ich habe ihm noch einige Tipps gegeben und nach einem schwach vierstelligen Betrag ist er mit dem Technics-Trolley glücklich zu seinem Auto, so funktioniert das eigentlich. Das Roland VA-7 landete später bei meinem Freund Daniel, da steht es wohl immer noch.

Seitdem ich über Musik und Audio schreibe, komme ich nicht nur an tolle Produkte sondern auch auf neue Ideen. Viele meiner Instrumente habe ich über YouTube-Videos oder Testberichte vor dem Kauf besser einschätzen können, aber es dauert doch Monate, bis man den Dreh heraus hat, oder eben nicht. Das habe ich meinen Kunden für Mobile Speak auch gesagt, rechnen sie mit drei Monaten. So ist das hier auch, denn eine Vorstellung ist was anderes als die tatsächliche Handhabung. Der vorherige Blick in Anleitungen kann helfen, bringt aber auch nicht immer Klarheit. Ein aktuelles Beispiel ist der Korg SQ-64 Sequenzer, ein wirklich tolles Gerät – zumindest seit der neuen Firmware, aber mit einem kleinen und teils im Kontrast schwer lesbaren Display. Der Waldorf Streichfett kommt gleich ohne Display aus. Während man mit dem Streichfett sofort arbeiten kann, verbringt man mit dem SQ-64 mehr Zeit mit dem Begreifen als mit dem Musizieren. Genau das nahm mir Ende der 1990er Jahre auch die Lust. Ich habe in einigen Podcasts diese Instrumente vorgestellt, sofern sie bedienbar sind oder zumindest ansatzweise erklärt, wie man sie bedienen könnte. Bei vielen wären barrierefreie Anleitungen möglich, aber wer würde mir diesen Aufwand bezahlen? Der aktuelle Trend geht wieder in Richtung Hardware, der Modular-Boom in den 2010er Jahren machte den Anfang. Heute gibt es viele interessante und teils exotische Instrumente, da verliert man leicht den Überblick. Nach dem Ausbau der Sammlung meiner Roland Boutiques möchte ich langsam dahin kommen, die Instrumente zu verstehen und sie mehr nutzen, aber ein Waldorf Protein reizt mich auch. Jedenfalls bin ich weg von Orgel und Keyboard, obwohl man sich damit die Zeit schön vertreiben kann. Wie früher in Schieder, alle vor dem Fernseher und ich mit Kopfhörer an der Orgel. Nebenbei das Fernsehen als Hintergrundunterhaltung, das fand ich schön. Heute sitze ich durchaus mit einem Instrument auf dem Sofa und versuche es zu verstehen, aber das dauert. Ich verdiene damit kein Geld und somit bleibt die Musik ein für mich entspanntes Hobby.

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