Fusion der Giganten: Freedom Scientific und Optelec werden eins

Letzte Aktualisierung am 16. Januar 2018

Diese Meldung geisterte vor einigen Wochen schon in einschlägigen Mailinglisten herum und erreichte mich auch als Händlerinformation aus Schwalmstadt. In der Nachricht heißt es, dass die beiden Branchengrößen Freedom Scientific und Optelec nun fusioniert seien und fast schon lobpreisend beschwört man die uneingeschränkten Vorteile und Überraschungen, die da noch kommen mögen. Allerdings verschweigt man, dass beide Unternehmen von einem Investor aus den Staaten übernommen wurden, der VFO Group. Beide waren auf dem Weltmarkt die größten Konkurrenten und zählen auch zu den weltweit bekanntesten. Beide verkaufen ähnliche Produkte, haben jedoch auch ihre unternehmerischen Schwerpunkte. In diesem Artikel erfahrt Ihr meine Einschätzungen dazu und warum sich der Blick zurück oft lohnt.

Der Hilfsmittelmarkt ist relativ klein und überschaubar, auch wenn er durch die weltweite Vernetzung und Globalisierungsgedanken zumindest international an Fahrt gewonnen hat. Viele Produkte und Hersteller haben sich über Jahrzehnte etabliert und bieten Software für die Zugänglichkeit an, sowie Hardware, wie Braillezeilen, Punktschriftdrucker, Bildschirmlesergeräte, Vorlesegeräte und elektronische Lupen, DAISY-Abspielgeräte, Notizgeräte und noch einiges mehr. Daneben gesellen sich viele Hersteller aus Fernost, die mit günstigen Produkten den Markt aufgemischt haben. Diesen muss man übrigens unterteilen in Produkte für blinde und sehbehinderte Menschen. Letztere sind für deutlich mehr Menschen interessant und für manche Unternehmen ein wichtiges Standbein, so auch für Optelec. Wie erwähnt lohnt sich oft der Blick zurück und erlaubt eine bessere Einschätzung der Zukunft. Daher erinnere ich mich an so manche Übernahmen und erkenne heute die Ergebnisse. Um aber den Markt besser zu verstehen, möchte ich zunächst einen groben Überblick geben.

In den 70er Jahren fing eigentlich alles an. Bernd Reinecker präsentierte das nach eigenen Angaben erste Bildschirmlesegerät der Welt und sieht sich als Erfinder. Dies wird jedoch von einigen der Branche angezweifelt, weshalb auch Frans Tieman (heute Optelec) als solchder gesehen wird. Fakt ist, dass dieser sein Unternehmen im Jahre 1989 in Deutschland gründete, da hatte Bernd Reinecker seine Produkte längst am Markt. In den Niederlanden allerdings vertrieb er bereits schon 1975 Bildschirmlesegeräte. Kurze Zeit später brachte F. H. Papenmeier mit dem Braillex C den ersten Blindencomputer auf den Markt, ein Exemplar befindet sich heute im Deutschen Museum in München. Das Braillex war ein Schreibautomat mit Programmierfunktionen, dessen Ein- und Ausgabe in Blindenschrift erfolgte. Durch den Einsatz eines Kassettenlaufwerks war es zugleich Diktiergerät und sicher eines der ersten multimedialen Computer überhaupt. In den 80er Jahren dominierten diese proprietären Lösungen, so gab es auch tragbare Geräte und an einen Standard war nicht zu denken. In der Homecomputer-Zeit war das nicht verwunderlich, denn generell teilten sich viele unterschiedliche Systeme den Markt. Dass sich der IBM-PC schlussendlich durchgesetzt hat, den wir auch heute noch – wenn auch in überarbeiteter Form – verwenden, sorgte für einen Umbruch. Die Hilfsmittelhersteller konzentrierten sich fortan auf Sprach- und Brailleausgaben und entwickelten Bildschirmleser zur Adaption der Bildschirminformationen. Anfangs wurden Braillezeilen als reine Hardware angebunden und konnten so die Grafikkarte direkt auslesen, seit grafischen Benutzeroberflächen erfolgt dies Mittels Screenreader-Software.

Während Anfang der 90er Jahre die Hilfsmittelausstellung in Marburg noch in den Büroräumen der Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte der Deutschen Blindenstudienanstalt abgehalten wurde und maximal sieben Büroräume genügten, ist heute eine Etage des Konferenzzentrums im Sheraton Airport-Hotel in Frankfurt fast zu klein. Während man früher die bekanntesten Hersteller aus Deutschland an einer Hand abzählen konnte, wurde die internationale Bedeutung immer größer und die Sight City als eine der weltweit bedeutendsten Fachmessen gefeiert. Dabei haben die deutschen produzierenden Firmen ihr Zentrum verlassen und unterliegen inzwischen der Globalisierung. Denn Während die Branche lange Zeit stabil wirkte und im Fokus neben den Sehbehindertenprodukten die Anpassung von Windows stand, änderte sich der Markt ab dem 21. Jahrhundert. viele fernöstliche Unternehmen brachten in den letzten fünf bis zehn Jahren ihre Produkte teils auch unter Eigenregie nach Deutschland und es hat bis heute den Anschein, dass der Markt wächst. Tatsächlich aber scheint er zu kollabieren, denn anders kann ich mir die Fusionen und den Stellenabbau bei manchen Produktionsunternehmen in Deutschland nicht erklären. So hat mich auch die Fusion von Optelec und Freedom Scientific nicht ganz überrascht. Denn was tun die Unternehmen eigentlich?

Optelec ist ein Fantasiewort und setzt sich aus dem Wort Opto-Elektronik zusammen und bezeichnet die Produkte der Tieman Group. Um weltweiter erfolgreich zu sein, suchte man nach einem international klingenden Namen, der auch in Fernost verstanden wird. Unter Optelec werden Bildschirmlesegeräte, Blindenvorlesegeräte und elektronische Lupen vertrieben. Auch Braillezeilen aus eigener Herstellung gab es, deren Erfolg durchwachsen war. Nachdem sich der Braillezeilenhersteller ALVA mit dem MPO (Mobile Phone Organizer, ein Handy mit Braillezeile) übernahm, wurde er von Tieman gerettet. Viele Optelec-Braillezeilen werden deshalb auch unter der Marke ALVA geführt. Die Blindenvorlesegeräte wurden anfangs in Schwalmstadt entwickelt und waren, wie die meisten dieser Art, modifizierte Computer. Aktuell ist man davon abgekommen und hat ein sehr kompaktes Kameralesesystem im Angebot. Produkte, die Optelec nicht herstellt, werden zugekauft. Dazu zählen Screenreader-Programme von Dolphin Oceanic Ltd. (Supernova) und GW-Micro (Window-Eyes), DAISY-Spieler, Navigationsgeräte und sprechende Handys.

Das Produktangebot von Freedom Scientific erstreckt sich vom Screenreader JAWS über die Bildschirmvergrößerungs-Software MAGIC, dem Vorleseprogramm OpenBook und den Focus-Braillezeilen aus eigener Fertigung. Mit Eye-Pal gibt es auch ein geschlossenes Vorlesegerät. Software und Hardware wurden nicht vollständig selbst entwickelt, sondern es wurden andere Firmen übernommen (Henter-Joyce), Während bis zur Jahrtausendwende ausschließlich Software produziert wurde, konnte man durch die Aneignung des mäßig erfolgreichen Herstellers von Braillenotizgeräten und Punktschriftdruckern Blazie das Angebot um Hardware ergänzen. Die Focus-Produktlinie umfasst besonders günstige Braillezeilen, das PAC Mate ist ein auf Windows Mobile basierter Organizer. JAWS for Pocket PC kam hier als Screenreader zum Einsatz, das in der Bedienung an die Desktop-Version anknüpft. Auch ist JAWS ein Schwerpunkt und bei blinden Menschen heute noch sehr beliebt, aber auch umstritten. Hohe Lizenzkosten, aufwendige Aktivierungsprozesse und die immer besser werdende Open Source-Lösung NVDA machen Freedom Scientific das Leben etwas schwerer. Auch dass in der Produktlinie von Apple Screenreader fest integriert sind und auch Windows inzwischen eingeschränkt ohne weitere Software sprechen kann, sorgt für sinkende Marktanteile. Während Optelec seine Produkte im Direktvertrieb und über ein weites Händlernetz anbietet, unterhält Freedom Scientific ein streng durchorganisiertes Netz an Vertriebspartnern. Die Modalitäten sind aber etwas unbequem, so dürfen laut Vertrag diese JAWS nicht an fremde Händler verkaufen. Später hat man nur noch Treiber von Braillezeilen in JAWS eingebaut, deren Hersteller eine Art Zertifizierungsgebühr an Freedom Scientific entrichtet haben. Für den Vertrieb der Bildschirmlesegeräte suchte man sich ebenfalls Partner, in Deutschland findet man sie unter der Marke Schweizer Optik. Beide Unternehmen bieten zwar ein Vollsortiment an, haben aber komplett andere Vertriebsstrukturen.

Optelec spricht vollmundig von der Fusion zum weltgrößten Hilfsmittelanbieter, das ist in der Praxis sicherlich richtig. Aber dass nun alles besser werden soll, kann ich mir kaum vorstellen. So wäre das Szenario denkbar, dass Optelec nun die Verträge mit Dolphin Oceanic Ltd. und GW-Micro aufhebt und stattdessen JAWS anbietet, was ihnen früher verwehrt blieb. Umgekehrt könnte dann auch den Vertriebspartnern von Freedom Scientific gestattet werden, jetzt auch Optelec-Produkte und Dolphin Supernova zu verkaufen. Und wer wird nun Generalvertretung: Bleibt diese in Schwalmstadt bei Optelec oder wird diese nun von IPD Infosysteme in Hannover als Vertretung von Freedom Scientific geführt? Oder baut man gar ein ganz neues Koordinationsnetz auf und entmachtet die ehemaligen Geschäftsführer? Das alles wird sich künftig entscheiden. Ginge es nun nach dem Prinzip von Freedom Scientific, würde sich das möglicherweise nachhaltig auf das Vertriebspartnernetz von Optelec auswirken. So gibt es derzeit keine Mindestabnahme oder Verträge auf Exklusivität, was ich als sehr sympathisch empfinde. Die Zeit wird das sicherlich zeigen und ich gehe davon aus, dass sich so mancher Mitarbeiter der beiden Firmen umgucken wird.

Das ist übrigens nicht die erste Fusion dieser Art. So wurde Frank Audiodata vor Jahren von der BAUM Retec AG übernommen. Dies lag aber daran, dass Herr Frank sich aus dem Geschäft zurückziehen wollte und somit sein Unternehmen verkauft hat. Damals versprach man ähnlich großartige Bündelungen der Kapazitäten, was hinter hervorgehaltener Hand nicht klappte. Beide Unternehmen waren zuvor Konkurrenten, beide hatten eigene Braillezeilen und sogar eigene Screenreader im Angebot. Das Ende vom Lied war, dass die Produkte von Audiodata schleichend vom Markt verschwunden sind und heute nur noch die Produkte von BAUM bestehen. Später wurden Mitarbeiter entlassen und die Produktion und sogar die Entwicklung ins Ausland verlagert, auch der Standort wurde verkleinert. Daher wird so eine Fusion nie ohne Konsequenzen ablaufen können, auch wenn die aktuellsten Informationen von Optelec besagen, es würde sich zunächst nichts ändern. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

5 Comments

  1. Chris said:

    “Ich bin gespannt, was da noch kommen wird”. So endet der Beitrag. Nun, inzwischen rund zwei Jahre später weiß man mehr:
    – Window Eyes ist nach der Übernahme von GW Micro durch VFO eingestellt, es bleibt JAWS. Nur konsequent aus betriebswirtschaftlicher Sicht aber für uns Anwender eben doch eine Konzentration und Wegfall eines Konkurrenten.
    – Von den Focus Braillezeilen von Freedom Scientific gibt es seit kurzem eine modernisierte 5. Generation. Man darf denke ich sehr gespannt sein, ob auch die ALVA-Modelle von Optelec mal eine Neuauflage oder Ergänzung erfahren. Nachdem man ja auch beim Screenreader JAWS / Window Eyes konsequent gehandelt hat wäre ich doch recht überrascht, wenn man sich zwei Serien im Hause VFO auf Dauer leistet. Konsequent wär es da sicher, die Focus einfach als eine Art ALVA Blue zu verkaufen. Hübscher neuer Karton rum, Optelec-Aufkleber drauf – fertig. Na ja, aber ich bin auch kein Insider und vielleicht hat Optelec mittelfristig doch noch was neues im Braillebereich in der Pipeline, vorausgesetzt sie haben da noch Leute in den Niederlanden die so was entwickeln können.
    – Vorhin auf blindbargains.com gelesen: VFO geht weiter auf Einkaufstour, jetzt haben sie auch noch Enhanced Vision gekauft. Damit hat der Konzern nun drei Hersteller für Bildschirmlesegeräte unter seiner Kontrolle. Es monopolisiert sich weiter, zumindest international gesehen.
    – Und zu allem Überfluss ist ein deutscher Hersteller, der als Zulieferer von Braillezeilen für Humanware und APH doch zumindest auch ein bisschen international mitgespielt hat, Ende 2017 nun vollends insolvent gegangen. Kann man auch hier auf dieser Seite in einem Beitrag nachlesen. Vielleicht war das sogar noch der am internationalsten aufgestellteste deutsche Hersteller (mit e eigener Niederlassung auch in den USA). Man kann von der Firma halten was man will … aber auch dadurch konzentriert sich der Markt und monopolisiert sich weiter, mittelfristig sicher nicht zu unseren gunsten.
    Bei Bildschirmlesegeräten werden wir wegen der größer werdenden Gruppe der immer älteren Menschen sicher auch langfristig eine akzeptable Auswahl verschiedener Produkte haben, ob das auch für den Braillebereich gilt (wo ja angeblich auch selbst junge blinde eher schlecht als recht Braille nutzen) wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich sieht es auf der Sightcity auch in 10 Jahren noch nach einem großen großartigen Angebot aus … nur schade, dass es dann wie auch teils schon jetzt vor allem Reseller sind und kaum welche, die was selbst entwickeln.

    26. Januar 2018
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    • Stephan said:

      Danke für Deine sehr umfassende Ergänzung. Ich habe an vielen Stellen vorausgesagt, dass der Markt in spätestens 10 bis 15 Jahren kollabiert sein wird. Screenreader sind in gewissen Bereichen aktuell nicht wegzudenken, aber die Erde dreht sich weiter und was bei Smartphones vor einiger Zeit eingetreten ist, wird sich im PC-Bereich fortsetzen. Gartner hat schon vor Längerem die rückläufigen Verkaufszahlen veröffentlicht, vieles verlagert sich auf smarte Geräte. Außer im Unternehmensumfeld und der Wissenschaft und immer dort, wo spezielle Aufgaben erfüllt werden müssen. Selbst Lesegeräte könnten aufgrund von wesentlich günstigeren Dokumentenkameras obsolet werden, die ebenfalls starke Vergrößerungen und PC-Anbindung bieten. Diese kosten allerdings maximal 600 Euro und sind wesentlich flexibler einsetzbar. Praktisch habe ich damit noch keine Erfahrung, es wäre durchaus aber spannend, einer gewöhnlichen Dokumentenkamera zum Test als Bildschirmlesegerät einzusetzen. Der Markt derer, die zwingend Spezialhilfsmittel benötigen, wird drastisch kleiner.

      Braillezeilen und Brailledrucker fallen mir jetzt als die einzigen Beispiele noch ein, die nicht mit alltäglichen Methoden ersetzt werden können. Selbst ein DAISY-Spieler macht aufgrund der zugänglichen Apps nicht mal mehr Sinn. Was künftige Brailleprodukte von VFO angeht, wird man die Marken sicher noch lange koexistieren lassen, Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft. Dass man aber die Modellpalette so drastisch strafft, hängt wohl auch mit einer im Vergleich noch vor 15 Jahren deutlich zurückgegangenen Nachfrage ein. Schaut man sich die altertümlichen Kandidaten manch deutscher Hersteller an, müsste bei genügend Absatz jährlich was kommen, wie es vor 20 Jahren der Fall war. Aber man hält an altbackenden Designs fest, allenfalls gibt es produktpflege und neue Bedienkonzepte sind auch uninteressant, da die hohen Kosten für Patente und Gebrauchsmusterschutz nicht die wirtschaftliche Rückgewinnung durch das Alleinstellungsmerkmal rechtfertigen konnten.

      Ich kenne jetzt keine aktuellen Zahlen, würde aber vermuten, dass Handy-Tech in den USA deutlich mehr umgesetzt hat. Baum hatte aber durch das Importgeschäft gute Beziehungen dahin, Die Brailliant von HumanWare ist ja im Kern eine Vario, lässt sich im Übrigen auch direkt im Apple Store ordern. Bei deutschen Herstellern darf man allerdings auch die METEC AG nicht vergessen, die wohl den größten Export in der Branche verzeichnet und in Schwellenländern auch eigene Braillezeilen anbietet. BBetrachtet man die Preise von HIMS und Seika und den Markt von Freedom Scientific und Optelec, können die deutschen Hersteller da nicht mithalten. Eigentlich kein schönes Beispiel, dass die Pionierarbeit hierzulande nur deshalb endet, weil sich viele auf ihren altbackenen Lorbeeren ausgeruht haben. Mal sehen, wann es Help Tech trifft, gut geht es denen auch längst nicht mehr.

      26. Januar 2018
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      • Chris said:

        Hallo,

        ja, Dokumentenkameras könnten sicher eine Alternative zu herkömmlichen Lesegeräten sein. In Zoomtext ist ja sogar eine Funktion integriert, um das Bild herkömmlicher Webcams lesegerätetypisch farblich konvertieren und vergrößern zu können. Zoomtext ist allerdings natürlich auch schon wieder ein zwar berechtigtes, aber spezielles und teures Hilfsmittel. Dennoch, wer das eh schon hat kann mit recht geringem Kosteneinsatz (Webcam plus ein passendes Stativ) sich recht einfach ein Lesegerät basteln und ausprobieren.

        Ich denke aber, dass es trotz Dokumentenkameras, Smartphone-Apps usw. immer noch genügend ältere Leute geben wird, die lieber ein Stand-alone-Lesegerät wie wir sie klassisch heute nutzen haben wollen. Ich muss da außerdem auch an mich denken. Ich habe nur noch einen sehr kleinen Sehrest und nutze Lesegeräte nur gelegentlich um z. B. was zu unterschreiben. Und obwohl ich halbwegs technik-afin bin habe ich mir vor ein paar Jahren als mein altes Gerät kaputt war lieber ein gebrauchtes Magnilink Zip zugelegt als irgendwie mit Dokumentenkamera zu experimentieren oder ein Kamerasystem wie es von Hilfsmittelfirmen angeboten wird zu kaufen. Ich möchte einfach einschalten und los geht’s, ohne rumgefummel mit verschiedenen Videokabeln, Adaptern und Videokanälen oder verzögerter Bildwiedergabe bei Anschluss über USB. Ich schätze zudem auch noch einen schönen leichtgängigen klassischen Kreuztisch. Nachdem das alte Magnilink Zip auch noch eine verhältnismäßig geringe Stellfläche hat und das Bild dank altmodischer Röhrenbeleuchtung mehr Candela hat als das auf heutigen LED-beleuchteten Monitoren war das das richtige für mich.

        Stichwort altbackene Designs und Konzepte bei Braillezeilen: Na gut, was soll man da auch groß verändern. Zweifellos sehen die Braillezeilen nicht so viel anders aus als vor 20 Jahren, nur etwas dünner. Aber das liegt ja auch nicht allein an deutschen Herstellern. OK, HIMS und Humanware machen jetzt ihre Organizer mit Android und letztere Firma bietet eine Tablet-Oberfläche zur Brailleeingabe an, was sicher nicht verkehrt ist. Aber ansonsten – ich nutze selbst privat eine Braille Edge und beruflich ein Braillesense von HIMS, außerdem eine Focus 80 stationär. Ich hatte aber auch schon eine Braillewave, ein Braillex Trio und ein Pronto V2. ich könnt jetzt nicht sagen, dass das Design dieser drei zuerst genannten ausländischen Geräte besser ist als das von den drei deutschen Firmen. Mitstudenten haben mein Braillesense mal augenzwinkernd als Nintendo beschrieben weil es so plastiklastig und bunt aussehen würde. Nein, von daher fand ich Baum vom Design her dann auch wieder nicht so verkehrt. Zwar nicht bahnbrechend aber die Magnesiumgehäuse (leider nur Oberseite) haben sich schon solide angefühlt und – auch keine Selbstverständlichkeit – Metallgehäuse gab es sogar beim Kassenmodell Vario 340. Vielleicht war das überhaupt die erste Braillezeile zu kassenverträglichen Preisen mit solidem Metallgehäuse.

        Wenn sich was bahnbrechendes ändern soll, dann bräuchte man wohl endlich eine dünnere und billigere Alternative zu den Piezo-Biegern. Aber da scheinen sich alle schwer mit zu tun, egal wer.

        Seika Braillezeilen sind vielleicht im Einkauf günstig, werden ja auch anscheinend komplett in China hergestellt, sagte mir zumindest mal die Frau von Nippon Telesoft auf Nachfrage auf der Sightcity. Aber für uns Endkunden sind die hier in Deutschland auch zu teuer. Ich finde schon, dass da Helptech mithalten kann. Das Seika Mini oder auch Gaudiobraille Mini kostet hier bei den Händlern stolze 2.000 bis 2.300 Euro, vermutlich mit 100 Prozent Gewinnzuschlag, unterstelle ich mal. Für etwa 500 Euro mehr bekomme ich aber auch schon ein Actilino von Handytech mit gleicher Zeichenanzahl aber plus Erkennung der Fingerposition und automatischer Weiterschaltung, was gerade bei sehr kurzen Braillezeilen womöglich ein großer Vorteil ist. Dazu eine längere Akkulaufzeit, Bluetooth Audio-Ein- und Ausgabe fürs Iphone, einem selbst von mir wechselbaren Akku, Software zum hin und her konvertieren in Kurzschrift, immer mal wieder aktualisierte Firmware und eine Tasche mit dezent in Besprechungen öffenbarem Magnet-Verschluss. Obendrein bekommt man ein deutsches Produkt und hat bei Problemen und Reparaturen den Hersteller greifbar. Also das die deutschen Firmen nie mit Seika oder HIMS mithalten können kann ich von daher so nicht unterschreiben. Und auch das HIMS Braillesense Mini spielt preislich in genau der gleichen Klasse wie ein Baum Pronto und ist nicht preiswerter. Die neuen Focus-Zeilen sind in den USA wohl auch teurer als die Vorgänger-Generation und damit vermutlich auch in Deutschland jetzt nicht mehr ganz so günstig.

        Stichwort Helptech, im letzten Absatz des Kommentars ja explizit angesprochen. Na ja, haben laut Zeitungsartikel nur 40 Mitarbeiter, Baum hatte mit seinen Tochterfirmen wohl insgesamt etwa 150. Schon allein deshalb wird Helptech vielleicht nicht so hohe Gewinne zur Finanzierung der laufenden Kosten brauchen. Und der Firmensitz dürfte auch der Firma gehören, dort befand sich ja glaub ich schon die Werkstatt des Vor-Vor-gängers Schönherr. Nomadenhaftes Umziehen des Firmensitzes von Industriegebiet zu Industriegebiet wie bei Baum brauchen die schon mal nicht.

        Auch schenken die sich im Vergleich zu Baum die Einstellung irgend welcher BWL-studierter Kundendienstmitarbeiter, die zwar hübsch reden und marketingmäßig gut sind, mir aber bei einer Präsentation nicht mal sagen konnten wie man am Visiobook den Autofocus deaktiviert. Hatte ich allerdings auch schon mal auf einer Messe am Stand bei Optelec – da habe ich zum Test mal die Taste lang gedrückt mit der man die Vorlagenbeleuchtung an den Clearviews abschaltet (hatte ich im Vorfeld zufällig mal in der Anleitung gelesen) und promt dachte der Mitarbeiter, die Beleuchtung sei defekt ;-). Immer schlecht wenn man zu viele sehende Marketing-Leute hat, die die Produkte selber nicht im Alltag brauchen und daher nicht im Detail kennen. Das gefällt mir an Handytech schon mal gleich viel besser das im Vertrieb viele selbst betroffene arbeiten.

        Da wundert es mich eher, das Papenmeier läuft. Braillex Life 20 ist die gewichtsmäßig schwerste, vom Design her seltsamste Braillezeile verbunden mit noch nicht mal im Verhältnis zum Gewicht super langer Laufzeit. Und dann bezahlt man diese „Vorteile“ auch noch mit dem mit großem Abstand höchsten Preis aller 14 bis 20-stelligen Braillezeilen am Markt. Oder wenn ich an mein Trio denke, dass ich mal beruflich hatte – der Lack war schon nach wenigen Jahren unansehnlich abgeplatzt und es sah immer irgendwie schmutzig dadurch aus, die Leiste ging immer schwerer so das man von ergonomischem Arbeiten nicht sprechen konnte, der Zeilenumbruch im internen Editor war so unpraktisch programmiert und die Tasche zum Gerät hatte Aussparungen für Knöpfe und Kabel nicht korrekt an der richtigen Stelle und passt somit nicht richtig gut zum Gerät. Wirklich Wahnsinn und einfach nur enttäuschend. Aber gut, die scheinen einfach gute Verträge mit Krankenkassen zu haben und einige Behörden beliefern sie ja auch exklusiv mit ihren Hilfsmitteln. Das scheint sich vielleicht deshalb zu rechnen, und vielleicht kommen die großen Gewinne ja auch über die Glas-Abteilung.

        Wie auch immer, und zurück zum Ausgangsthema: Ich finde die Konzentration die sich gerade bei VFO zeigt nicht positiv, wir werden beruflich immer noch lange auf JAWS angewiesen sein. Und auch bei den Braillezeilen finde ich die Vielfalt die es noch auf dem Markt gibt toll – mit Notizfunktion oder ohne, mit Brailletastatur oder ohne, mit Normal-Tastatur oder ohne, Navigation eher klassisch, mit Leiste oder automatisch mit Fingererkennung, die unterschiedlichsten Längen – ist doch schon mal was.

        28. Januar 2018
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        • Stephan said:

          Zunächst einmal, ich habe schon so oft über Preise und wie diese zusammen kommen mit Kunden diskutiert, die ihrer eigenen Fakturierung von Marge und Gewinnerzielung glaubten. Meine kurze Antwort: Einfach selber bauen, geht dann logischerweise günstiger und wenn man 10 Stück verkauft, wird’s im Einkauf billiger. Spaß beiseite, den Eindruck habe ich bei Dir nicht, aber trotzdem ist „zu teuer“ eine eher subjektive und in der Tat begründbare Aussage. Ich war ja nun schon selbst mit an der Entwicklung beteiligt, so sind die Gehäuse, egal wie hübsch oder hässlich, das größte Problem und der größte Kostenfaktor. Hier kann eine kleine Vermessung schon für Ausschuss sorgen, zumal die größten Kosten in der Form zumindest beim Siebdruckverfahren bestehen. Weil die Stückzahlen nie wirklich hoch sind, treibt das auch die Stückpreise in die Höhe. Kann aber heute auch inzwischen anders sein, vielleicht kommen die Gehäuse schon aus dem 3D-Drucker. Die Module sind relativ teuer oder günstig, ganz wie man es sieht. Die Piezo-Technik bedeutet aber für die Hersteller wenig Aufwand, hinter dem Hochspannungswandler bekommt man die Baugruppen fertig und kümmert sich neben Gehäuse um die Ansteuerung und Firmware. Wenn man dann noch Produkte einführen will, kommen Zölle und Steuern dazu, das kenne ich aus eigener Erfahrung und das sind abseits von der EU keine unerheblichen Kosten. Wenn ich Brailledrucker importieren will, liegen die Versand- und Zusatzgebühren deutlich im dreistelligen Bereich. Hinzu der Übersetzungsaufwand, auch das habe ich schon gemacht und hat bei einem Handbuch enorm viel Zeit verschlungen. Dann Kosten für das Marketing, einen SichtCity-Stand mit ein paar Quadratmeter für vierstellige Beträge kann ich mir zumindest nicht leisten. Und wenn, müssen auch diese Kosten zurückfließen, inklusive Spesen für Flüge, Unterkunft etc. Aber es gibt eben nicht mehr Blinde, man verkauft die Dinger nicht am Fließband und denkt in fünfstelligen Zahlen, dazu Investitionssicherung, kann ja sein, dass man die unternehmerischen Ziele nicht erreicht und Mitarbeiter weiter bezahlen muss. Papenmeier ist im Übrigen der einzige Hersteller, dessen Existenz nicht von der Reha-Technik abhängig ist. Die Produkte laufen weiter, so lange man noch den Fuß in der Tür bei großen Unternehmen und Behörden hat, die Chancen werden vermutlich durch das Ausscheiden von Baum noch steigen. Die Herstellungskosten sind gering, weil Papenmeier unter anderem auch Produktionsumgebungen herstellt.

          Bezüglich der Preisgestaltung hat günstig und teuer für mich immer eine Relation. Wenn ein Produkt durchdacht und nachhaltig entwickelt wurde, so dass ich nicht wie bei Help Tech immer das Gefühl habe, saß der olle Siggi nach der Tagesschau noch im Hobbykeller und hat die Gehäuse noch schnell zurecht gefeilt, darf man sich die Entwicklungsleistung auch bezahlen lassen. Zumindest finde ich bei denen immer irgendwas, das mir gebastelt vorkommt. Mehr Probleme habe ich mit beständiger Software, die über Jahrzehnte einfach gemessen an der Preissteigerung nicht mehr leisten. Screenreader beispielsweise, ein JAWS wäre mit 499 Euro absolut realistisch angesetzt, ZoomText Magnifier Reader ebenfalls, für ein Paket aus ZoomText, Magic und OpenBook fände ich 999 Euro angemessen. Dann dürfen sie auch jährlich gerne etwas für Updates aufrufen, die ja ohnehin nach einer Zeit nicht unerhebliche Mehrkosten verursachen. Bei Hardware aber, die im Prinzip mit deutlich mehr Aufwand entwickelt wird, der sich auch je nach Produkt unterschiedlich auswirkt, kann ich das für mich noch rechtfertigen. Beispiel das erste RiVO VoiceOver-Keyboard, ein Produkt, von dem ich auch heute noch nicht überzeugt bin. Das erste RiVO Hatte ich im Test und in einem Podcast vorgestellt. Zufällig hatte ich von PEARL eine vom Gehäuse exakt gleiche Tastatur, die mich 15 Euro gekostet hat. Die aufgerufenen 150 Euro empfand ich als viel zu teuer, zumal das Keyboard auch hier noch teurer verkauft wurde. Das RiVO 2 ist zwar noch deutlich teurer, sieht aber auch deutlich erwachsener aus und bietet mit Bluetooth-Audio und Firmware-Updatemöglichkeit einen spannenden Mehrwert. Da kann ich sagen: Okay, da habt ihr die Gewinne von der ersten Serie gut umgesetzt, den Preis ist es durchaus wert. Und auch dieser wird steigen, für mein Muster habe ich auch einiges an Zoll abführen müssen.

          Was die Braillezeilen angeht hatte ich mich aus persönlichem Interesse mit der Active Braille befasst und das aufgegeben, nachdem ich das Handbuch gelesen und das Ding in Augenschein genommen habe. Diese Bastelei aus Horb ist nicht mein Ding, man verjubelt über die letzten Jahrzehnte dieselben Gehäuse mit ähnlicher Firmware. Die Touch-Module hatte ich bei Eurobraille bereits 2013 in der EasyTime ausprobiert. Wer die herstellt weiß ich nicht, Haus- und Hoflieferant bei Papenmeier und Help Tech war zumindest immer die METEC AG. Was mich vor Allem auch störte sind die unzähligen Tastenkombinationen, auch hat man die Notationsfunktion schön vom EasyTime abgeguckt, die überragende Tonqualität entpuppte sich als kaum zu ertragen. Vom Design kann ich denen überhaupt nichts abgewinnen, das ist einfach stehen geblieben. Die Basic Braille unterschreitet sogar wie ich finde das Design unserer Pegasus-DW, kantig und hässlich. Aber Geschmäcker sind natürlich verschieden.
          Papenmeier, der Weg auf Carbonfaser ist ein Rückschritt, die Vorgänger mit abgerundetem Aluminiumkanten sahen dagegen wie eine Ingenieurs-Höchstleistung aus. Stünde eine Entscheidung an, wären sie trotzdem meine erste Wahl, aber nur mit konkaven Modulkappen. Und zwar deshalb, weil ansonsten der Überstand richtig daneben aussieht. Die Treo hatte ich auch in der Hand, umgedreht und mit dem Kopf geschüttelt. Auch bei der kleinen Braillex Live, aber es gibt noch ausreichend Kunden, die seit je her auf Papenmeier abfahren und lieben dieses eher klumpige Design. Die haben auch noch genügend Kaufkraft, dass sie gerne dafür mehr ausgeben, ist ein Bisschen wie bei Apple. Hingegen finde ich die Braillex Live Plus ziemlich gelungen, auch wenn sie keine Intelligenz hat. Das macht in gewissen Bereichen Sinn, wenn man den workflow heute noch auf Spezialgeräten aufbaut. Ich sehe aber schon die fragmentierten Android-Devices mit Braille, die in spätestens ein bis zwei Jahren keine Updates mehr bekommen, daher kommt in solch einer Konstellation für mich nur ein Gespann mit Smart-Device und Braillezeile in Frage. So schnell wie sich der Markt verändert, können auch die Koreaner nicht mithalten, HIMS hat ja nun schon einige Produkte abgekündigt, für die es nicht mal mehr Akkus gibt, von daher für mich auch kein relevanter Hersteller. Da lag auch meine Hoffnung in der Active Braille, der ich ja im Innenfach ein Smartphone anvertraut hätte. In Marburg habe ich das Ding zerlegt, ein lieblos eingeklebtes Bluetooth-Modul hing da am Kabel, konkrete Fragen wusste man nicht zu beantworten – komm hör auf, dachte ich dann, behaltet das Teil. Die lieblos magnetische Tastatur an der Tasche hält nicht richtig, fällt ständig irgendwie hinten ab, wenn man etwas Druck ausübt. Auch haben die seit je her das Problem, dass die es nie hinkriegen, die Taschen auch passgenau zu fertigen und das Nylongewege ist viel zu steif. Irgendwas stimmt da immer nicht, entweder einen Millimeter zu schmal und dafür zwei zu tief, sah immer irgendwie ausgebeult aus und hat mir nie gefallen. Ich bin da vielleicht auch etwas zu pingelig, da mag ich doch meine BC-640 mit ihrer passgenauen Tasche. Die hat aber andere Probleme, das Soft-Material löst sich nach nunmehr bald 10 Jahren auf.

          Die kleine Seika finde ich hingegen auch recht teuer, zumal ich für das Geld von Eurobraille auch im Design und von den Abmessungen deutlich schönere Zeile bekomme. Die haben zwar auch Probleme, so ist der integrierte Prozessor sehr träge, das merkt man bei extrem langen Texten. Aber die Dinger sind von der Software durchdacht und man hat so viele Tastenkombinationen gar nicht dokumentiert, mit denen man den integrierten Editor richtig gut nutzen kann. Vermutlich basiert der Kern auf Linux oder so, die Teile ist jedenfalls unglaublich komplex. Weshalb ich meine ESYS 12 verkaufte war nur, weil die Selbstentladung im Standby-Betrieb sehr hoch war, nach zwei Wochen war das Ding spätestens leer und das kann ich nicht brauchen. Eurobraille würde ich mir absolut wieder gefallen lassen, allerdings nicht stationär, ich reagiere allergisch auf Akkus, die man eigentlich nicht braucht. Daher wäre auch die BC-680 nichts für mich und auch die Basic Braille nicht (Akku immerhin optional), weshalb die Braillex an dieser Stelle gewinnen würde. So einen Modular-Trümmer von Help Tech würde ich nicht mehr haben wollen, früher war das immer mein absoluter Favorit.

          Was Baum angeht, stimme ich Dir zu. Vom Design hatten die ja zum Schluss von Audiodata profitiert und das zeitlose Alu-Design übernommen. Aluminium ist bei Leibe kein hochwertiger Werkstoff, auch wenn die Industrie dem Konsumenten das immer wieder verkauft, Edel- oder Werkzeugstahl wäre deutlich robuster. Von daher darf ein Gehäuse sehr gerne aus Kunststoff sein, wenn man diesen nicht silbrig lackiert. Karbonfaser ist sehr porös, daher platzen auch gerne die Ecken ab und es gibt Haarrisse. Bei Papenmeier interessiert mich daher auch mal, wie die Teile lackiert sind, weil ständiges UV-Licht auch diesen Prozess maßgeblich beschleunigen kann. Aber zurück zu Baum, ich hatte mal ein Muster einer Kassen-Vario 40 bekommen, schrecklich: Die war neben der ersten Pegasus vom Gehäuse die schlechteste und hässlichste Braillezeile, die ich je gesehen habe. Metallrahmen und irgendwie verschraubte Bodenplatte, leichter Druck ließ sie schon nachgeben. Anders aber die Super-Vario, die finde ich auch sehr edel und macht wirklich was her. Der Pronto 40 mit seiner absolut überalterten Hardware übrigens auch. Neben Papenmeier ist Baum aber auch der einzige unserer hiesigen Hersteller, der sich auch mal über das Design Gedanken gemacht hat. Bei ALVA klappte das ja erst nach dem Untergang mit dem MPO (Mobile Phone Organizer), übrigens ein schönes Beispiel, wie ein Produkt ein weltweit operierenden Konzern kurzfristig in die Schieflage schicken kann. Dann kam die BC-Serie und Optelec schickte auch das über Jahrzehnte bekannte graue Design in Rente. Die aktuelle 640 Comfort ist farblich auch dezent und modern, vor Allem haben die eine geschlossene Abdeckung für die Modulzeile, das hatte Freedom Scientific auch schon. So etwas würde ich beispielsweise auch von einem Unternehmen wie Papenmeier oder Baum mit solchen Designs erwarten, dass man die Aussparungen direkt in das Gehäuse fräst. Hat man aber vermutlich nicht, weil nur eine kleine Abweichung bei den Löchern dazu führen könnte, dass die Stifte hängen bleiben Könnten. Wackel mal bei verschiedenen 80er Zeilen am Modulblock, Du wirst kaum eine finden, wo dieser wirklich fest sitzt. Finde ich auch bei den neuen Papenmeier-Zeilen schön, wie wellig die Leisten eingelassen sind: Geht bei diesem Preis eigentlich gar nicht. Da sind einige Focus-Zeilen und die BC-Reihe eine positive Ausnahme, plan und glatt, wie es eigentlich immer sein sollte.

          Der Länge wegen lasse ich die Lesegeräte mal raus, aber so viel: Die abgestimmten Stand-Alone-Geräte, egal ob Vor- oder Bildschirmlesegerät, sind ergonomisch gesehen immer ein Vorteil. Ich hätte auch den ClearReader+ noch, wenn ich nicht das Speech-Modul gekauft hätte. Das ist eigentlich die perfekte Kombination und ich bin froh, dass es da ist.

          29. Januar 2018
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          • Chris said:

            Hallo,

            ja, das verstehe ich schon, dass die Stückzahlen nicht so hoch sind und viele Dinge mit in den Endpreis eines Hilfsmittels einkalkuliert werden müssen. Wie oft fährt auch ein Firmenvertreter zu Vorführterminen, nimmt sich mit Fahrt und allem drum und dran einen Tag Zeit und bekommt am Ende doch nicht den Auftrag. Auch solche Kosten müssen natürlich umgelegt werden. Und trotzdem, manchmal schaut man schon etwas frustriert in die USA. Da verkaufte Baum seine Varioultra mit 40 Stellen zum Beispiel für gerade einmal 3.995 Dollar plus Steuer. In Deutschland wurde sie für 6.800 Euro inkl. Steuer verkauft. Selbst mit US-Mehrwertsteuer dürften immer noch gut 2.000 Euro Unterschied sein, erst recht beim momentanen Dollarkurs. Gut, auch hier wird man wieder einwenden müssen, dass man in den USA wohl kaum eine kostenlose Vorführung bekommt, dass die Gewährleistungsrechte womöglich nicht so weitgehend sind, dass es keine kostenlose technische Unterstützung gibt wenn man mal eine Frage hat … Und trotzdem, ich finde den Preisunterschied heftig.

            Jedenfalls, ich zahle auch gern, wenn was durchdacht ist und mir wirklich nutzt. Zumindest wenn man Blindengeld in einem Bundesland mit angemessener Blindengeldhöhe bekommt sollte das für keinen ein Problem sein. Ich habe mir davon auch schon mal eine Braillezeile selbst gekauft, meine Lesegeräte sowieso schon immer selbst da die Krankenkassen logischerweise nur entweder Blindenausstattung oder Sehbehindertenausstattung zahlen. Aber ich bin ja froh, dass ich überhaupt beide Welten nutzen kann und zahle von daher gern. Und wenn ich mir mal noch einen Ersatz für meinen arg lädierten und veralteten Pronto aus dem Jahr 2008 anschaffe, dann lege ich wie oben beschrieben gern auch mal 500 Euro drauf und greife gerade nicht zu Seika.

            Mich macht es eigentlich fast ein wenig traurig, dass Helptech irgendwie keinen richtig großen Wurf mit etwas bahnbrechendem mehr landet. Was war das im Jahr 2000 doch für ein tolles Konzept, die Braillewave. Eine Braillezeile mit geschwungenem Design, normalen AA Standardakkus, interne Funktionen fast so ausgefeilt wie in einem damaligen Braillelite und der Preis trotzdem auf dem Niveau einer normalen Zeile ohne Notizfunktion bzw. sogar teils darunter. Das war Spitze und ich habe meine Wave lange und gern genutzt. Auch das Modularsystem wirkte in den 90er Jahren irgendwie cool, diese Verbindung aus wirklich guter Tastatur und Zeile. Es folgte ein paar Jahre später nach der Wave ATC. Seither designtechnisch aber tatsächlich Stillstand bzw. neue Geräte in abgewandelten Gehäusen. Dennoch, ich finde das Actilino, welches letztes Jahr vorgestellt wurde, vom Design abgesehen schon gelungen. Die kurze Vario Ultra wurde ja sehr gehypt aber nur 8 bis 10 Stunden Akkulaufzeit wären mir viel zu kurz. Ich will nicht dauernd Aufladen müssen bzw. wenn ich mal was Aufschreiben will gerade dann einen leeren Akku haben oder um das zu vermeiden immer eine Powerbank dabei haben müssen. Von daher relativierte sich für mich das geringe Gewicht der Varioultra 20 schon sehr. Ich finde am Actilino auch den Preis recht angemessen. Übers Design darf man allerdings nicht reden, das Gerät wurde von meiner Frau als ich ihr nach der Rückkehr von der Sightcity mal ein Prospekt unter die Nase hielt als „sieht halt aus wie ein Gerät aus den 80ern“ bezeichnet.

            Noch schlimmer find ich da trotzdem Braillex Life. Warum es da eine richtige Stufe / harte Kante zwischen Braillezeile und Tastatur bzw. Oberseite gibt, erschließt sich mir nicht. Man hätte da doch zumindest eine sanft abgerundete Kante bauen können oder intern Komponenten so verschieben, das sich eine insgesamt pultförmige Erscheinung ergibt, wenn schon die 18 mm Dicke nicht über das ganze Gerät hinweg gehalten werden können. Oder man hätte gleich auf die werbewirksamen 18 mm verzichtet. Leute mit großen Händen und dicken Fingern wie ich haben sowieso das Problem, dass die Daumen bei der Bedienung der Leiste und zwangsläufig beim Lesen quasi mit über die Tischplatte schleifen müssen was bei dickeren Geräten wie dem Trio noch nicht so war. Da schwebte die Navigationsleiste einfach noch höher über der Tischplatte. Aber diese kantige Stufe mitten auf der Geräteoberseite … Da scheinen sich Papenmeier mit dem Sigi nach der Tagesschau im Keller gemeinsam verabredet zu haben. Doch während Sigi wenigstens noch ein bisschen mit der Feile für abgerundete Flächen gesorgt hat, begnügte sich Friedrich Horst damit, aus einem Holzklotz mal schnell grob was auszusägen und dann lieber noch die Schlussphase des Tatorts anzuschauen anstatt noch irgend was abzurunden. Wahrscheinlich sind dort die Ingenieure aus dem Anlagenbau tätig. Eine Schalttafel für eine Anlage ist in dem Design ja ganz OK, aber so ein Kantending auf dem Schreibtisch … traurig, wenn ich da an die soliden 2 D Screen aus meiner Schulzeit denke. Das fühlte sich so was von solide und wertig an.

            Die Braillex Life mit Normaltastatur ist sicher noch die gelungenste Zeile aus der Life Serie. Da fällt wegen der großen Normaltastatur auch der Hubbel nicht so auf. Die Sondertasten wie Einfügen, Pos 1 und Ende und so weiter befinden sich allerdings an recht ungewöhnlichen Stellen, die Entertaste erstreckt sich nur über eine Tastaturzeile. Die F Tasten gehen glaube ich sogar nur über FN-Tastenkombination. Klar, auf jedem Laptop muss man sich ein bisschen auf die Tastatur einstellen und die Position von Sondertasten lernen. Andererseits verbauen Lenovo oder auch Fujitsu sehr gute Tastaturen, die sich wirklich sehr am normalen Tastaturaufbau orientieren. Warum Papenmeier da nichts praktischeres gefunden hat und einbaut verstehe ich von daher nicht. Gerade bei der Tastatur eines speziellen Hilfsmittels für eine Zielgruppe, die auf Tastenkombinationen angewiesen ist, würde ich doch erwarten, dass sich möglichst vieles am normalen Tastaturaufbau orientiert. Notfalls muss ich eben selber eine Tastatur entwickeln. Das hat Baum für sein Pronto QS und Pronto 40 ja auch gemacht.

            Tja, die BC 640 kann man dafür nicht mal eben umhängen und im Stehen bedienen, so weit ich weis. Bei einer Zeile mit Notizfunktion, wo ich vielleicht auch mal was im Stehen präsentieren und dafür meine Stichworte ablesen will, ist das schon ein wichtiges Kriterium. Und mich persönlich stört an den Alvas, dass das Cursorrouting unten eingebaut ist und nicht wie üblich oben. OK, ist sicher auch Gewohnheit und Geschmackssache aber für mich eben eher ungewohnt und vielleicht auch langfristig störend. Auch machen die Stifte verhältnismäsig laute Geräusche beim Setzen der Punkte, das war aber schon immer so, schon bei den Tieman-Modulen. Meine Geräte von HIMS klingen dagegen so leise und sanft als ob ein Sounddesigner daran was optimiert hätte. Interessant würde ich es allerdings finden, wenn es die Alvas auch mit 14 bis 20 Modulen gäbe. Wenn Optelec das schlanke Design und die Notizfunktion hierbei beibehalten würde, dazu eine umhängbare Tasche … das wäre dann sicher ein toller mobiler Begleiter. Von daher würde ich ein bisschen Helptech (neue geräte in ähnlichen Gehäusen) bei Optelec sogar gut finden ;-).

            Die Eurobrailles finde ich auch schön vom Design. Aber die 12er Version hat wieder nur 6 Punkte zum Schreiben und Großschrift somit nur über Umweg. Die kleinen runden Schreibknöpfchen sind zudem recht wackelig und haben einen für meinen Geschmack komischen Druckpunkt. Das müsste ich erst mal länger ausprobieren, ob ich darauf länger und richtig schnell schreiben könnte. Würden sie ihre Brailletastatur verbessern, würde ich die jedenfalls auch richtig gut finden.

            Durchgehende Oberflächen statt einzelne Modulkappen sind schon toll. Habe das bei meiner Focus 80 auf der Arbeit. Papenmeier hat das beim Trio tatsächlich auch mal angeboten. Die erste Version kam so auf den Markt. Dann hatten sie recht schnell irgend welche Probleme, mein Trio hatte dann schon nur noch eine über einen Block von 10 Modulen durchgehende Oberfläche. Wie die Trios die letzten Jahre verkauft wurden, weis ich nicht. Vielleicht tatsächlich wieder mit Einzelkappen. Ich ärgere mich jedenfalls noch heute, dass ich Trio damals genommen habe. Die Tasche passt nicht nur nicht von den Aussparungen her, der Klettverschlussstreifen hat sich auch beim Aufklappen immer am Innenfutter richtig stark festgepappt weil das so samtig war. Wie kann man nur so wenig durchdacht was anbieten, ganz zu schweigen vom indiskutablen Lack.

            Fazit: Ich denke, man sieht schon … die Geschmäcker und Anforderungen sind ganz verschieden. Von daher wird es wohl das perfekte Hilfsmittel für alle nie geben. Und gerade deshalb finde ich es schade, wenn die Vielfalt durch Fusionen wie VFO oder Insolvenzen wie bei Baum zurück geht.

            30. Januar 2018

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