Trends 2018 – Kommentar zum Artikel in c’t-Ausgabe 4/2018, Seite 56

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Die Fachzeitschrift Computer und Technik, besser bekannt als c’t, ist bei mir über Jahrzehnte sehr beliebt. Nicht nur wegen der authentischen und seriösen Berichterstattung, sondern auch aufgrund der (fast immer) plausiblen Begründungen. Kurz um, während manche Fachmagazine offenbar mit Umsatzeinbußen zu kämpfen haben und das Internet mit sinnfreien “So geht’s”-Artikeln überfluten, hat man dies beim Heise Zeitschriftenverlag in Hannover nicht nötig. Hoffentlich bleibt dies auch nach der digitalen Revolution so, die im aktuellen Heft prognostiziert wird.

Mit “schöner wohnen, weniger arbeiten und Denken lassen” überschrieb der Autor Jürgen Kuri treffend den Artikel und deutet auf eine sehr bequeme Zukunft hin. Zumindest dann, wenn die Technik nicht versagt, ein Netzausfall könnte reichen. Um den Inhalt nur kurz zusammenzufassen: Das Smartphone ist durchentwickelt und nur noch eines von vielen Gadgets, Sprachassistenten finden sich künftig in vielen Alltagsgegenständen und können direkt vernetzt den Wünschen der Anwender folgen, hochauflösende Displays mit 4K und 8K, zum Aufrollen und als Tapete sind noch zu teuer und schlussendlich geht das alles nur mit einem stabilen und schnellen Internet. Die PC-Entwicklung hat man ebenfalls nicht vernachlässigt: Boom nicht aufgrund neuer Technologien, sondern wegen des von der Industrie angerichteten Chaos der Verunsicherung.

Solche Artikel sind nichts Neues, in vielen Ausgaben der vergangenen Jahre finden sich unzählige Blicke in die Zukunft von “Digitalien”. Neu ist für mich allerdings die Art und Weise, wie ich darüber denke und die entschwundene Euphorie. Mag sein, dass ich durch mein Wissen und die gute Einschätzung gedanklich, allerdings mit gesundem Blick in die Vergangenheit, etwas in der Zukunft lebe. Möglich wäre aber auch, dass mein Egoismus nach Problemlösungen im Alltag inzwischen gestillt ist und für mich die neuen Entwicklungen keinen Mehrwert bringen. Früher packte mich immer gleich eine große Euphorie und ich konnte die neuen Produkte nicht abwarten: Viel Speicher

im Smartphone, kompakter und trotzdem gute Ergonomie und Akkulaufzeit, schlanke und leichte Notebooks mit schneller Hardware und generell weniger Kompromisse bei tragbaren Geräten. Das alles ist nun erreicht und auch wenn die neuen Funktionen als das schlagende Argument für neue Produkte proklamiert werden, bringen sie mir nichts, was mir fehlt. Einsteiger-Camcorder kommen nach wie vor ohne Mikrofoneingang, Studiotechnik bietet immer bessere Qualität zum günstigeren Preis und generell nerven mich Produkte, die mich zwingen, ein Benutzerkonto anzulegen oder mit nicht entfernbarer Bloadware bestückt sind. Vielleicht hat auch der Umstieg auf Apple etwas verändert, denn abseits der Keynote und den Offerten mit mehr oder weniger sinnvollen Funktionen wirkt das System insgesamt zeitlos. Mit einem iPhone 5s lässt sich noch genauso auf die iCloud zugreifen, MacOS sieht auf einem MacBook Pro aus 2012 genauso aus, wie auf einem aktuellen iMac. Ob nun ein Telefon per Gesicht oder Finger entsperrt wird, ist im Ergebnis egal, ich fasse das Gerät aber ohnehin an, wozu dann der Schädelscan? Im Folgenden möchte ich einige Schlaglichter in der Technik setzen und anhand dieser meine Gedanken in Verbindung mit dem lesenswerten Artikel äußern.

Sprachassistenten
Das letzte Gadget, das mich auch heute noch überzeugt, ist die neue Apple Watch Series 3 Cellular. Aber genau dieser Gerätegattung spricht man im Artikel künftige Neuerungen ab, wobei es doch sehr praktisch ist, mit Siri am Handgelenk und nicht mit einer diffusen Tonquelle im Raum zu sprechen. Das Entsperren des Mac und Musik mit den AirPods ohne iPhone unterwegs zu genießen, sind genau die Features, die ich mir früher immer gewünscht habe. Ganz davon ab hat sich Im Vergleich zwischen Amazon Alexa und Google Assistant letzterer bei meinen Tests besser behauptet, dennoch fehlt mir nach wie vor ein wirklicher Sinn. Cortana ist aktiviert und könnte mit mir sprechen, jedoch fehlt mir die entscheidende Frage. Siri hingegen nutze ich öfters, Terminabfragen oder -Einträge sind dabei die dominierende Funktion. Spaßbefehle, wie Gedichte, Witze oder Lieder, die Google Assistant gleichermaßen mit Amazon Alexa und Microsoft Cortana singt, langweilen und taugen momentan allerhöchstens zum Beeindrucken. Das größte Problem sind aber die hermetisch getrennten Systeme. Amazon und Microsoft wollen neue Wege gehen, generell ist aber der Nutzen beschränkt, wenn man nicht im Ökosystem des Anbieters zuhause ist. Netflix und Spotify sind eine Ausnahme, darauf will kein Hersteller verzichten und unterstützt diese natürlich. Trotzdem ist für mich nicht die Qualität des Assistenten entscheidend, sondern die dahinter stehenden Dienste. Hier bediene ich weder Google, noch Amazon und so fallen beide Assistenten für mich raus. Der HomePod könnte sich zumindest in meinem Apple-Universum am besten behaupten, wird aber wohl in den Einschränkungen der Spitzenreiter sein.

Smart Home
Das Thema beschäftigt mich schon seit Jahren und erst kürzlich war ich versucht, eine Funksteckdose eines chinesischen Herstellers zu kaufen. Die Leerlaufenergie von 1W und die unbeantwortete Frage, ob es ein Ein- oder Zweidrahtschalter ist und die damit verbundenen elektrotechnischen Risiken haben mich vom Kauf allerdings Abstand nehmen lassen. Dann kamen sie auch wieder, die Fragen nach dem Sinn und Zweck. Ich fand sogar ein Einsatzbereich, die Weihnachtsbeleuchtung im Vorgarten. Diese wird mit einer mechanischen Zeitschaltuhr gesteuert, warum also nicht per App? Anschließend fiel mir wieder ein, wie schnell Weihnachten kommt und wie kurz die Weihnachtszeit ist und ich fragte mich, was ich im übrigen Jahr mit dieser Funksteckdose machen sollte. Damit war die Überlegung bei einem Anschaffungspreis von rund 29 Euro erledigt. Eine konsequente Umrüstung im Haus bei zehn solcher Dosen würde immerhin 290 Euro kosten und das, obwohl ich diese wohl nur selten schalten würde. Der zusätzliche Energiebedarf von 12W pro Stunde macht zwar jährlich nicht viel aus, erweisen sich aber dennoch als verschwendete Energie für einen scheinbaren Mehrwert. Gleiches könnte man auf Glühlampen, Rauchmelder mit Sprachassistenten und ähnliche Geräte übertragen. Ich frage mich heute schon, ob sich unsere Haushaltsgeräte künftig gegen Exemplare ersetzen lassen, die nicht vernetzt sind. Weil Trends nicht ewig halten, kann ich mir einen Gegentrend auch sehr gut vorstellen, wenn die ersten Anwender gemerkt haben, was sie alles für Spuren im Netz durch scheinbare Alltagserleichterung hinterlassen haben. Das kann man nicht mit Telefonen vergleichen, Wählscheibe vs. Tasten. Immerhin geht es nicht nur um ein reines Bedienkonzept, sondern um die ethische Frage, ob man überhaupt ein Gerät in Verbindung mit einem Online-Dienst einsetzen will. Duschköpfe mit Alexa-Steuerung oder Filme auf Zuruf wirken aus moderner Sicht praktisch, sofern der Assistent einen richtig versteht. Doch ist der Mensch nicht ein kommunikatives Wesen, das die Gemeinschaft sucht? Komplexe Menüstrukturen sind klar ein Argument für die Sprachsteuerung und ich bin gespannt, ob und wie sich der Trend künftig fortsetzt. Nicht alles, was uns als zukünftig unverzichtbar erschien, blieb tatsächlich. Tapeten mit Blumenmuster der 70er Jahre beispielsweise, auch wenn der Vergleich natürlich nicht ganz passt. Fakt ist aber, dass durch die zwangsweise Verzahnung von Alltagsgegenständen mit Diensten eine geplante Obsoleszenz sogar kostenneutral für die Anbieter möglich wäre, Abschalten eines Dienstes genügt zur Stilllegung. Schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass wir freiwillig unser alltägliches Tun und Handeln protokollieren lassen und wir heute nicht wissen, was morgen mit diesen reichhaltigen Daten möglich ist. Wir dürfen davon ausgehen, dass der Einzug dieser Technologie in unser Zuhause bereits von der Industrie wesentlich weiter gedacht wurde, als wir dies heute ahnen. Schon heute kann das protokollierte Verhalten auch die Manipulation deutlich vereinfacht. Wenn abzuleiten ist, welche Musik wir bei welcher Lichtstimmung konsumieren, werden wir verwundbar und das Marketing wird sich unserem Verhalten anpassen. Das ist nicht einmal Zukunftsmusik, das passiert bereits ganz systematisch im Internet. So müssen wir uns die Frage stellen, ob wir es der Industrie weiterhin erleichtern wollen, uns zu manipulieren.

UHD, 4K und 8K
Das hochauflösende Fernsehen hat uns erreicht und ich erinnere mich an die Zeit vor etwa 10 Jahren zurück, als Full-HD noch nicht bei mir eingezogen war. Ende 2010 befasste ich mich mit dem Kauf eines neuen Camcorders, damals nutzte ich noch Mini-DV als Standard. Ich hatte zwar schon einen kompakten mit SD-Carte, ganze 12 GB Speicher standen mir hier zur Verfügung. Allerdings nahm dieser lediglich in DVD-Qualität auf. Früher der Inbegriff für brillante Bildqualität, heute als 576p bezeichnet. Als ich so überlegte, war ich tatsächlich versucht, ein einfaches Modell ohne Full-HD zu kaufen. Ich hatte allerdings noch einmal überlegt: Warum heute stehenbleiben, wenn morgen sicher ein Full-HD-Fernseher ins Haus kommt? Das passierte aber erst 2015 und so war die Entscheidung für einem HD-Camcorder richtig. Heute stehe ich an demselben Punkt, 4K steht als De-Facto-Standard fest, das kann nur mein iMac. Aber nein, da ist doch das iPhone, welches auch in 4K Videos dreht. Schon erkenne ich, dass der Trend weiter weg von dedizierter Hardware geht, manch Filmprojekt wurde nur mit dem iPhone erstellt. Kaufe ich mir jetzt einen 4K-Camcorder, kostet er mich in besserer Qualität bald mehr als ein Smartphone und wie viele Filme nehme ich tatsächlich auf? Da ist aber noch die Ergonomie, viele Funktionen verderben die Zugänglichkeit und Tasten sind immer besser, da ist vermutlich das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zurück zum Thema, 4K ist sicher der Standard, der selbst die Blu-Ray (Full-HD) übertrifft und mit HDR gibt es dazu auch noch einen sehr weiten Dynamikumfang. Heute würde ich sicherlich niemandem zu einem Full-HD-Fernsehgerät raten, der mehr als nur öffentlich-rechtliches Fernsehen genießen will. Mehrwert bietet mir persönlich dies dennoch nicht, die Qualitätsunterschiede sehe ich nicht und die Videodateien werden größer. Neue Codecs erfordern auch neue Abspielwege, das wäre sicherlich der nächste Schritt. Vielleicht stelle ich künftig auf das iPHone mit HEVC um und habe damit meinen neuen Camcorder.

Vernetzte Musik
Während der Trend bei Video immer hochauflösender wird, erkenne ich bei der Musikübertragung genau das Gegenteil: Viele nutzen Streaming und nehmen Kompressionsverfahren zur Musikverteilung in Kauf. In Rezensionen schließen selbst ernannte Audiophile ihre Bluetooth-Kopfhörer an ihre teuren High Res Player an und schwärmen von der Detailtreue, die aber aufgrund schlechter Bluetooth-Codecs gar nicht möglich ist. Gleiches beobachte ich bei smarten Lautsprechern, auch hier nimmt man bewusste Qualitätseinbußen in Kauf. Oder stimmt das gar nicht? – Doch, es stimmt, nur arbeiten die Hersteller entgegen: DSP heißt das Stichwort. Diese digitalen Signalprozessoren weichen das Material auf und versuchen, ähnlich wie Bildprozessoren in Digitalkameras, das Klangmaterial aufzuweichen und aufzuhübschen. Die meisten Menschen sind nicht hörerfahren und etwas mehr Bass und Höhen reichen aus, um einen guten Klangeindruck zu suggerieren. Modemarken setzen auf diesen Trend und das Geschäft geht voll auf. Im Gegenteil wirken auf viele Menschen die eher neutralen und detailreichen Produkte sogar schlechter, weil ihnen dieser bekannte Druck fehlt. Es passiert nicht selten, dass eine für den Alltag gut produzierte Popmusik plötzlich harsch und kühl klingt, wenn man sie mit dem teuren Equipment abhört. Das gab es auch früher, Musik zu Loudness-Zeiten in den 80er Jahren klingt heute flach, weil man nicht mehr diese extreme Bass- und Höhen-Anhebung bevorzugt. Bluetooth hat sich durchgesetzt, auch wenn es das technisch derzeit schlechteste Übertragungsverfahren ist. Gerade Audioprodukte zeigen daher ganz deutlich, wie wir plötzlich aufhören, kritisch zu hinterfragen. Ein gut bewerteter Netzwerklautsprecher von einem Influencer muss ja gut klingen und empfinde ich das bei der Wunschmarke nicht, überrede ich mich, bis ich es gut finde. Oder ich verkaufe es, aber das tun die wenigsten.

Fazit
Die schöne neue Digitalwelt empfinde ich als neu, nicht als schön. Die meisten meiner Probleme im Alltag hat die Industrie bereits gelöst, neue Technologien bringen mir keinen wirklichen Mehrwert. Das Hinterfragen nach dem ergonomischen Sinn war immer meine Devise, heute aber beginnt sie sich auszuzahlen. Was mich gestern noch überzeugt hat, ist heute Standard und für Morgen fehlt mir wenig. Was mich begeistert, wird immer weniger. Weil ich die technischen Grenzen kenne und selbst ein smarter Lautsprecher keine Pandora’s Box ist. Wer ein iPhone in eine Tupperdose mit Löchern packt, ein Netzkabel hinein reichen lässt und es möglichst laut stellt, hat auch einen Lautsprecher. Der einzige Unterschied ist, dass mich das Gerät nicht im halben Haus hört und mir dadurch übrigens auch nicht immer zuhören kann. Im Ergebnis kann ich nur den Tipp geben, mehr zu hinterfragen und zu überlegen, ob die geplante Investition auch investitionssicher ist. Die Tatsache, dass etablierte Dienste nach der Markteinführung ihre Abonnement-Kosten erhöhen, ist ein weiterer Grund zu hinterfragen. Amazon Prime ist für den Gelegenheits-Nutzer vielleicht sogar noch das beste Angebot, wenn man denn wirklich diese Dienste nutzt. Wer aber gelegentlich Musik hört und Filme schaut, kann mit Second-Hand allerdings deutlich sparen. Gleiches gilt dem, der zum Lichtschalter geht. Vermeidbare Batterien und Energie, mehr Bewegungsaktivität und eigenständiges Denken sollte im Ergebnis sogar erhaltend wirken. Ob die im Artikel beschriebenen Trends wirklich so trendy sind, kann aber nur die Zukunft zeigen.

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