Test: Koss Porta Pro, ewige Legende oder technisch überholt?

Letzte Aktualisierung am 27. März 2020

Seit 1984 gibt es ihn in nahezu unveränderter Form, den mobilen Kopfhörer Porta Pro von Koss. Faltbar auf Tennisballgröße mit Kunstlederbeutel, später als 25th Anniversary Edition in komplett schwarz und anderen limitierten Farben, inzwischen auch mit Inline-fernbedienung und als Bluetooth-Version. In jedem Fall ist es ein echter Klassiker und man kann ihn durchaus als Urvater der Mobilkopfhörer bezeichnen. Den meisten tragbaren Kassettenspielern abseits des Walkman lagen damals Kopfhörer bei, die stark an den Porta Pro erinnerten, aber ihm nicht das Wasser reichen konnten. Dünnes Metallkopfband, ohraufliegende Schaumstoffpolster und überzeichnete Höhen bei rund 8 kHz, die das Ohr unangenehm zum Klingeln brachten, lieferten gute Gründe für den Porta Pro. Dieser klingt für damalige Verhältnisse exzellent und war jahrelang die Referenz für das c’t-Magazin. Heute sieht der Markt jedoch anders aus, es gibt unzählige Kopfhörer und mobile Geräte mit anderen Anforderungen.

Wer ihn heute trägt, setzt ein technisches Statement und beweist seine langjährige Erfahrung im Bereich der Unterhaltungselektronik. So nutzte ich den Porta Pro viele Jahre, auf meinen letzten, limitiert in Schwarz, setzte ich mich versehentlich drauf. Ich hob ihn zwar auf, aber mit gebrochenem Bügel war da nichts zu machen und so entsorgte ich ihn irgendwann. Nun ist etwas Zeit vergangen und ich suchte einen sehr kompakten Faltkopfhörer für mobile Instrumente, so landete ich wieder beim Porta Pro. Am Markt gibt es abseits der Stöpselfraktion nämlich nichts kleineres. Meinen ersten kaufte ich noch für 159 Mark. Bei aktuell rund 34 Euro kann man nichts falsch machen und so bestellte ich ihn mir wieder. Zwar hauptsächlich aus Neugier, vor Allem anlehnend an meinen Test zum Thema Kopfhörer unter 100 Euro. Da passt er aus zwei Gründen nämlich nicht hinein, denn er ist kein Studiokopfhörer und kommt in offener Bauweise. Schauen wir doch mal, ob Qualität nach wie vor verpflichtet.

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Geschichtliches

Das Unternehmen Koss gibt es schon seit 1953 und wurde von John C. Koss zunächst als Fernsehgeräteverleih gegründet. Was viele nicht wissen ist, dass er fünf Jahre später mit seinem Partner Martin Lange den SP/3 entwickelt hat, den ersten Stereokopfhörer überhaupt. Das darf man allerdings nicht überbewerten, denn Kopfhörer auch für beide Ohren, aber mit summiertem Mono-Signal, gab es natürlich schon sehr viel früher. Im Jahr 1971 kam mit dem K 2+2 der erste Kopfhörer mit Quadrophonie auf den Markt, die Referenzen sind also schon mal beachtlich und lassen sich auf der Umverpackung nachlesen. Der schwarz-silberne Porta Pro wird seit 1984 nahezu unverändert hergestellt und ist ein regelrechtes Kultobjekt geworden. Heute hat er es allerdings im Zuge der Konkurrenz eher schwierig, dabei bewirbt Koss ihn auch für hochauflösende Musik.

Neben dem Porta Pro baut Koss auch Elektrostaten mit Verstärker im gehobenen Preisbereich. Allerdings liest man davon eher wenig und Konkurrenz gibt es zur Genüge. In-Ears fertigt Koss auch schon lange, die “The Plug” haben mir jedoch nie so recht gefallen, hingegen der Sporta Pro als On-Ear mit Ohrbügel. Es gibt darüber hinaus auch aktuelle Modelle, die faktisch den Porta Pro ablösen, aber er ist und bleibt das Original. Die Bluetooth-Version unterstützt den Standard 4.0 und beherrscht sowohl aptX, als auch AAC und macht ihn daher gut für das iPhone nutzbar. Anstelle des Klinkensteckers hat man das Bluetooth-Modul und den Akku in das Kabel integriert, drei Tasten erlauben die übliche Anrufsteuerung, für Lautstärke und Titelsprung. Die Version mit Inline-Fernbedienung hat einen TRRS-Stecker und eine Taste, so dass die Lautstärke nicht verändert werden kann.

Neuer erster Eindruck

Koss Porta Pro Verpackung

Ursprünglich wurde der Porta Pro in einer Pappverpackung geliefert und hatte blaue Polster, seit den 90er Jahren liegt er mit schwarzen Ohrpolstern stattdessen in einem Kunststoffeinsatz. Seitdem scheint sich nicht viel geändert zu haben. Im Innern finde ich den Kopfhörer im Plastikeinsatz fixiert und den Kunstlederbeutel gibt es auch noch, dieser wirkt allerdings rau und dadurch etwas edler und mehr retro. Was allerdings fehlt, ist der Adapter auf 6,35 mm Klinke, den hat man eingespart. Dafür ist das beidseitig geführte, recht dünne Kabel mit Winkelstecker geblieben und die mir bekannten Stärken und Schwächen. Da wäre zunächst der fehlende Knickschutz des Kabels an den Muscheln zu erwähnen, dieses wird stattdessen in zwei gepressten Halterungen fixiert und daher kann es auch nicht so leicht rausreißen. Das Zwillingskabel ist recht dünn und läuft unter dem Hals zusammen, die Stoffummantelung fehlt beim Standardmodell. Ebenso sind die Übergänge des Kopfbandes nach wie vor aus Kunststoff gefertigt und zumindest eine potentielle Sollbruchstelle. Als Letztes sind die Schaumstoffpolster zu erwähnen, die bei regelmäßigem Gebrauch irgendwann zu tauschen sind und sich als Zubehör im Sechserpack nachkaufen lassen. Als Weiteres gibt es optional ein Hardcase, das wohl der Bluetooth-Version schon beiliegt.

Koss Porta Pro Seite
Ein Bisschen mehr Schein als Sein, sieht größer aus, als der Treiber in Wirklichkeit ist.

Für alle, die den Porta Pro nicht kennen, schauen wir uns die Konstruktion etwas genauer an. Die dynamischen Wandler liegen auf den Ohren und die erwähnten Schaumstoffpolster schützen vor dem Metallgitter dahinter. Der Durchmesser der Polster beträgt 5 cm, die Treiberabmessungen werden nicht genannt und könnten etwa 20 mm betragen. Die Empfindlichkeit wird mit 101 dB SPL bei 1 mW und die Impedanz mit 60 Ohm angegeben, was für heutige Verhältnisse fast schon ein hoher Wert ist. Der Frequenzgang klingt mit 15 Hz bis 25 kHz hingegen schon amitioniert, das hat man in den 80ern sicher so nicht aufgeführt. Die eingeschränkte Garantie auf Lebenszeit wird keine Kabelbrüche und Materialermüdung abdecken.

Koss Porta Pro Ohrpolster

Das etwa 1,5 cm breite und gebogene Metallkopfband ist im Prinzip zweigeteilt, zwei Kunststoffenden fixieren es und so lässt es sich quasi übereinander verschieben. Zum Zusammenlegen klappt man die Muscheln ein, Haken und Öse an der Aufhängung formen ein kreisrundes Gebilde mit etwa sieben Zentimeter Durchmesser, so knautscht man ihn dann in den Beutel. Am Plastik unter dem Knickgelenk werden die Treiber gehalten, hier findet sich auch ein haptisches L und R für die Ausrichtung und Silberapplikationen mit dem Koss-Logo. Das Kopfband lässt sich sogar eng genug einstellen, dass er auch für Kinderohren taugt. Aber Vorsicht ist geboten, so begrenzt er im Gegensatz zu Kinderkopfhörern nicht die Lautstärke, das sollte man zwingend im Zuspieler machen. 85 dB ist hier ein üblicher Wert und schädigt nicht das Gehör. Ohnehin neigt man gerade in lauten Umgebungen aufgrund der offenen Konstruktion dazu, ihn lauter als notwendig einzustellen, so dass er sich für solche Umgebungen nur eingeschränkt eignet.

Koss Porta Pro auf CD
Zusammengefaltet ist er kleiner als eine CD.

Über dem Gelenk gibt es Kopfpolster auf jeder Seite. Sie fixieren den Hörer und mit einem gefederten Schieber lässt sich der Anpressdruck in zwei Stufen einstellen. Genau genommen öffnet sich der Winkel, so dass sich der Druck weg von den Muscheln hin zu den Kopfpolstern verlagert. So sind verschiedene Tragevarianten möglich, die schicke Frisur kann bei ausgezogenem Kopfband und höherem Andruck etwas geschont werden. Für sportliche Aktivitäten macht man das Kopfband enger und entsprechend ist auch der Sitz. Durch das doppelte Metallband kommt es vor, dass man hin und wieder ein Kopfhaar einklemmt und beim Abnehmen ausreißt, was mich jedoch nie wirklich gestört hat. Während es die Kopfpolster nicht als Ersatz gibt, erinnern die Ohrpolster an den gelben Sennheiser HD-414. Sie lassen sich einfach wechseln und haken sich auf der Hinterseite ein. Die Treiber selbst sind über ein Kugelgelenk mit dem Bügel verbunden und bewegen sich flexibel in alle Richtungen, so dass sie sich gut an das Außenohr schmiegen. Von der Konstruktion ist es ein offener Kopfhörer, dadurch werden Außengeräusche nicht gedämpft und die Musik ist auch für den Sitznachbarn hörbar.

Der Sound

Koss Porta Pro im Tragebeutel

Die Zeiten ändern sich und während es viele Lobgesänge über die Qualität gibt, die allerdings in Teilen auch schon Jahrzehnte zurückliegen, muss man sich heute allerdings anderen Anforderungen stellen. Hochauflösende Musik zum einen, sowie günstige Kopfhörer zum anderen, die technisch aktueller sind. Natürlich ist der Porta Pro kein Studiokopfhörer, sondern man hört mit ihm einfach gute Musik und das soll er können. Liest man aber die Beschreibung des Herstellers, sind die Vorschusslorbeeren schon beachtlich und so schließe ich ihn zunächst am Motorola one vision an. Hier entfaltet er seine wuchtigen Qualitäten bezogen auf den Tiefgang. Denn Bass kann er, aber wie sich später noch zeigen wird, nicht ganz kompromisslos. Mit seinen 60 Ohm kann er übrigens auch laut. Über Spotify lassen sich Kompressionsartefakte wahrnehmen, was allerdings mit guter Hörerfahrung und vielen Kopfhörern gelingt und daher nicht positiv beeindruckt. Was mir direkt wieder auffällt ist die bekannte Kuppe im Bereich um 500 Hz, insgesamt ist er ohnehin dunkler abgestimmt. Die Höhen wirken deshalb eher verhangen, das werden Kinderohren und das Gehör bei lauter Musik allerdings freuen. Tonal klingt er grundsätzlich angenehm und passt für alle Musikstile gleichermaßen gut. Aber weit weg von ausgewogen und analytisch, wie ein Test am Topping DX7s noch zeigen soll.

Topping DX7s Vorderseite

Dieser D/A-Wandler mit Kopfhörerverstärker ist für die Preisklasse und darüber hinaus exzellent, liefert sehr viel Kraft und treibt mühelos auch Magnetostaten an. Als offene Kopfhörer erscheinen mir der Mackie MC-450 und AKG K-812 für einen Vergleich aufgrund der anderen Preisklasse nicht sinnvoll, so ist das On-Ear-Prinzip auch mit geschlossenen Hörern vergleichbar. Der Mackie MC-250 passt daher besser und so ziehe ich diesen heran. Am Porta Pro zeigen angespielte Tracks in hoher Auflösung unterschiedlicher Genres erneut die etwas kopflastige Darstellung mit ausreichender Breite, aber nicht wirklich dreidimensional. Das ist in dieser Preisklasse nicht unüblich, aber die Zurückhaltung im Hochtonbereich schneidet mir doch etwas stark ein. Das fiel mir allerdings erst beim Wechseln auf, denn während der Koss Porta Pro die Musik eher muffig und emotionslos vermittelt, entwickelt der Mackie MC-250 dagegen einen regelrechten Glanz. Nicht nur aufgrund der klareren Höhen, sondern auch die Zurückhaltung im Grundton lässt den oberen Mitten deutlich mehr Raum. Besonders bei organischen Stücken gelingt es dem Porta Pro nicht, Instrumente überzeugend aufzubauen. Blechbläser klingen verhangen, die Zupfgeräusche von Gitarren sind untergeordnet und Transienten von Hi-Hats und Becken klingen eher weichgespült, insgesamt wirkt das Klangbild leblos und distanziert, was besonders bei hochwertigen Aufnahmen zum Tragen kommt. Das fällt bei populärer Musik deutlich weniger ins Gewicht, geht es aber um Details, fehlt dem Porta Pro die heute mögliche Schärfe. So fehlt es an Impulstreue und Transparenz, die ihm vor Allem im Präsenzbereich zu schaffen macht, das fällt besonders aufgrund der zurückhaltenen Hochtonwiedergabe auf. Am anderen Ende des Frequenzspektrums kann er einen Sweep bis 26 Hz sehr überzeugend darstellen, nicht allerdings bei einer Mischung, weil die Überlagerungen im Grundtonbereich zu Lasten der Straffheit gehen.

Solche Vergleiche sind natürlich etwas schwierig, denn einerseits war er seinerzeit deutlich teurer, andererseits bleibt die Zeit nicht stehen, wohl aber der Porta Pro. Andere Hersteller kommen mit neuen Wandlerkonzepten, besserer Entlüftung und größeren Treibern und Gehäusen. Der MC-250 ist ein normal großer Kopfhörer, wenn auch faltbar, der Koss Porta Pro hingegen ein kleiner. Trotzdem ließe sich manches optimieren, was Koss vermutlich in neueren Modellen auch getan hat. Beim Porta Pro jedoch nicht und er hat trotzdem seine Fans, weshalb diese unternehmerische Entscheidung grundsätzlich als richtig zu bewerten ist. Ganz davon ab, dass man für diesen Preis schon einen guten gegenwert bekommt. Klanglich muss er sich jedoch anderen Modellen stellen, selbst der Behringer HPS5000 aus meinem Kopfhörertest ist in Teilen sogar im Vorteil und kostet etwa die Hälfte. Allerdings kann man das auch anders sehen, wenn man sich an die Kassetten der 80er Jahre mit ihren Rauschfahnen erinnert. So lässt sich die Zurückhaltung im Hochtonbereich mit Equalizern anheben und trotzdem wird das Bandrauschen gedämpft, damit entspricht er der analogen Zeit mit anders abgemischter Musik und Loudness-Funktion. Damals legte man mehr Wert auf Bass und in dieser Disziplin haben viele Produkte seinerzeit etwas versagt. So gesehen ist er ein vergleichsweise guter Wegbegleiter, das war er auch für mich am MD-Recorder Sony MZ-R55 und der Archos Jukebox Recorder 20, da konnte ich mich nie beschweren. Trotzdem ist er klanglich weder richtig schlecht, noch lassen sich besonders positive Merkmale heraushören und so bewegt er sich im guten Mittelfeld. Immerhin sorgt die Hochtonabsenkung auch dafür, dass man die Artefakte mancher Digitalendstufen nicht so deutlich wahrnimmt.

Fazit

Insgesamt ist der Koss Porta Pro gemessen am Straßenpreis ein toller Kopfhörer mit Retro-Charme, das gilt jedoch nicht ganz für den Klangcharakter. Moderne Materialien vermögen heutzutage deutlich mehr zu leisten, da schwimmt der Porta Pro in altem Fahrwasser. Da kann man auch nichts relativieren, so ist er ein Kopfhörer aus 1984. Allerdings hatte er viele Jahre kaum Konkurrenz und es ist vermutlich Beats zu verdanken, dass Kopfhörer einen neuen Boom erlebten und so die Konkurrenz zu mehr Entwicklungsgeist verhalf. Neben Koss gibt es inzwischen viele Hersteller, die andere Wege gehen und dem Porta Pro schon irgendwie obsolet erscheinen lassen. Doch ist da der Faltmechanismus, das Retro-Feeling und ein Produkt, was sich wiederum gegen viele No-Names in derselben Preisklasse behaupten kann. So kann ich den Koss Porta Pro wärmstens empfehlen, wenn man einfach nur Musikhören will. Das geht mit ihm nach wie vor, wenn auch nicht im Zeichen des technisch machbaren. Für hochauflösende Musik und bessere Elektronik ist er hingegen nicht geeignet, hier gibt es durchaus modernere Alternativen. Kenner wissen dafür, was sie bekommen und das weiß auch der Hersteller. So wird er vermutlich noch viele Jahre genauso produziert und das ist wirklich nachhaltig.

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