Clubhouse, nur ein Hype oder soziales Netzwerk der Zukunft?

Letzte Aktualisierung am 17. August 2022

In einer der letztjährigen Podcast-Episoden hat Carsten spontan gefragt, ob uns nicht jemand mal zum neuen sozialen Netzwerk Clubhouse einladen könnte, keine 24 Stunden später waren wir drin. Das Clubhouse von Alpha Exploration Co. gibt es in den USA bereits seit März 2020 und läuft auf chinesischen Servern, so dass diese mit Taiwanesen sogar kurz kommunizieren konnten. Seit Mitte Januar 2021 können auch deutsche Nutzer mit einem iPod Touch, iPhone oder iPad Clubhouse verwenden, sofern sie eingeladen wurden. Einfach anmelden ging zunächst nicht, so konnte man je nach Aktivität eine begrenzte Anzahl an Kontakten ins Clubhouse holen. Seit April ist die App für Android fertig und das Einladungssystem wurde später ebenfalls abgeschafft. Allerdings versuchte man über die Zeit hinweg neue Konzepte, wie Bezahlsysteme oder ein Clubhouse im Clubhouse, spezielle Clubs oder Häuser, wie diese zukünftig heißen sollen.

Seit dem 12. Februar 2021 war ich dabei, am 14. August 2022 löschte ich meinen Account. Schon zum zweiten Mal und nach mehrfacher Überlegung, allerdings endgültig, denn ich kann dem Kram nichts mehr abgewinnen. Dies hier ist die überarbeitete Fassung des initialen Artikels zu Clubhouse, den ich ursprünglich am 10. März 2021 veröffentlicht habe, man kann diesen daher getrost als Langzeittest bezeichnen. So hatten wir in ClubHouse einen Live-Podcast aufgezeichnet und das soziale Netzwerk in der Praxis demonstriert. Die Klangqualität ist nämlich nicht von schlechten Eltern und wurde in der Performance sogar noch verbessert, reicht aber nicht an HiFi heran, Stereo ist aber mit dem Music-Mode möglich und Spatial Audio sorgt für ein räumliches Feeling bei Diskussionen. Updates der einzig auf Englisch verfügbaren Clubhouse-App gibt es regelmäßig, in der auch die Barrierefreiheit berücksichtigt wird. Dass man Anfangs keine freien Anmeldungen zugelassen hat ist logisch, denn es handelte sich damals um einen Beta-Status und häufig merkt man bis Heute bei Zeiten eine hohe Auslastung der Server. Interessant ist ürigens auch, dass man sich gut überlegen sollte, wen man einlädt. Denn „Trolle“ kann man melden und wird jemand gebannt, betraf dies zugleich auch den Einladenden. Nicht erst seit der Öffnung waren dort teilweise ziemlich skurrile Typen unterwegs, die Diskussionen regelrecht zu sprengen versuchten. Daher gab es immer wieder Moderationskurse und selbst ernannte Clubhouse-Moderatoren, die faktisch nich tmehr Nutzerrechte hatten, sich aber durch ihre viele Lebenszeit in diesem System als etwas Besseres fühlten.

Was ist Clubhouse eigentlich?

Clubhouse bezeichnet sich selbst als erste Social-Audio-App, was genau genommen stimmt. Zumindest wenn man vernachlässigt, dass auch Skype das Sprechen mit mehreren Personen ermöglicht und der Amateurfunk wohl als erstes soziales, weltumspannendes Audionetzwerk gelten kann und vergessen wir an dieser Stelle auch nicht die Telefonchatsysteme der 90er Jahre. Gegründet wurde Clubhouse von Rohan Seth, der zuvor Google-Mitarbeiter war. und Paul Davison, ehemals bei Pinterest. Von der Funktionsweise kann man Clubhouse am Ehesten mit einem Konferenzzentrum vergleichen, in welchem sich jeder einen Raum suchen oder selbst erstellen kann. Dabei gibt es vier Typen, die privaten Räume beschränken sich auf gezielt ausgesuchte Benutzer und können nicht eingesehen werden. „Social Rooms“ erweitern die Sichtbarkeit auf die Follower, während „Open Rooms“ für jeden auffindbar sind. Clubräume können auch öffentlich sein und beschränken die Teilnehmer auf die jeweiligen Clubs. Mit der Zeit kamen weitere Funktionen hinzu, wie Chatten, Spiele und die Möglichkeit, Links mit einzustellen, beispielsweise bei Diskussionen zu einem aktuellen Thema. In allen Räumen können Moderatoren ihre Follower „anpingen“, in öffentlichen Räumen kann dies jeder. Für Prominente wichtig ist der Umstand, dass man nur Benachrichtigungen von den selbst gefolgten Personen erhält, hier hat man sich an Twitter angelehnt. Wird man in einen Raum „gepingt“, erhält man eine Push-Mitteilung und kann der Einladung folgen und ist direkt bei zeitnaher Reaktion mit Ausnahme öffentlicher Räume sofort auf der Bühne. Der Raumtyp ließ sich zunächst einmalig ändern, aus einem „Private Room“ wird entweder ein öffentlicher oder „Social Room“ generiert, der dann allen Followern der Moderatoren angezeigt wird. Das ist nützlich, wenn man nicht allzu sichtbar sein möchte, denn je mehr Moderatoren einen Raum betreiben, umso größer ist die Reichweite. So ein Bisschen ist es auch wie Amateurfunk, man betritt einen Raum und spricht mit vielen, auch unbekannten Menschen.

Clubhouse Raumeinstellung

Die Räume sind hierarchisch wie ein Auditorium oder Hörsaal organisiert, es gibt Ränge und Vortragende, „Speaker und die erwähnten Moderatoren. Sie können gemeinsam einen Raum erstellen, auch kann man „Speaker“ nachträglich zum Moderator ernennen. Diese haben besondere Privilegien und können Leute aus dem Publikum auf die Bühne holen, stummschalten oder falls nötig auch von der Bühne oder aus dem Raum entfernen. Die Räume können aktuell maximal 8.000 Nutzer enthalten, wobei sich die von den Sprechern gefolgten Zuhörer im vorderen Rang befinden. Trotzdem ist jeder gleichberechtigt und will man sprechen, hebt man virtuell die Hand, die sich im Übrigen in der Farbe auch verändern lässt, dies wird den Moderatoren signalisiert. Wenn jemand spricht, erkennt man dies am pulsierenden Kreis, wer nicht spricht, schaltet sich für Gewöhnlich stumm. Moderatoren können darüber hinaus sich selbst auch von der Bühne schmeißen, Räume schließen oder auch das Handheben grundsätzlich unterbinden, sinnvoll für Interviews oder Frontalvorträge. Neu sind soziale Räume, in denen es diese Unterscheidung zwischen Podium und Audienz nicht gibt, somit braucht man nur das Mikrofon öffnen. Bei Räumen macht es Sinn, einen aussagekräftigen Titel und eine Raumbeschreibung anzugeben, damit dieser auch als spannend wahrgenommen wird.

Clubs bündeln Personen mit bestimmten Interessen und auch hier gibt es hierarchische Stellschrauben. So kann das Eröffnen eines Raums unter einem Club nur Moderatoren oder Gründern vorbehalten sein, aber auch demokratische Gleichberechtigung aller Mitglieder ist möglich. Bis zu drei Clubregeln können angelegt werden und sind zu akzeptieren, ob man sie gelesen hat, steht wie so oft auf einem anderen Blatt. Die Möglichkeiten sind vielfältig und wurden immer auf Wünsche der User angepasst. Manche Clubs sind offen, andere wiederum bedürfen einer Einladung. In jedem Fall kann man Clubs folgen und wird über anstehende Räume informiert. Während sich viele Privatgruppen gefunden haben, welche ihre geschlossenen Gespräche wie früher bei Telefonchat-Systemen abhalten, haben die meisten Räume einen klaren Themenbezug. Daher ist es wichtig, dass man sich als „Speaker“ an die Vorgaben hält und eine gewisse Diskussionskultur wahrt. Weil jeder Nutzer gleichberechtigt ist und mit Ausnahme der Moderatoren keine Privilegien in den Räumen genießt, ist ein Blick in das jeweilige Nutzerprofil sinnvoll um zu überlegen, ob man denjenigen wirklich zum Gespräch einlädt oder eine gehobene Hand akzeptiert.

Clubhouse Profilseite

Grundlage für die Nutzung ist das Profil, das man nach der Anmeldung erstellen sollte. Wer Anfangs nicht eingeladen wurde, konnte sich aber schon einen Benutzernamen reservieren. Dieser ist vergleichbar mit dem Screenname bei Twitter und ähnlich strukturiert. Nutzer lassen sich entsprechend folgen und man selbst kann von Anderen gefolgt werden, wobei die Listen einsehbar sind und man Follower nicht los werden kann (siehe im Gegensatz dazu private Accounts bei Instagram). Neben dem Profilfoto ist eine „Bio“ essenziell, hier lässt sich beschreiben, wer man ist und was man macht, natürlich vollkommen unüberprüft. Eine Direktkommunikation gibt es mit Wave, so kann man Nutzer in private Räume einladen oder ihnen auch direkt Nachrichten schreiben. Das war zu Anfang noch nicht möglich, weshalb man Clubhouse optimalerweise mit Twitter und/oder Instagram verknüpft hat.

Kaum Privatsphäre, wenig Datenschutz

Während man Mitglieder, Clubs und Gruppen in Clubhouse wahlweise suchen oder über andere Profile entdecken kann, war Anfangs eine Interaktion nur möglich, wenn Nutzer online sind. Das hat sich mit dem Chatsystem geändert, so dass mir auch Nachrichten entgingen, als ich im letzten Drittel meiner Nutzung so gut wie gar nicht mehr online war. Da lag so eine Mitteilung auch mal einige Wochen ungeachtet herum. Nicht schlimm, denn wer mein Profil gelesen hat, weiß eigentlich, wie man mich direkt hätte erreichen können. Clubhouse benachrichtigt einen bei allem Möglichen, wenn ein gefolgter Kontakt die Bühne betritt oder einen Raum eröffnet. Seit Neuestem bekommt man eine Benachrichtigung, wenn jemand online ist, was auf die Dauer ziemlich nervt. Die Benachrichtigungen hat der Entwickler bis heute nicht sinnvoll im Griff. Vielleicht ist das auch Absicht, man weiß ja, um die schwindende Nutzerschaft. Sind die Mitteilungen deaktiviert, kann man Einladungen auch per iMessage, SMS oder auf andere Weise übermitteln. Das Clubhouse wurde ursprünglich auf Live-Interaktion ausgelegt, das Nachhören oder Nachlesen von Räumen war zunächst nicht möglich, wenn Räume nicht selbst mitgeschnitten und als Podcast angelegt wurden. Laut den Entwicklern wurden Räume dennoch temporär aufgezeichnet, damit bei einem Verstoß nachvollziehbar bleibt, was passiert sein kann. Diese Aufzeichnungen sollen aber nach dem Schließen eines Raums wieder gelöscht worden sein. Das ist heute anders, Räume können ganz offiziell mitgeschnitten und als quasi Nachlese bereitgestellt werden, Auch das automatische Transkribieren, also Audio in Text, ist möglich und verbessert den inklusiven Gedanken. Durch die vielen Features ist die App inzwischen recht unübersichtlich geworden, so dass blinde und sehbehinderte Anwender eher mehr als weniger Barrieren wahrnehmen. Der dunkle Modus verbessert immerhin die Sichtbarkeit, die Sprachbarriere unter iOS bleibt jedoch erhalten. Hier ist die App nur auf englisch verfügbar.

Der Datenschutz im Clubhouse ist allerdings nicht unproblematisch. So basiert die Technik auf Agora, einem chinesischen Livestream-System, wie das t3n-Magazin berichtet. Daraus folgt, dass Unternehmen tunlichst die professionelle Kommunikation mit Geschäftspartnern und Kunden im Clubhouse unterlassen sollten und man sich selbst in privaten Räumen gut überlegen muss, was man sich erzählt. Nach meiner Einschätzung ist das Sicherheitsniveau mit Telegram gleichzusetzen, was allerdings aufgrund der halböffentlichen Reichweite auch nicht allzu kritisch zu sehen ist. Wer vertraulich kommuniziert und dafür soziale Netzwerke nutzt, macht ohnehin einen Denkfehler. Clubhouse sammelt natürlich viele Handynummern, weil die Kontakte nach Bestätigung hochgeladen werden und diese Listen wurden auch schon abgegriffen. Bei Einladungen sieht man direkt, wie viele Freunde des potentiellen Mitglieds bereits auf Clubhouse unterwegs sind. Weil Prominente ihren Namen mit der Handynummer verknüpfen, bietet Clubhouse somit ein spannendes, weltweites Telefonbuch. Schlimmer ist noch, dass Räume auch heimlich über Bildschirmmitschnitte oder externes Audio-Gear quasi ohne das Wissen der Teilnehmer aufgezeichnet und anderweitig veröffentlicht werden können. Das kam in der Praxis öfters vor und in vermeintlich privatem Umfeld getätigte Äußerungen von Prominenten landeten auf YouTube oder in der Zeitung. Viele dieser Mitschnitte wurden inzwischen von YouTube entfernt, aber nicht alle. Hier mal ein Beispiel, was man auf Clubhouse in öffentlichen Räumen hören konnte und noch kann:


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The Fear of Missing Out und die Menschen selbst

Wer in den 70er Jahren geboren ist hat Glück, wenn es Filmaufnahmen von der eigenen Kindheit auf Super-8, womöglich noch vertont gibt. Wer älter ist, konnte allenfalls in Film und Fernsehen auftreten. Seitdem Camcorder erschwinglich wurden, lässt sich ein ganzes Leben quasi lückenlos protokollieren, mit Smartphones sowieso. Während wir inzwischen verlernt haben, dass Dinge vergänglich sind und wir durch Facebook, Instagram und Twitter daran gewöhnt wurden, alles nachzulesen und Kommentarsalven nach Verwertbarem zu filtern, ist es bei Clubhouse anders. Hier entscheidet natürlich ein Algorithmus, welche Räume uns interessieren könnten, basierend auf definierten Interessen und gefolgten Nutzern. Weil jedoch zu Anfang nichts nachhaltig blieb, ist ein verpasster Raum genau das, nämlich verpasst. Podcasts lassen sich lange nachhören, erlauben mit Kommentaren und Bewertungen eine nachträgliche Kommunikation, Live-Räume hingegen erfordern dieselbe Zeit aller Teilnehmer. Wir hatten dieses Thema in einem merkst.de-Raum besprochen und die Erkenntnisse waren sehr interessant. Das hat sich mit der Aufzeichnung geändert, hier lassen sich Räume auch durchspulen und nachträglich archivieren, eben eine Art Mischung aus Live und Podcasting.

Clubhouse Activity Log

Die Fragestellung war, ob man Clubhouse als Podcast-Ersatz sehen könnte oder sich die Medien sogar ergänzen. Hintergrund ist das individuelle Zeitmanagement, das durch Arbeit und Freizeit begrenzt ist. Wer einen Raum um 11 Uhr vormittags plant, wird somit die arbeitende Bevölkerung kaum erreichen. Hingegen dürfte die Pandemie und das neuartige Konzept als Pendant zu Videokonferenzen ein vorwiegender Grund für den derzeitigen Run gewesen sein, der inzwischen wie von mir prognostiziert nachgelassen hat. Dabei sind die Themen so vielfältig und die Presse berichtete des Öfteren von Prominenten, wie Thomas Gottschalk oder Bodo Ramelow, die sich auf Clubhouse äußerten – für Journalisten gibt es hier also durchaus Potential. Aber auch das hat sich verändert, diese sind ebenso kaum noch präsent, wie Musiker und Künstler, die in ihrer Lebenswirklichkeit natürlich wieder mehr Zeit investieren und diesen Ausgleich nicht mehr brauchen. Ein Beispiel ist DJ Ötzi oder auch Gerry Friedle. Ein netter Zeitgenosse, den ich wohl im realen Leben nie kennengelernt hätte und der auf Clubhouse viel Zeit verbracht hat, wie eer dem Online-Magazin schlager.de berichtete. Ich hatte viele Gespräche mit ihm, hätte ihn auch gerne mal in einem Podcast eingeladen und gefragt, wie er seine Musik gestaltet, welche Tools er einsetzt, aber dazu kam es nicht.

Clubhouse Sicherheitsabfrage

Darüber hinaus gab es weitere spannende Kontakte, Würde ich diese jetzt namentlich aufzählen, hätte ich sicherlich einige vergessen. Darunter waren Autoren, Moderatoren, Journalisten und Künstler, sowie die Radioszene und Schausteller, die das Clubhouse als quasi Stammtisch genutzt haben. Aber auch das wurde rückläufig und so verschwanden auch die letzten Gründe, mich dort aufzuhalten. Liebe und nette Menschen habe ich im direkten Kontakt und kann sie bei Bedarf erreichen, so verbindet mich beispielsweise eine Art lockere Freundschaft mit Bob Murawka. Er meldet sich gerne bei Audioproblemen oder auch einfach mal so und fragt, wie es einem geht. Gemeinsame Interessen sind immer gut, persönliche Verbindungen aufrecht zu erhalten, das ist wie im normalen Leben: Fehlt die Kontinuität, schwindet auch mehr und mehr das Interesse füreinander. Ich bin zwar jemand, der Kontakte durchaus pflegen kann und möchte, aber das sollte schon beidseitig passieren. Viele machen aus täglichen Stammtischrunden eine Freundschaft, aber das ist mir zu wenig. Ob mir Menschen als interessant begegnen, kann ich persönlich nur im Zwigespräch oder einer kleinen Runde feststellen. Hier gab es einige im Clubhouse, von denen ich allerdings auch nie wieder was gehört habe, sobald die Bubbles und regelmäßigen Zusammentreffen ausblieben.

Roland GO:MIXER PRO-X im Clubhouse

Das ist vollkommen normal, Fehlt die Kontinuität, wie wir sie Anfangs hatten, verschwinden auch die direkten Beziehungen. Es gab viele lustige Räume mit Rolf Fuhrmann, Uwe Bahn, Bob und vielen Anderen, denen man ebenfalls anderswo nicht begegnet wäre. Im Spätsommer 2021 waren Carsten und ich bei einem Live-Treffen in Hannover, dort wurde eine kulinarische Veranstaltung live ins Clubhouse übertragen. Solche Aktionen gab es immer wieder, aber auch gezogen von Selbstdarstellern und nicht nur von – schreibe ich es mal so: Ganz normalen und gewöhnlichen Menschen. Vielleicht ist auch das mein ganz persönliches Problem, ich wäre sicherlich mit meiner Erfahrung ein top Moderator, aber bin auch zu wenig Selbstdarsteller. Von daher kann ich zwar auch Rampensau, fühle mich in dieser Rolle aber nicht wirklich wohl. Daher möchte ich die Zeit im Clubhouse keinesfalls missen, die netten Kontakte jedoch sind nicht immer ins reale Leben übergewandert und ich selbst laufe Menschen nicht hinterher. Für mich war es später sogar schwierig, Räume zu eröffnen, weil mir meine Erfahrung gezeigt hat, wie viele Stunden das am Ende dauern kann. So kam Torsten Sträter beispielsweise um 22:30 Uhr in die Radioszene, ich wollte eigentlich ins Bett, aber es wurde halb Eins. Man kennt das auch vom CB- oder Amateurfunk, man will eigentlich raus und plötzlich poppt ein spannendes thema auf. Besonders diese nächtlichen Unterhaltungen haben Clubhouse vermutlich am Spannendsten gemacht.

Ein Beispiel, wie Clubhouse die Karriere nachhaltig beeinflussen kann, ist sicher die Oldie Antenne. Hätte Felix Kovac als Chef von Antenne Bayern das Treiben von Uwe Bahn und Bob Murawka nicht persönlich im Uwe-Club im Clubhouse verfolgt, wären Beide wohl heute kaum Teil des Moderatorenstamms geworden. „Das ist im Prinzip Clubhouse monetarisieren“, sagte mir Bob Murawka in einem Telefonat vor einigen Tagen und genau das ist der Punkt, für gewisse Zielgruppen kann Clubhouse vielleicht heute noch nützlich sein. Aber im Wesentlichen sind es Coaches, Weltverbesserer und Marketing-Experten, die natürlich schnell auf neue Medien aufspringen und versuchen, sie für sich zu nutzen. Weil das im Clubhouse allerdings nicht funktionierte, finden sich viele jetzt bei LinkedIn wieder und machen dort ihre qualitativ anspruchsvollen Talks, denn auf Clubhouse gruppieren sie sich zwischen viel „Bullshit“ – eben wie beim CB-Funk, nur auf mehr als 80 Kanälen.

Trotzdem gab es während meiner Zeit im Clubhouse spannende Highlights, wie Gottesdienste, Charity-Aktionen für die DKMS oder Flutopfer, an denen ich mich beispielsweise mit einer größeren Spende aus einer Vereinsauflösung beteiligen konnte. Schaut man sich aber die Reichweite an und vergleicht das einfach mal mit einer regionalen Aktion unseres Nakuru e.V. im hiesigen REWE, unterliegt Clubhouse hier in der Reichweite selbst gegenüber einem Dorf deutlich, trotz dass man im gesamten DACH-Raum aktiv war. Die wirklich großen Räume gab es am Anfang, aber selbst als ich dazu gestoßen bin, sagten mir viele, dass es solche Räume mit Holm Dressler oder Thomas Gottschalk in dieser Form seitdem nicht mehr gegeben hat. Vielleicht war das der Reiz des Neuen, alles denkbar, aber der verflog halt schon relativ schnell. Ob es über die Arbeitsvermittlungsräume, wie Jobhouse oder ähnliche, Partnerbörsen oder was es noch alles gab, wirklich nachhaltige Kontakte entstanden sind, ist mir nicht bekannt. Sprachcoachings habe ich gerne dort besucht, Sven Gold und Ien Svea Bäumler haben das fantastisch aufgezogen, aber auch das verschwand ebenso, wie „Moin Moin Hamburg“, da hätte ich am Wenigsten gedacht, dass die mal damit aufhören würden. Auch ich versuchte es mit einem größeren Raum, führte ein Interview mit Chris Brandon, es war ein Versuch, der kläglich scheiterte und Gott sei Dank in einem Podcast archiviert werden konnte. Auch Einsteiger-Workshops für Synthesizer fanden kaum Anklang, je später ich einen Raum anlegte, umso weniger waren gefühlt die Interessenten vorhanden.

Was mir übrigens von Anfang an im Clubhouse missfiel und solche Räume und Personen habe ich nach Möglichkeit gemieden, ist dieser surreale Umgang miteinander. Man könnte es auch scheißfreundlich oder pseudo-freundlich nennen, so gab es wiederkehrende Floskeln, die man in Teilen immer wieder hört. Ein schönes Beispiel ist der virtuelle Kniefall, wenn manche die Bühne betreten: „Vielen Dank fürs Hochholen, das ist ein wirklich ganz toller Raum und ihr macht das wirklich super“, man stelle sich das mal bei 50 wartenden Sprechern und begrenzter Zeit vor. Weitere sind „darf ich da mal kurz reingrätschen“, „bei allem Respekt“ und die Kunst, jemandem mit blumigen Worten zu vermitteln, er sei ein Arschloch. Das ist und war nie meine Welt, ich bin ein Mensch der klaren und direkten Sprache, was bei einigen im Clubhouse nicht gut ankommt. Ich traf dort jemanden, der hat sich diese ganzen wiederkehrenden und durchaus nachgeplapperten Beispiele notiert, es war einfach nur grandios, wie sich die Menschen kopieren. Warum ist das so, auch dafür habe ich eine vermutliche Erklärung: Die meisten Menschen sind unsicher, wenn Mimik und Gestik fehlt. Sich ausschließlich auf die Stimme zu konzentrieren, fällt vielen schwer und manchde verfallen dann in einen Modus, nichts falsch machen zu wollen und wirken dadurch wenig authentisch und gespielt. Ich vermute, das ist auch gar nicht deren Absicht, aber skurril wird es natürlich, wenn solche Charaktere dann einen Raum veranstalten, wie man authentisch bleibt. In solch einem habe ich mich dann auch mal zu Wort gemeldet und gespiegelt, was wirkliche Authentizität bedeutet. Ich möchte daher niemandem einen Vorwurf machen, für manche gehört das Spielen mit der Stimme auch zum Alltag. Aber die ganz normalen Menschen, die einfach sie selbst sind, haben das Clubhouse daher nur kurz ausprobiert, so spiegelten es mir eingeladene Freunde, die ich zugegeben auch etwas überredet hatte. Oder sie blieben, aber vollkommen abgeschottet in ihren eigenen Kreisen, das ist im Clubhouse ja auch möglich.

Audiozubehör zu Anfang problematisch

Ein grundsätzliches Problem, das ich in einigen Artikeln beleuchtet habe, ist die Verwendung von Audiogeräten. Wir wissen, dass dies bei Apple mitunter problematisch ist und Clubhouse nutzt hierfür die Modi, welche auch für FaceTime und Skype verwendet werden. Daraus folgt, dass manche Pulte, wie das Tascam Model 12 oder Zoom LiveTrak L-8 zwar problemlos per Lightning-Adapter funktionieren, nicht aber der Roland Go:Mixer Pro oder das Elgato WAVE:3. Die Schwierigkeiten wurden durch den Telephony-Mode ausgelöst, der es verhindert hat, dass einige Audio-Interfaces auf der Bühne funktionierten. Dies wurde später bereinigt, so dass jetzt auch Geräte mit Clubhouse genutzt werden können, die zu Anfang Probleme bereiteten. Besonders für den Music-Mode ist das wichtig und war immer wieder Thema mit Musikern, die ihre Performance dort gut klingend wissen wollten. Hier fiel Clubhouse im Vergleich zu Instagram und Facebook zurück, konnte aber aufholen.

Motorola One Vision mit Clubhouse-App, Elgato WAVE:3 und Beyerdynamic DT 1990 Pro.

Der Music-Mode ist nicht wirklich rühmlich, er arbeitet mit Joint-Stereo, wodurch die Kanalinformationen überlagernd und nicht getrennt gespeichert werden. Das kann zum Gurgeln führen, insbesondere bei zu geringem Ausgangspegel. Zu starke Signale werden komprimiert und vermatscht, das haben alle Codecs miteinander gemein. Clubhouse selbst empfiehlt für die meisten Anwendungen den Standard-Mode und das passt auch meistens, aber nicht immer. Die Kompressionsartefakte halten sich hier durch eine geringere Bandbreite und Begrenzung in der Abtastrate etwas zurück, was vor allem bei schlechten Datenverbindungen positiv auffällt.

Fazit

Clubhouse war neu, niederschwellig und bot unglaublich viele Möglichkeiten, mit besonderen Menschen in Kontakt zu treten. Doch hat sich das Blatt gewendet, heute will Clubhouse zwischen Audio, Chat und Podcasting auftrumpfen und kann sich schwer gegen Videostreams durchsetzen. Für Audio gibt es neben Twitter Spaces auch LinkedIn, die Talks mit Qualität sind längst dahin umgezogen. Während der Ursprungsgedanke die lockere und private Atmosphäre war,haben auf Kommerz ausgerichtete Mitglieder diesen Grundgedanken etwas beschädigt. Klar war es in Corona-Zeiten etwas schwieriger und manche glauben, im social Marketing neben NFTs und Crypto die Goldgruben der Zukunft zu sehen, sollen sie glauben. Aber das war nicht die Grundidee von Clubhouse und dennoch spiegelt das Klientel das wahre Leben wider, auch hier gibt es Menschen, die es mehr oder weniger gut meinen. Warum sollte das also im Clubhouse anders sein?

Zu Anfang waren die Talks wirklich hochkarätig und ich wäre durchaus bereit gewesen, dafür einen monatlichen Obulus zu entrichten. Allerdings erwarte ich dafür auch einen gewissen Schutz vor Allem, was der Gesellschaft nicht gut tut. So gab es zunehmend Räume und das bis Heute, die eher gesellschafts- und teilweise auch menschenfeindlich ausgerichtet sind. Das hat man viel zu sehr toleriert, vielleicht auch aus sprachlichen Gründen. So ein Bisschen ist die Mischung wie bei Telegram, auch hier tummeln sich viele verschiedene Gruppen, das kann man tolerieren, muss man aber nicht. Clubhouse ist jedenfalls nicht mehr alleine am Markt und dieses anknüpfen an bestehende Systeme, wie Podcasting (Raumaufzeichnung) Chatten (Messenger-Funktion) und sogar Games überfrachten das System unnötig und haben damit diesen attraktiven Grundgedanken irgendwie vernichtet. Dieses ungezwungene Austauschen wie am Anfang wurde immer weniger, die Querelen namen ebenfalls zu, was durchaus menschlich ist und auch das führte zu Gruppenspaltungen, die es manchen Communities nachhaltig schwieriger machte. Moderatoren machen im Radio das, was sie im Clubhouse begannen, alleine dafür hat sich die Zeit gelohnt. Doch heute fehlt es mir nicht, zumal auch das normale Leben wieder weitgehend stattfindet. Clubhouse kam zur richtigen Zeit, der Erfolg wäre mit Sicherheit deutlich kleiner ausgefallen, wenn es fünf Jahre früher aufgetaucht wäre.

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