Clubhouse, nur ein Hype oder soziales Netzwerk der Zukunft?

Letzte Aktualisierung am 22. März 2021

In einer der letzten Podcast-Episoden hat Carsten spontan gefragt, ob uns nicht jemand mal zum neuen sozialen Netzwerk Clubhouse einladen könnte, keine 24 Stunden später waren wir drin. Das Clubhouse von Alpha Exploration Co. gibt es in den USA bereits seit März 2020 und läuft auf chinesischen Servern, so dass diese mit Taiwanesen sogar kurz kommunizieren konnten. Seit Mitte Januar 2021 können auch deutsche Nutzer mit einem iPod Touch, iPhone oder iPad Clubhouse verwenden, sofern sie eingeladen wurden. Einfach anmelden geht zurzeit nicht und Android-Nutzer bleiben außen vor, an einer offiziellen App wird derzeit gearbeitet.

Inzwischen haben wir in ClubHouse einen Live-Podcast aufgezeichnet und das soziale Netzwerk in der Praxis demonstriert. Die Klangqualität ist nämlich nicht von schlechten Eltern und wurde in der Performance sogar noch verbessert, reicht aber nicht an HiFi heran. Updates der einzig auf Englisch verfügbaren Clubhouse-App gibt es regelmäßig, in der auch die Barrierefreiheit berücksichtigt wird. Dass man keine freien Anmeldungen zulässt ist logisch, denn es handelt sich noch um einen Beta-Status und schon jetzt merkt man bei Zeiten eine hohe Auslastung der Server. Interessant ist ürigens auch, dass man sich gut überlegen sollte, wen man einlädt. Denn “Trolle” kann man melden und wird jemand gebannt, trifft dies zugleich auch den Einladenden. Was ich übrigens nicht wusste ist, dass sich bereits seit Ende Januar nahezu die komplette Blindenszene dort versammelt hat und so hätte ich im Nachgang einfach nur die Richtigen ansprechen müssen.

Hier findet Ihr unseren Club bei Clubhouse.

Was ist Clubhouse eigentlich?

Im Prinzip könnte man Clubhouse mit einem Konferenzzentrum vergleichen, in welchem sich jeder einen Raum suchen oder selbst erstellen kann. Dabei gibt es drei Typen, die privaten Räume beschränken sich auf gezielt ausgesuchte Benutzer und können nicht eingesehen werden. “Social Rooms” erweitern die Sichtbarkeit auf die Follower, während “Open Rooms” für jeden auffindbar sind. In allen Räumen können Moderatoren ihre Follower “anpingen”, in öffentlichen Räumen kann dies jeder. Für Prominente wichtig ist der Umstand, dass man nur Benachrichtigungen von den selbst gefolgten Personen erhält, hier hat man sich an Twitter angelehnt. Wird man in einen Raum “gepingt”, erhält man eine Push-Mitteilung und kann der Einladung folgen und ist direkt bei zeitnaher Reaktion mit Ausnahme öffentlicher Räume sofort auf der Bühne. Der Raumtyp lässt sich einmalig ändern, aus einem “Private Room” wird entweder ein öffentlicher oder “Social Room” generiert, wobei man dann sogar wählen kann, ob dieser den Followern der anderen Moderatoren angezeigt werden soll. Das ist nützlich, wenn man nicht allzu sichtbar sein möchte, denn je mehr Moderatoren einen Raum betreiben, umso größer ist die Reichweite. So ein Bisschen ist es auch wie Amateurfunk, man betritt einen Raum und spricht mit vielen, auch unbekannten Menschen.

Clubhouse Raumeinstellung

Die Räume sind hierarchisch wie ein Auditorium oder Hörsaal organisiert, es gibt Ränge und Vortragende, “Speaker und die erwähnten Moderatoren. Sie können gemeinsam einen Raum erstellen, auch kann man “Speaker” nachträglich zum Moderator ernennen. Diese haben besondere Privilegien und können Leute aus dem Publikum auf die Bühne holen, stummschalten oder falls nötig auch von der Bühne oder aus dem Raum entfernen. Die Räume können aktuell maximal 8.000 Nutzer enthalten, wobei sich die von den Sprechern gefolgten Zuhörer im vorderen Rang befinden. Trotzdem ist jeder gleichberechtigt und will man sprechen, hebt man virtuell die Hand, die sich im Übrigen in der Farbe auch verändern lässt, dies wird den Moderatoren signalisiert. Wenn jemand spricht, erkennt man dies am pulsierenden Kreis, wer nicht spricht, schaltet sich für Gewöhnlich stumm. Moderatoren können darüber hinaus sich selbst auch von der Bühne schmeißen, Räume schließen oder auch das Handheben grundsätzlich unterbinden, sinnvoll für Interviews oder Frontalvorträge. Bei Räumen macht es Sinn, einen aussagekräftigen Titel und eine Raumbeschreibung anzugeben, damit dieser auch als spannend wahrgenommen wird.

Seit Neuestem kann man innerhalb der App auch Clubs erstellen, so gibt es jetzt auch den “merkst.de-Club”. Sie bündeln Personen mit bestimmten Interessen und es lässt sich wählen, ob man einen Raum persönlich oder unter dem Claim des Clubs erstellen will. Die Möglichkeiten sind vielfältig, so lassen sich bis zu drei zu akzeptierende Clubregeln erstellen und man kann definieren, ob Mitglieder ebenfalls Räume erstellen dürfen. Manche Clubs sind offen, andere wiederum bedürfen einer Einladung. In jedem Fall kann man Clubs folgen und wird über anstehende Räume informiert. Während sich viele Privatgruppen gefunden haben, welche ihre geschlossenen Gespräche wie früher bei Telefonchat-Systemen abhalten, haben die meisten Räume einen klaren Themenbezug. Daher ist es wichtig, dass man sich als “Speaker” an die Vorgaben hält und eine gewisse Diskussionskultur wahrt. Weil jeder Nutzer gleichberechtigt ist und mit Ausnahme der Moderatoren keine Vorteile genießt, ist ein Blick in das jeweilige Nutzerprofil sinnvoll um zu überlegen, ob man denjenigen wirklich zum Gespräch einlädt oder eine gehobene Hand akzeptiert.

Clubhouse Profilseite

Grundlage für die Nutzung ist das Profil, das man nach Einladung erstellen kann. Wer nicht eingeladen wurde, kann sich einen Nutzernamen reservieren. Dieser ist vergleichbar mit dem Screenname bei Twitter und ähnlich strukturiert. Nutzer lassen sich entsprechend folgen und man selbst kann anderen folgen, wobei die Listen einsehbar sind. Neben dem Profilfoto ist eine “Bio” essenziell, hier lässt sich beschreiben, wer man ist und was man macht. Eine Direktkommunikation außer dem Einladen in private Räume gibt es nicht, weshalb man Clubhouse optimalerweise mit Twitter und/oder Instagram verknüpft. In Clubhouse lassen sich lediglich die Listen der Follower und gefolgten Nutzer teilweise einsehen.

Viel Privatsphäre, wenig Datenschutz

Während man Mitglieder, Clubs und Gruppen in Clubhouse wahlweise suchen oder über andere Profile entdecken kann, ist eine Interaktion nur möglich, wenn Nutzer online sind. Man wird daher nur dann von Clubhouse getriggert, wenn Räume interessant sein können oder man in einen Raum eingeladen wird. Sind die Mitteilungen deaktiviert, kann man Einladungen auch per iMessage, SMS oder auf andere Weise übermitteln. Das Clubhouse ist also auf Live-Interaktion ausgelegt, denn Nachhören oder Nachlesen von Räumen ist per se nicht möglich. Zwar werden diese laut Angabe der Entwickler permanent aufgezeichnet, damit bei einem gemeldeten Verstoß nachvollzogen werden kann, was eigentlich passiert ist. Die Aufnahmen sollen jedoch laut Anbieter gelöscht werden, sobald ein Raum ohne Meldung geschlossen wurde.

Clubhouse Raumeinstellung

Der Datenschutz ist hingegen ein Punkt, der das Clubhouse etwas problematisch werden lässt, die Technik basiert auf Agora, einem chinesischen Livestream-System, wie das t3n-Magazin berichtet. Daraus folgt, dass Unternehmen tunlichst die professionelle Kommunikation mit Geschäftspartnern und Kunden unterlassen sollten und man sich selbst in privaten Räumen gut überlegen muss, was man sich erzählt. Nach meiner Einschätzung ist das Sicherheitsniveau mit Telegram gleichzusetzen, was allerdings aufgrund der halböffentlichen Reichweite auch nicht allzu kritisch zu sehen ist. Wer vertraulich kommuniziert und dafür soziale Netzwerke nutzt, macht ohnehin etwas falsch. Allerdings sammelt Clubhouse viele Handynummern, weil die Kontakte nach Bestätigung hochgeladen werden. Bei Einladungen sieht man direkt, wie viele Freunde des potentiellen Mitglieds bereits auf Clubhouse unterwegs sind. Weil Prominente ihren Namen mit der Handynummer verknüpfen, bietet Clubhouse ein spannendes, weltweites Telefonbuch, das hoffentlich gut unter Verschluss gehalten wird.

The Fear of Missing Out

Während wir inzwischen verlernt haben, dass Dinge vergänglich sind und wir durch Facebook, Instagram und Twitter daran gewöhnt wurden, alles nachzulesen und Kommentarsalven nach Verwertbarem zu filtern, ist es bei Clubhouse anders. Hier entscheidet natürlich ein Algorithmus, welche Räume uns interessieren könnten, basierend auf unseren Interessen und gefolgten Nutzern. Weil jedoch nichts nachhaltig bleibt, ist ein verpasster Raum genau das, nämlich verpasst. Podcasts lassen sich lange nachhören, erlauben mit Kommentaren und Bewertungen eine nachträgliche Kommunikation, Live-Räume hingegen erfordern dieselbe Zeit aller Teilnehmer. Wir haben das Thema kürzlich in einem merkst.de-Raum besprochen und die Erkenntnisse waren sehr interessant.

Clubhouse Activity Log

Die Fragestellung war, ob man Clubhouse als Podcast-Ersatz sehen könnte oder sich die Medien sogar ergänzen. Hintergrund ist das individuelle Zeitmanagement, das durch Arbeit und Freizeit begrenzt ist. Wer einen Raum um 11 Uhr vormittags plant, wird somit die arbeitende Bevölkerung kaum erreichen. Hingegen dürfte die Pandemie und das neuartige Konzept als Pendant zu Videokonferenzen Grund für den derzeitigen Run sein, der sicher auch wieder nachlassen könnte. Dabei sind die Themen so vielfältig und die Presse berichtete des Öfteren von Prominenten, wie Thomas Gottschalk oder Bodo Ramelow, die sich auf Clubhouse äußerten – für Journalisten gibt es hier also durchaus Potential.

Audiozubehör problematisch

Ein grundsätzliches Problem, das ich in den nächsten Wochen noch genauer beleuchten werde, ist die Verwendung von Audiogeräten. Wir wissen, dass dies bei Apple mitunter problematisch ist und Clubhouse nutzt hierfür die Modi, welche auch für FaceTime und Skype verwendet werden. Daraus folgt, dass manche Pulte, wie das Tascam Model 12 oder Zoom LiveTrak L-8, zwar problemlos per Lightning-Adapter funktionieren, nicht aber der Roland Go.Mixer Pro oder Elgato WAVE:3. Das Problem dabei ist mir derzeit nicht ganz klar, liegt aber nicht am Energieverbrauch. So ist es nach derzeitigem Stand nicht ganz einfach, geeignete USB-Mikrofone oder Audio-Interfaces zu empfehlen. Auch Headsets sind etwas problematisch, die Apple EarPods oder AirPods Max klingen hingegen gut. Festhalten kann man jedenfalls, dass das interne Mikrofon neuerer iPhones und iPads bei einem indirektem Sprechabstand von ca. fünf Zentimetern ein sehr gutes Klangergebnis abliefern.

Seit Kurzem lässt sich auch ein breitbandigerer Audiomodus temporär aktivieren, sofern Musik oder die Qualität des Audiomaterials dies erfordert. Allerdings reicht auch das nicht unbedingt an HiFi-Qualität heran, zumal Latenzen und Jitter dafür sorgen, dass esmitunter in der Taktgenauigkeit etwas holpriger zugeht. Beim Sprechen fällt das kaum auf, bei Musik mit viel Dynamik und klarem Beat hingegen schon. Dabei muss man allerdings bedenken, dass Clubhouse dafür nicht geschaffen wurde, auch wenn inzwischen sogar Livemusik in manchen Räumen präsentiert wird. Der Kreativität sind durchaus wenig Grenzen gesetzt.

Fazit

Clubhouse ist mal etwas vollkommen anderes und ein schöner Gegentrend zum visuellen Homeoffice. Die Reduktion auf Live-Räume, die Wahl ob man nur zuhört oder sich einbringt, die Gleichschaltung aller Nutzer und die damit verbundene Möglichkeit, auch mit Politikern und Prominenten ins Gespräch zu kommen, macht das Medium unglaublich interessant. Gleichwohl ersetzt es keine Podcasts, aber dürfte Nutzer mit begrenzter Freizeit eher ansprechen. Podcasts sind nicht vergänglich, dulden keinen Widerspruch, lassen sich anhalten, zurückspulen, nachrecherchieren. Clubhouse ist hingegen live und bringt eigentlich das zurück, was der Gesellschaft durch den ganzen sozialen Irrsinn etwas verloren ging: Ein Stück Miteinander und Menschlichkeit.

Die Frage ist nur, was geschieht mit Clubhouse in der Zukunft. Server kosten Geld und ein “Return of Investment” ist natürlich ein wichtiges Thema. Ob eine Monetarisierung in Form von Abos oder Eintrittskarten für Räume geschehen kann, wird sich noch zeigen müssen. Klar ist jedenfalls, dass hier großes Potential auch für Influencer, Coacher, Autoren und für Wissenschaftler bestehen, ihre Werke zu vermarkten oder mit Zuhörern ins Gespräch zu kommen. Aufgrund der Vielseitigkeit sind die Möglichkeiten quasi unbegrenzt und ich bin gespannt, was da noch kommt. Allerdings sind auch Twitter und Facebook nicht untätig und arbeiten an ähnlichen Konzepten.

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